Paulis Mode

Kann denn Latex Sünde sein?

Von Alfons Kaiser

03. April 2007 Sie steckte die Hände in Latex-Handschuhe, hob sie senkrecht in die Höhe, schaute unter dem dicken Pony der Perücke hervor und lächelte skeptisch in die Kamera. Das Foto, das der Fotograf Jens Boldt nun aufnahm, Höhepunkt eines mehrere Stunden dauernden Shootings, hat die Fürther Landrätin und CSU-Politikerin Gabriele Pauli an den Rand ihrer Karriere und die CSU in tiefe Diskussionen über ästhetische und ethische Fragen gestürzt. Dabei hätte man das Schönste fast übersehen: die cremefarbene Jacke und die schwarze Hose aus Seidenduchesse von Christian Lacroix. Gutgeschnittene Stücke, geschmackvoll drapiert und effektvoll in Szene gesetzt.

Aber wieder einmal ging es nicht um Christian Lacroix. Die Debatte entzündete sich vielmehr an den Latex-Handschuhen, die schwarz glänzen, bis an die Ellenbogen reichen und samt gestelzter Handbewegung und seltsam güldenem Licht android anmuten. Und so weltfremd und unmenschlich kommt der Partei die zum Model gewordene Politikerin denn auch vor: Die Grenze zum Parteiausschluss sei „mit den Latex-Fotos überschritten“, sagt der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber. Verstoßen die Bilder also - das wäre gemäß Parteisatzung die Voraussetzung für einen Ausschluss - „erheblich gegen Grundsätze oder Ordnung der Partei“? Fügen sie der Partei „schweren Schaden zu“?

Vivienne Westwood nannte ihren Laden in „Sex“ um

Vielleicht aus politischer Sicht. Modisch sind solche Aufnahmen wirklich nichts Besonderes. Denn Latex, die milchige Flüssigkeit, die aus den Rinden von Tropenbäumen gewonnen wird, als Grundstoff für Gummifäden und Gummierungen dient und somit zum Beispiel garantiert, dass die Reifen der Dienstwagen von CSU-Granden leicht laufen - Latex ist gar kein ganz besonderer Saft. Vielmehr wird Latex, aus der Fetisch-Szene und aus dem Rotlichtmilieu bekannt, immer häufiger in der Mode genutzt.

Bis in die Siebziger war das Material schlicht „shocking“. Aber es ist kaum noch zur Provokation geeignet, seitdem Vivienne Westwood ihren Laden an der King's Road 430 in London 1974 in „Sex“ umbenannte, seit die von ihr befeuerte Punkbewegung Leder und Latex unters Volk brachte, seit Thierry Mugler in den Achtzigern und Jean Paul Gaultier bis heute für Corps-a-Corps-Ganzkörper-Bodys das geschmeidige Material verwenden.

Schon immer hat sich die Mode der Fetisch-Entwürfe bedient. Der von Westwood entwickelte „bondage style“ mit Lederriemen zum Beispiel ist von Helmut Lang verfeinert worden und heute ein Alltags-Modemittel der Gürtung und Verzierung. Der Minirock, früher Prostituierten vorbehalten, hat sich im Wertewandel der westlichen Welt zu einem gediegenen Produkt entwickelt; nicht einmal die Mikro-Minis, die Karl Lagerfeld für die Chanel-Frühjahrskollektion entworfen hat, reizen zu einem Augenaufschlag. Warum also sollten uns ausgerechnet diese Fotos erregen? Kann denn Latex Sünde sein?

Schon vor Jahren im Geschäft „Hautnah“ gekauft

Silvia Vater, von der die Handschuhe stammen, kann die Aufregung nicht verstehen. Für die freiberufliche Stylistin aus Berlin gehören die Latex-Handschuhe zur Grundausrüstung: „Für einen Stylisten ist das Alltag.“ Silvia Vater studierte Mode an der Universität der Künste - bei der damaligen Professorin Vivienne Westwood. Schon vor einigen Jahren kaufte sie die Latex-Handschuhe im Geschäft „Hautnah“ an der Uhlandstraße in Berlin, einem stadtbekannten Spezialladen für Fetischmode, der damit wirbt, dass „Clubwear, exxentric fashion und den ausschweifenden Mimikris der sexuellen Libertinisten keine Grenzen mehr gesetzt sind“.

Auf der Website heißt es: „Was heute schön ist, entscheiden nicht mehr die Sittenwächter des Biedermeier, sondern nur die eigene Phantasie und der frenetische Beifall der Szene.“ In dem Geschäft sind viele Modelle von Handschuhen, Strümpfen und Korsagen aus Latex zu haben. Am beliebtesten, so eine Mitarbeiterin, ist die Farbe Schwarz. Entweder bleibt sie matt, oder ihr wird mit Silikonspray Glanz verliehen.

„Leben wir im Mittelalter?“

Als Silvia Vater die Handschuhe kaufte, bereitete sie eine Werbekampagne für die Marke Olympus vor. Die Anzeige wurde auch produziert, aber nicht veröffentlicht. Nun, von der „Park Avenue“ für eine Modestrecke mit Pauli engagiert, nahm sie die Handschuhe wieder mit ins Studio. Für das dritte von sieben Bildern der Modestrecke wurden sie auch verwendet. „Es ist ein schöner Kontrast zu dem schweren Seidenduchesse der Lacroix-Teile“, sagt Vater. Die Aufregung über die Fotos kann sie nicht verstehen: „Aus Modesicht ist die Bilderstrecke recht konventionell. Seit Helmut Newtons Fotos ist man doch an Fetisch-Elemente gewöhnt.“

Diese Sicht hat sich auch bei Menschen durchgesetzt, die nicht aus der Modeszene stammen. So sagt Gabriele Paulis Mutter Ursula der Zeitung „B.Z.“ ganz richtig: „Diese Handschuhe waren nur ein Accessoire zu ihrem Outfit.“ Und Gabriele Pauli nutzt ihre Verteidigung im „Stern“ zu einem Gegenangriff: „Schwarze Handschuhe, ich fahre Motorrad - sind das Gründe, um eine Partei wieder zu verlassen? Leben wir im Mittelalter?“

Provinzielles Styling, statische Pose

Das nicht. Aber Gabriele Pauli musste damit rechnen, dass nicht das herrliche Kleid aus Organza mit gefilzten Blumenornamenten von Giambattista Valli oder der fast knielange und nun in CSU-Kreisen als Minirock gescholtene Schlangenlederrock von Celine im Mittelpunkt erst der „Bild“ und dann der gesamten Öffentlichkeit stehen würde. Mode-Shootings sind sensible Veranstaltungen an der Schnittstelle von privater Person und öffentlicher Rolle, von Passion und Funktion.

Wenn sich Stefano Gabbana von „Dolce & Gabbana“ in Vergewaltigerpose oder - wie jetzt von Starfotograf Steven Klein - nur in Schlüpfer und High Heels abbilden lässt, dann ist das seine Sache und nur insofern eine Nachricht, als dass er seine Marke interessant machen will, um sie womöglich bald gewinnbringend zu verkaufen. Wenn ein Politiker sich in Szene setzt, fühlen sich die Menschen gleich in ihrer Doppelrolle angesprochen: Eigentlich gehen solche Fotos ja, wenn sie auch nicht „ästhetisch schön“ sind, wie Pauli pleonastisch sagte, wobei Pleonasmen nicht aus der Fetisch-Szene stammen. Aber eine Politikerin . . .

Und schon geht es nicht mehr um die Bilder. Die Fotos an sich bergen nur die Frage, ob sie schön oder hässlich sind - anstößig sind sie nicht. Man kann das Styling provinziell finden, den Hintergrund langweilig, die Pose statisch, die Handschuhe deplaziert. Aber Modemagazine halten viel mehr Provokationen bereit. Mit den Fotos allein hat Gabriele Pauli der Partei keinen „schweren Schaden“ zugefügt. Alles andere steht auf einem anderen Blatt - und das ist nicht aus Hochglanzpapier.

Text: F.A.Z., 04.04.2007, Nr. 80 / Seite 9
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz

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