Gucci-Chef Mark Lee

„Made in Italy bleibt“

Gucci-Eröffnung in New York: Madonna kam “freiwillig“

Gucci-Eröffnung in New York: Madonna kam "freiwillig"

13. Februar 2008 Mehr Quadratmeter, weniger Etagen: In New York ist der größte Gucci-Laden der Welt eröffnet worden. Gucci-Chef Mark Lee spricht im Interview mit Alfons Kaiser über die Erfolgsaussichten des noblen Geschäfts auf dem umkämpften Luxusmarkt in Manhattan, den Vorteilen eines stringenten Designs und darüber, dass Glamour der Marke nicht schadet.

Sie haben in New York den größten Gucci-Laden der Welt eröffnet. Gibt es eigentlich in Manhattan noch größere Geschäfte einer einzelnen Marke?
Wenige. Tiffany's gleich nebenan zum Beispiel ist größer.

Ihr Geschäft ist fast 4300 Quadratmeter groß. Lohnt sich die Investition? Boss zum Beispiel hat sein Geschäft ein paar Schritte weiter gerade aufgegeben.
Das lohnt sich auf jeden Fall. Man muss das in der langen Geschichte von Gucci in New York sehen. Schon vor 35 Jahren hatten wir in Manhattan drei Geschäfte. Dann hatten wir den großen Laden an der Ecke von Fifth Avenue und 54. Straße, der jetzt geschlossen wurde. Er lief über fünf Etagen, war also unglücklich geschnitten. Nun können wir Accessoires, Männer und Frauen jeweils auf einer der drei Etagen darstellen. Wir sind eine extrem profitable Firma. Bei solchen Zahlen bleibt nicht viel Raum für Eitelkeiten. Der Shop ist wunderbar fürs Image - aber er wird sich auch im Verkauf niederschlagen.

Lange scheinen solche Läden aber nicht zu halten. Das jetzt geschlossene Geschäft wurde erst im Jahr 2000 renoviert wiedereröffnet.
Ja, alle sieben, acht Jahre muss man das Konzept überarbeiten.

Sie machen etwa 70 Prozent der Umsätze in eigenen Geschäften. Das ist sehr viel. Die meisten Luxuslabels verkaufen viel mehr über Multibrandstores. Was sind die Vorteile?
Wir haben die Kontrolle über den ganzen Vertrieb. In den 233 Geschäften auf der Welt, die wir selbst führen, können wir alle Produkte darstellen. Zudem hören wir jeden Tag direkt von den Kunden, was ihnen gefällt oder was nicht. Das sind wertvolle Informationen. Wir haben, obwohl wir eine große Marke sind, vieles unter direkter Kontrolle. Und deshalb eröffnen wir auch weiterhin viele Geschäfte: Im Jahr 2004 hatten wir 198 in eigener Regie, seitdem sind es 35 mehr geworden. Übrigens waren wir bei Gucci schon immer Einzelhändler, seit dem ersten eigenen Laden vor 87 Jahren in Florenz.

Besonders in den neuen Märkten legt der Gucci-Umsatz stürmisch zu, in China im Jahr 2007 sogar um mehr als 100 Prozent . . .
Ja, unser Gesamtumsatz ist in den letzten drei Jahren um 46 Prozent gestiegen. Aber China ist jetzt im vierten Jahr in Folge das Land, in dem wir am schnellsten zulegen. Auch Indien, Russland und der Mittlere Osten entwickeln sich sehr erfreulich.

Das heißt, Sie müssen jetzt als Chef noch mehr reisen als bei Ihrem Antritt vor gut drei Jahren?
Ja, nach China mindestens zweimal im Jahr, im April wieder für zehn Tage. Wir eröffnen Geschäfte nicht mehr nur in Peking oder Schanghai, sondern auch in Xian oder Chengdu. Meine Mitarbeiter sagen dann, das seien kleinere Städte. Aber sie haben sieben oder zehn Millionen Einwohner. Und ich dachte immer, New York sei groß . . .

Werden sich die Hoffnungen erfüllen, die viele Luxusmarken auf China setzen?
Man kann nicht immer um 100 Prozent wachsen. Aber China wird sicher einer der größten Märkte der Welt werden, sei es in fünf, in zehn oder in 15 Jahren.

Seit Sie Gucci führen, arbeiten Sie mit Frida Giannini als Designerin zusammen. Nun hat sie als Chefdesignerin sogar die Gestaltung dieses Ladens verantwortet. Als Architektentochter fiel ihr das nicht schwer, sagt sie. Aber muss ein Designer wirklich die ganze Marke bestimmen?
Als ich Ende 2004 zu Gucci zurückkam, war sie für die Accessoires zuständig. Ich sah sofort, dass sie sehr smart und talentiert ist. Nach vier Monaten hat sie dann auch die Damen übernommen . . .

. . . von Alessandra Facchinetti, die nun als Nachfolgerin von Valentino in Paris debütiert . . .
. . . und wiederum acht Monate später übernahm sie auch die Herrenmode. Alle Produktbereiche - Accessoires, Herren, Damen - spielen nun wunderbar zusammen. Und da passt es nur allzu gut, wenn sie auch auf die Ladengestaltung achtet. Der Kunde wird die Stringenz spüren. Für eine Marke ist es unglaublich wichtig, konsistent zu sein. Alles, was der Kunde sieht und spürt, muss wie aus einem Guss wirken.

Wenn der Erfolg der Marke auf Frida zurückzuführen ist - welcher Anteil bleibt dann Ihnen?
Eine so große Marke besteht nicht nur aus zwei Leuten. Allein an der Einrichtung dieses Geschäfts waren Hunderte beteiligt. Was ich mir zugutehalte: dass ich ihr so schnell die Verantwortung übergeben habe. Ich muss mich gar nicht in ihre Arbeit einmischen. Wir reden nur über die Strategie. Sie hat dann die Freiheit, zu arbeiten.

Aber Sie reden jeden Tag miteinander?
Nicht einmal das. Wir arbeiten in der gleichen Stadt, aber ihr Atelier ist in einem anderen Stadtteil.

Aber Florenz ist klein!
Klar. Auf jeden Fall verstehen wir uns sehr gut.

Obwohl Frida von Haus aus Accessoire-Designerin ist, legt vor allem das Prêt-à-porter zu. Werden sich die Anteile verschieben?
Weniger als ein Fünftel des Umsatzes machen wir mit der eigentlichen Mode, das meiste machen also Taschen und Schuhe aus. Wir werden in allen Produktkategorien weiter wachsen, aber in der Mode am meisten, weil sie noch unterrepräsentiert ist. Mode ist sehr wichtig für den örtlichen Kunden. Touristen kaufen zum Beispiel hier in unserem New Yorker Laden relativ wenig Bekleidung, mehr Accessoires. Umgekehrt dient das Prêt-à-porter dazu, eine feste und dauerhafte Beziehung zu Stammkunden hier in New York aufzubauen.

Wenn Sie so stark weiter wachsen, werden Sie nicht mehr alles in Italien herstellen lassen können. Werden Sie dann Ihre Produktion nach China verlagern?
Nein. Das „Made in Italy“ ist einer der unveräußerlichen Werte unserer Marke, das bleibt. Um die Produktionskapazitäten müssen wir uns noch keine Sorgen machen.

Und Zweitlinien, die man billiger produzieren könnte, machen Sie im Gegensatz zu vielen anderen Marken auch nicht?
Da gäbe es vieles, was wir machen könnten: Sport, Kindermode, Golf. Aber wir machen es nicht.

Aber Lizenzen vergeben Sie schon?
Nur zwei: Brillen machen wir mit Safilo, Düfte mit Procter & Gamble. Uhren stellen wir in einem eigenen Betrieb in der Schweiz her. Auch hier gilt: Nichts einfacher, als fünfzig Lizenzverträge abzuschließen. Aber wir machen es nicht, um der Marke willen. Wenn Sie also fragen, was mein Anteil an Gucci ist: Ich sage nein zu allen möglichen Lizenzangeboten - das ist doch auch schon was!

In Italien steht die Luxusindustrie gerade in der Kritik, weil sie ihre Zulieferer nicht genügend kontrolliert. Wie sichern Sie gerechte Arbeitsbedingungen?
Wir lassen unsere Produktion freiwillig zertifizieren: keine Kinderarbeit, keine illegal Beschäftigten, Sicherheit am Arbeitsplatz, Gesundheitsstandards. Die Zulieferer werden regelmäßig überprüft. Vergangenes Jahr haben wir das Siegel für die Herstellungskette unserer Lederwaren und des Schmucks bekommen. Das Gleiche machen wir nun auch bei Schuhen und Mode.

Um den neuen Laden zu feiern, haben Sie ein großes Galadiner veranstaltet. Sogar Madonna haben Sie als Gast eingekauft.
Nicht eingekauft - sie ist freiwillig gekommen. Die Hälfte der Spenden an dem Abend geht an Madonnas Aidswaisen-Hilfsorganisation "Raising Malawi", die andere Hälfte an Unicef.

Außerdem kamen unter anderen Ashton Kutcher, Demi Moore, Tom Cruise, Katie Holmes, Jennifer Lopez, Gwen Stefani, Diane von Furstenberg, Donald Trump, Gwyneth Paltrow, P. Diddy, Debra Messing, Drew Barrymore, Brooke Shields, Lucy Liu, Heidi Klum. Nelly Furtado, Alicia Keys, Rihanna und Timbaland traten auf. Ein bisschen Glamour schadet Ihrer Marke eben auch nicht.
So ist es.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.2008, Nr. 6 / Seite 57
Bildmaterial: AP, REUTERS

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