Ehrengast Türkei

So wie wir sind und waren

Von Wolfgang Günter Lerch

Angekommen in der Weltliteratur: Orhan Pamuk tanzt auf dem Nobelpreisbankett mit seiner Tochter Ruya

Angekommen in der Weltliteratur: Orhan Pamuk tanzt auf dem Nobelpreisbankett mit seiner Tochter Ruya

13. Oktober 2008 Natürlich muss man mit Orhan Pamuk anfangen. Seitdem er im Jahr 2006 den Literatur-Nobelpreis verliehen bekam, ist türkische Literatur auch außerhalb der Türkei im Aufwind; die Wahl der Türkei als Gastland der Buchmesse hat diesen Aufwind merklich gekräftigt: Das Angebot originaler wie übersetzter türkischer Literatur, „klassischer“ und aktueller, ist groß, und es macht deutlich, dass die Literatur der Türken schon seit geraumer Zeit das Niveau der Weltliteratur erreicht hat - keineswegs nur bei einem Ausgezeichneten wie Pamuk, sondern auch bei anderen Autoren und Autorinnen.

Wie verlief der Weg bis dorthin? Die Geschichte der türkischen Literatur neuerer Zeit ist die Geschichte einer gigantischen Emanzipation auf vielen Feldern, mit denen die Literatur jeweils eng verschränkt gewesen ist. Die Emanzipation des türkischen Nationalstaates vom islamisch strukturierten Osmanischen Reich war ohne die Literaten nicht denkbar. Sie betrieben sie, wie sie sie umgekehrt in ihren Werken darstellten. Dies war verbunden mit einer Emanzipation von jener spezifisch islamischen, persisch-mystisch geprägten Literatur, die unter den Sultanen jahrhundertelang dominiert hatte, obwohl durchaus auch weltliche Sujets wie ein gehobener Lebensgenuss (carpe diem) - zumal in der höfischen Literatur (divan edebiyati) - immer behandelt worden waren. Doch dann begann man sich mehr und mehr westlichen, europäischen Vorbildern zuzuwenden.

Künstliche Sprachfindung

In der Spätzeit des Reiches, ganz massiv jedoch in der jungen Republik Kemal Atatürks (1881-1938) emanzipierten sich die Autoren zudem vom osmanischen Türkisch als Literatursprache hin zum „echten Türkisch“ (öz Türkçe), das in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschaffen wurde. An diesem durchaus nicht unproblematischen, weil künstlichen Prozess einer neuen Sprachfindung, bei der es darum ging, das Übermaß arabischer und persischer Wörter zu ersetzen und - auch für die Literatur - eine allgemeinverständliche türkische Sprache zu schaffen, waren die Autoren maßgeblich beteiligt; und fast jeder hatte (und hat) seine eigene Auffassung davon.

Es gibt ein bösartiges Bonmot, das sagt, die Sprachreform sei „gnadenlos erfolgreich“ gewesen. Schließlich emanzipierten sich die türkischen Autoren von den traditionell gültigen Gattungen der Literatur und wandten sich unter dem Einfluss des Westens dem Drama und der epischen Prosa, dem Roman und der Erzählung zu, die es zuvor so gut wie nicht gegeben hatte. Molière und Shakespeare, Dumas (père et fils), Dickens und Flaubert standen unter anderen Pate.

Vorzugsweise Prosa

In osmanischer Zeit hatte die lyrische Dichtung (siir, nazm), insbesondere die äußerst kunstvolle Diwan-Poesie mit ihren vertrackten Metaphern und Sprachspielen die Literatur beherrscht, bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein blieb sie lyriklastig. Hinzu kamen religiös-mystische Versepen (mesnevi), bei denen - man denke an „Hüsn ü Ask“ (Schönheit und Liebe) von Scheich Galib aus dem achtzehnten Jahrhundert - ebenfalls die bedeutenden Dichter Persiens als Vorbilder gewirkt hatten; und selbst in der Volksliteratur, die sich durch ihre formale Einfachheit und anatolisches Türkisch von der Diwan-Poesie unterschied, überwog die Lyrik bei weitem.

Und noch immer sind die Lyriker in der Türkei besonders angesehen. Ein zeitgenössischer „Volksdichter“, der blinde Asik Veysel aus Sivas, war übrigens Kemal Atatürks Lieblingsbarde. Dessen Gedicht „Kara Toprak“ (Schwarze Erde) feierte die anatolische Heimat als das Kernstück des „neuen Türkentums“. Emanzipation fand nicht zuletzt unter Schriftstellerinnen statt, die heute, was Umfang und Qualität ihrer Werke betrifft, mit den männlichen Autoren keinen Vergleich mehr zu scheuen brauchen. Interessanterweise bevorzugen türkische Autorinnen fast ausschließlich Prosa. Nur Gülten Akin, geboren 1933 in Yozgat, hat es geschafft, auf dem Feld der Poesie den Durchbruch zu erzielen und einen ähnlichen Rang einzunehmen wie ihre männlichen Dichter-Kollegen.

Autoren als „Erzieher“ des Volkes

Begonnen hatte alles mit Ibrahim Sinasi. Mit seinem Stück „Die Heirat des Dichters“ (sair evlenmesi), das 1859 herauskam, schuf er das erste dramatische Werk der Türkei, das diesen Namen verdient. Und sein Thema, die arrangierte Ehe, ist bis heute, wie man weiß, leider aktuell geblieben. Sinasi ist der Vater der Tanzimât-Literatur, das heißt jenes Schrifttums, das nach den beiden Reformerlassen des Sultans 1839 und 1856 entstand. Sinasi war vor allem Journalist; er brachte den Türken das alltägliche Lesen bei, doch bis heute sind sie - Angehörige einer traditionellen Hörkultur - eher relativ schwache Leser geblieben. Die moderne Telewelt schwächt das Lesen zusätzlich.

Die Literatur der Tanzimât-Reformen geht über in die Revolution der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. In der Prosa schafft Halit Ziya Usakligil den ersten wirklich bedeutenden Roman („Ask-i memnu“, Verbotene Liebe). Es ist eine Dreiecksgeschichte in den verwestlichten höheren Istanbuler Kreisen, die tragisch endet. Yakub Kadri Karaosmanoglu mit seinem Roman „Der Fremde“ (Yaban) und Peyâmi Safa mit „Fatih-Harbiye“ begleiten - wie viele andere - die nationale Befreiung und die Entstehung des neuen Staates und seiner besonders die Frommen verunsichernden Werte in ihren Werken. Vom Autor wird entsprechend der kulturrevolutionären Staatsdoktrin verlangt, dass er sich im Sinne des Modernismus als „Erzieher“ des Volkes versteht.

„Jeder hat das Recht auf Dichtung“

In der Lyrik sind Nâzim Hikmet und Orhan Veli die großen Revolutionäre. Der Kommunist Hikmet, jahrelang inhaftiert und schließlich im Moskauer Exil lebend, befreit den Vers endgültig von alten Bindungen und wird zu einem Welt-Dichter, der mit Pablo Neruda verglichen werden kann. Orhan Veli und seine Dichter-Freunde Melih Cevdet Anday und Oktay Rifat tun dies ebenso, doch meiden sie jede Form des Pathos, reduzieren das Gedicht auf lakonische Kürze und vorgeblich „triviale“ Inhalte. „Jeder hat das Recht auf Dichtung“ ist Velis Devise, damit einer Demokratisierung der Lyrik das Wort redend. Als Vorläufer und Pionier der modernen Lyrik kann Tevfik Fikret (1867-1915) gelten, wichtigster Dichter der Bewegung Servet-i Fünun (Reichtum der Künste).

Ein einflussreicher Klassizist von hohen Graden bleibt hingegen Yahya Kemal Beyatli, einer der vielen dichtenden Diplomaten, die die Türkei hervorgebracht hat. Und in dem symbolistischen Lyriker Ahmet Hasim, dessen „Frankfurt Seyahatnamesi“ (Reisetagebuch) unlängst auf Deutsch erschien, erlebt das osmanische Türkisch seinen endgültigen Abgesang.

Für Pamuk ein Buch wie Joyces „Ulysses“

In der Prosa wurde parallel zum Roman die Kurzgeschichte (hikâye, öykü) immer populärer. Ihr Pionier um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert ist Ömer Seyfettin. Längst hat er den Rang eines modernen Klassikers, wie auch, eine Generation jünger, Sait Faik Abasiyanik, dessen Vorbild Tschechow ist und dessen Helden man - nach einer seiner Erzählungen - als „überflüssige Menschen“ (lüzumsuz adamlar) bezeichnet hat. Sait Faik, dessen kurzes Leben durch Trunksucht endete, war ein Melancholiker durch und durch. In der Prosa entsteht ein Realismus (gerçekçilik), der sich auf zweierlei Weise ausdrückt: als sozialer Realismus, wie bei dem linken, marxistisch beeinflussten Sabahattin Ali, oder als regionaler Realismus, der mit dem 1933 geborenen Mahmut Makal beginnt und lokale Autoren hervorbringt.

Makal ist kein wirklich bedeutender Autor, aber der Inspirator dieses Themas: der ländlichen Regionen und ihrer Dörfer. Der unverwüstliche, inzwischen weit über achtzig Jahre alte Yasar Kemal, dessen mehrheitlich im Taurus und in der Kilikischen Ebene angesiedelte Romane und Erzählungen teilweise Welterfolge wurden („Mehmed mein Falke“, Ince Memed), sprengte den Regionalismus und die Lesergemeinde der Türkei bereits vor Jahrzehnten und wurde dafür 1997 mit dem Frankfurter Friedenspreis ausgezeichnet. Seine Romane und Erzählungen sind in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Doch es schlug auch die Stunde schwer einzuordnender Einzelgänger, etwa eines Ahmet Hamdi Tanpinar, der nachweislich eines der Vorbilder Pamuks ist. Nach Pamuks Worten hat Tanpinar mit seinem Roman „Huzur“ („Seelenfrieden“, erschienen 1949, jetzt auch in einer Übersetzung von Christoph K. Neumann vorliegend) das „größte Buch über Istanbul geschrieben“, das je in der Türkei erschien; er vergleicht es mit dem „Ulysses“ von Joyce.

Individualistische, existentialistische und feministische Lebensformen

Wie stark sich die Gesellschaft der Türkei in der zweiten Jahrhunderthälfte veränderte, zeigen andere literarische Trends und Strömungen an: Hatten sich viele Autoren bis dahin als „Lehrer der Massen“ begriffen, die insbesondere ein im Sinne des Republikgründers Kemal Atatürk säkulares oder mehr oder weniger „linkes“ Denken fördern wollten, so bringt die massive Verstädterung und Modernisierung der vergangenen Jahrzehnte auch individualistische, existentialistische und feministische Lebensformen in den Vordergrund, die ihren literarischen Ausdruck suchen und finden. In der Lyrik huldigten der unlängst verstorbene Ilhan Berk, Attillâ Ilhan, Fazil Hüsnü Daglarca (Jahrgang 1914), Ahmet Arif und viele andere einem Individualismus, der freilich auch stark politisch akzentuiert bleibt, insbesondere auf der Linken.

In der Prosa steht das schmale Werk des 1989 verstorbenen Yusuf Atilgan (zwei Romane und einige wenige Erzählungen) für den existentialistischen Ansatz. Seine Helden sind melancholisch oder tragisch Scheiternde, so die Protagonisten in „Hotel Heimat“ (Anayurt oteli) und „Der Einzelgänger“ (Aylak adam).

Eine regelrechte Explosion schreibender Frauen

Das Thema der Frauenemanzipation, dem Atatürk besondere Wichtigkeit beimaß, findet in Halide Edip Adivar seine Pionierin, sie ist ganz vom kemalistischen Geist durchdrungen. Sie sieht, etwa in dem Roman „Das Flammenhemd“ (Atesten gömlek) in der Frau die gleichberechtigte, kämpfende Kameradin des Mannes. Hintergrund ihrer Geschichten ist die kemalistische Revolution, deren glühende Anhängerin sie gewesen ist.

Halide Edip hat mit ihren Büchern, die immer wieder aufgelegt werden, inspirierend gewirkt, denn in den vergangenen Jahrzehnten und Jahren ereignete sich eine regelrechte Explosion schreibender Frauen: Adalet Agaoglu, geboren 1929, Füruzan Selçuk, Leylâ Erbil (die gegen den „Osmanismus“ in der türkischen Männergesellschaft, ihren Machismo, anschreibt), die mit nur vierzig Jahren verstorbene Sevgi Soysal, deren Roman „Marschieren“ (Yürümek) wegen seiner erotischen Freizügigkeit Skandal machte, Tomris Uyar, Pinar Kür; in den vergangenen Jahren sind Schriftstellerinnen wie Feyza Hepçilingirler, Erendiz Atasü und Asli Erdogan - Letztere mit ihrem exotisch geprägten Brasilien-Roman „Die Stadt mit der roten Pelerine“ (Kirmizi pelerinli kent) - populär geworden. Zu Hause bleibt hingegen Oya Baydar, deren letzter Roman „Das verlorene Wort“ (Kayip söz) aufs Neue das lange Zeit tabuisierte Kurdenthema aufgreift.

Keine Scheu vor heißen Eisen

Zur jüngsten Starautorin ist Elif Safak avanciert, deren Roman der „Bastard von Istanbul“ (Baba ve piç) ihr die flüchtige Bekanntschaft mit dem Kadi eintrug, wie das leider Gottes noch immer für die allermeisten führenden türkischen Autoren gilt. Lange war es fast eine Art Qualitätsnachweis, mit jenen Paragraphen in Konflikt zu kommen, die einem starren, erziehungsdiktatorisch verstandenen Staatsverständnis geschuldet sind. Es ist eine Tradition, die - wenn auch damals unter religiösen Vorzeichen - bis zu den Osmanen zurückreicht, wo insbesondere Dichter heterodoxer Religionsauffassungen manchmal gefährlich lebten.

Wie ihr männliches Pendant Orhan Pamuk scheut sie sich nicht, heiße Eisen wie die Kurden- und Armenierfrage, doch auch Themen aus dem Umkreis der Sexualität anzufassen. Freilich ist das heute etwas leichter als noch vor Jahren. Safak, in Istanbul lebend, lehrte in Tucson, Arizona, Gender-Studien. Und wie Pamuk hat sie auch keine Berührungsängste gegenüber Inhalten und Wörtern, die jahrzehntelang nicht gerne gesehen waren. Sie verwendet sprachliche Osmanismen, wo es stilistisch geboten scheint, und verarbeitet Geschichte, die man lange verdrängte. Die heutige Türkei leidet noch immer an einer verordneten einseitigen Geschichtsvision, die am Anfang der Republikgründung stand, aber den Veränderungen der Gesellschaft, der Bewusstwerdung der unterschiedlichsten Biographien und ethnischen Milieus, die allmählich stattfindet, nicht mehr gerecht wird. Bevölkerung und Autoren werden sich darüber klar, dass die Republik ethnisch ein Osmanenreich im Kleinen ist.

Moderne Romankunst auf spezifisch türkische Weise

Es geht nun darum, eine weitere Emanzipation zu leisten: die vom Westen, dessen Einfluss in den vergangenen hundertfünfzig Jahren zwangsläufig übermächtig gewesen ist. Es waren europäische, russische, aber auch amerikanische Autoren, die die türkische Literatur anregten, bisweilen bis hin zur platten Nachahmung. Das Authentischwerden der türkischen Literatur jenseits der notwendig gewesenen „Erweckungserlebnisse“ sieht vor allem Pamuk als seine Aufgabe an. Ihn, den an Dostojewskij, Dickens, Flaubert und Thomas Mann Geschulten, interessiert das westöstliche Gegeneinander und Miteinander, das „Übersetzen der Kulturen“, doch will seine Literatur außerdem authentisch türkisch sein.

Zwar wäre es fatal, wollte man anderen Autoren diesen Willen absprechen; auch Hikmet und viele andere - unter ihnen der Satiriker Aziz Nesin - haben sich bemüht, das Authentische neben den westlichen Anregungen und Vorbildern nicht zu vernachlässigen. Pamuks große Romane, die mittlerweile alle auf Deutsch vorliegen, zeigen jedoch den stärksten Willen, moderne Romankunst mit welthaltigen Stoffen auf eine spezifisch türkische Weise darzubieten, welche die Tradition nicht ausschließt, sondern zu integrieren versucht. Immer wieder bekräftigt dieser Autor, dass man etwa aus den Romanen Dostojewskijs weitaus besser erfahren könne, wie das Russland der Zaren im neunzehnten Jahrhundert gewesen sei, denn aus langen Abhandlungen. Das will Pamuk für die Türkei leisten, ein tief gespaltenes Land in rasender Veränderung. Das diesjährige Gastland ist zudem literarisch ein Kosmos, den es freilich erst zu entdecken gilt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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