Von Patrick Bernau
14. August 2007 Was passiert nicht alles, um den Menschen klarzumachen: Sparen ist gut. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, sagt die Oma schon den kleinen Kindern. Bald danach setzen die Sparkassen ein: Am Weltspartag gibt es Buntstifte, wenn die Kinder den Inhalt ihres Sparschweins aufs Sparbuch einzahlen. Auch die Älteren bleiben nicht verschont. Ihnen schicken Banken und Fondsgesellschaften regelmäßig Briefe mit den neuesten Konten und Sparangeboten. Und ständig bekommen sie zu hören, dass sie fürs Alter selbst sparen müssen.
Die Spar-Lobbyisten haben ja nicht unrecht. Das Sparen hat einige Vorteile. Wer heute etwas Geld zurücklegt, kann nächstes Jahr mehr Geld ausgeben. Denn die Bank zahlt Zinsen. Und wer zuerst Geld sammelt und dann sein Haus kauft, der muss weniger zahlen als derjenige, der erst kauft und dann abzahlt. Die Zinsen bekommt die Bank wiederum von anderen Leuten, an die sie das Geld in Form von Krediten weitergibt. Zum Beispiel zum Investieren: Firmen können mit dem Geld etwa eine Maschine kaufen und so im nächsten Jahr mehr produzieren. Auf diese Weise erhöht das Sparen den Konsum von morgen - dank der Zinsen gilt das auch für den Sparer, der nicht selbst investiert.
Wir wollen alles sofort haben
Dass es aber schlecht ist, wenn die Leute zu viele Kredite aufnehmen und zu wenig sparen, zeigt sich derzeit ganz deutlich: In Amerika konnten Hausbesitzer ihre Kredite nicht zurückzahlen. Dadurch haben sie eine Kettenreaktion ausgelöst, an deren Ende die Finanzmärkte Angst bekamen.
Doch so ist es nicht immer. Manchmal ist es auch gut für die Wirtschaft, wenn wir nicht zu viel sparen, sondern sofort konsumieren - und das deckt sich auch noch mit unseren Vorlieben. Wir wollen nämlich alles möglichst sofort haben. Nur wenn wir sowieso schon langfristig denken, warten wir gerne.
Das haben Experimente gezeigt. Wenn Probanden vor die Wahl gestellt wurden, in einem Jahr zehn Euro zu bekommen oder in einem Jahr und einer Woche elf, dann entschieden sie sich meist für die elf Euro. Wenn sie dagegen die elf Euro in einer Woche bekommen können, die zehn Euro aber sofort, greifen sie meist sofort zu. Denn wenn man etwas sofort haben kann, setzt sich im Gehirn leicht das limbische System durch, das sich besonders um Gefühle und Triebe kümmert - so ist diese Verhaltensweise von dem Psychologen Jonathan Cohen an der amerikanischen Princeton-Universität erklärt worden.
Am glücklichsten fühlen sich die Menschen also, wenn sie ihr Traumauto oder die neue Lieblings-CD gleich bekommen. Beispiel Auto: Ob man das Geld erst anspart oder das Auto sofort kauft - Geld muss man auf jeden Fall dafür zur Seite legen. Da ist es doch schöner, das Auto sofort zu kaufen, auch wenn das ein bisschen mehr kostet.
Essen gehen ist gut für die Wirtschaft
Dass vom Einkauf auch die restliche Wirtschaft profitiert, liegt an einem Grundprinzip der Ökonomie: Wer etwas kauft, macht damit nämlich nicht nur sich selbst eine Freude - sondern auch dem Verkäufer. Das war eine der zentralen Erkenntnisse von Adam Smith, dem Urvater der Volkswirtschaftslehre: Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Schließlich verdienen Metzger, Brauer und Bäcker Geld beim Verkaufen.
In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts dachte der britische Ökonom John Maynard Keynes einen Schritt weiter. Er fragte sich: Was passiert, wenn die Leute sparen, statt einzukaufen - und illustrierte seine Antwort wieder mit einem kulinarischen Beispiel. Eine individuelle Sparentscheidung bedeutet beispielsweise, dass man heute nicht essen geht, schrieb er. Aber man muss darum noch nicht in einer Woche oder in einem Jahr essen gehen. Seine Folgerung: Also beeinträchtigt das Sparen das Geschäft derjenigen, die das Essen für heute kochen - ohne das Geschäft derjenigen anzukurbeln, die das Essen für die Zukunft kochen. Die Folge: Wenn heute weniger Leute essen gehen, braucht es auch weniger Restaurants, weniger Kellner und weniger Köche. Die Wirtschaft kann darum in eine Rezession stürzen, wenn das in vielen Branchen passiert - wenn die Menschen also zu viel sparen und zu wenig Geld ausgeben.
Gespartes bleibt im Wirtschaftskreislauf
Ganz so schematisch sehen das viele Ökonomen heute nicht mehr. Keynes' Grundgedanken halten seine Anhänger allerdings immer noch hoch: Ob die Leute konsumieren wollen und deshalb Waren nachfragen, spielt für die Konjunktur eine wichtige Rolle. Darum werden diese Ökonomen oft als nachfrageorientiert bezeichnet. Im Restaurant-Beispiel: Wenn die Menschen zu viel sparen und zu selten ins Restaurant gehen, lohnt es sich für die Wirte auch nicht, in neue Möbel oder eine neue Küchenausstattung zu investieren - auch wenn es auf der Bank noch so viel Geld zu leihen gäbe. Für den Investor hat die Nachfrage häufig einen größeren Einfluss auf seine Entscheidung, ob er Geld ausgibt oder nicht, als die Finanzierung, sagt Jürgen Kromphardt, der Vorsitzende der Keynes-Gesellschaft.
Auf die Mittel von der Bank setzen dagegen andere Ökonomen. Dieses Geld kommt ganz automatisch zusammen, es stammt nämlich von den Leuten, die weniger konsumiert und mehr gespart haben. Das gesparte Geld ist nicht weg, sondern bleibt im Wirtschaftskreislauf, sagt zum Beispiel Peter Westerheide am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Ökonomen dieser Denkrichtung betonen: Über die Banken fließt das Geld wieder zu anderen Leuten oder Firmen, die es möglicherweise investieren. Ausgeben werden die Empfänger das Geld auf jeden Fall, sonst hätten sie es sich erst gar nicht geliehen. Und wenn sie bei schwacher Nachfrage keine Verwendung für teures Geld haben, wird das Kapital billiger - die Zinsen sinken, bis die Leute sich das Geld zum Ausgeben leihen.
So viel Geld wie möglich nach Deutschland holen
Junge Ökonomen tendieren inzwischen dazu, beide Positionen zu kombinieren. Sie sehen, dass gespartes Geld nicht unbedingt im Land bleibt, investieren kann man schließlich auch in Asien. Für sie geht es darum, von dem gesparten Geld auf der Welt möglichst viel nach Deutschland zu bekommen, indem man es Unternehmen leicht macht zu investieren. Dies geht auf zwei Arten: einerseits dadurch, dass die Kosten niedrig sind, also die Steuern und Löhne. Andererseits kann Deutschland für Investitionen interessant werden, wenn die Leute viel Geld ausgeben und wenig sparen.
Vor allem wenn im Aufschwung viele Firmen schon investiert haben und dadurch neue Arbeitsplätze entstanden sind, fassen die Menschen Zuversicht, glauben viele Konjunktur-Experten. Dann kaufen die Leute mehr ein und sparen weniger. Und das ist auch ganz gut so. Denn die zusätzliche Nachfrage sorgt für noch mehr neue Stellen - und das hält wieder eine Weile die schlechten Zeiten ab, für die man sparen soll.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.08.2007, Nr. 32 / Seite 50
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, F.A.Z.
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