14. September 2006 Auf Stars legt er keinen Wert - und das in New York! Derek Lam, eigentlich vorsichtig in der Wortwahl und leise im Urteil, kann wütend werden, wenn es um die Vermarktung der Mode über Hollywood- und Boulevard-Größen geht. Das Ganze wird total übertrieben! Ich möchte nicht Teil dieser Maschinerie werden! Nun gut, auch bei der Derek-Lam-Schau am Dienstag in New York saßen Rapstar Kanye West mit Verlobter und Schauspielerin Demi Moore mit Ehemann in der ersten Reihe. Aber Stars als Werbefiguren? Paris Hilton als Zugpferd? Dafür nimmt er seine Arbeit zu ernst: Es ist langweilig, verursacht nur Lärm und lenkt von der Mode ab.
Derek Lam, einer der upcoming stars der Olympus Fashion Week in Manhattan, hat lange daran gearbeitet, sich ein so deutliches Urteil zu erlauben. Seine Herkunft wird es ihm erleichtert haben: Die Großeltern mütterlicherseits besaßen eine Textilfabrik in San Francisco, der chinesischstämmige Vater importierte Stoffe und Kleidung aus Hongkong. Und Derek verfiel der Mode nicht sofort, sondern studierte zunächst Geschichte und Englisch, bevor er die Parsons School of Design in New York besuchte. In der Mode sieht er also wegen der familiären Prägung vor allem die Bekleidung: Ich bin kein Mode-, ich bin ein Bekleidungsdesigner. Das Handwerkliche interessiert mich. Der Untertreibungskünstler will auch nicht zum Star werden - und spricht entsprechend vorsichtig, immer an seinen eigenen Sätzen zweifelnd, über die Mode im allgemeinen und sich selbst im besonderen.
Amerikanische Dynamik
Angesichts der melancholisch gestimmten Vorsicht ist seine Mode von amerikanischer Dynamik. Sie bezieht sich auf seine beiden wichtigsten Lehrer, Geoffrey Beene, der amerikanisches Design mit schnitttechnischem Raffinement bereicherte, und Michael Kors, für den er in den Neunzigern acht Jahre lang arbeitete. Kors faszinierte ihn mit unprätentiöser Sportswear: Ihm verdanke ich viel. Zwischendurch arbeitete Lam in Hongkong bei einem chinesischen Unternehmen für Massenkonfektion. Dort lernte er, den Geschmack der Menschen zu treffen und den wichtigsten neuen Markt für Luxusmode zu erschließen. Aber deshalb frage ich mich natürlich nicht an erster Stelle, was ein Markt will - sondern was ich will.
Bevor er zu alt wurde, etwas Neues zu wagen, entwickelte er seine Linie unter eigenem Namen. Im September 2001 wollte er beginnen. Wegen der Terrorangriffe verschob er den Beginn. Erst im Februar 2003 brachte Derek Lam bei der New Yorker Modewoche Derek Lam heraus. Wir haben leise begonnen. Daher die Überraschung. Das mit der Überraschung ist natürlich mal wieder untertrieben: Amerikanische Presse und Einkäufer empfanden schon die zweite Kollektion vom September 2003 als Sensation.
Seitdem ist Derek Lam der Älteste der Jungen. Er gehört zur neuen Generation aufstrebender Modemacher nach Marc Jacobs - neben Zac Posen, Doo Ri Chung, Richard Chai, Behnaz Sarafpour sowie Jack McCollough und Lazaro Hernandez (Proenza Schouler). Derek Lam ist realistisch genug zu wissen, daß der Erfolg dieser Generation auch auf die Umstände zurückzuführen ist. So haben sich in Mailand wegen der großen Luxusmarken kaum junge Designer etablieren können - die jüngsten heißen Dolce und Gabbana, sind Mitte vierzig und feierten vergangenes Jahr ihr Zwanzigjähriges. In Paris werden junge Stars gleich von großen Häusern verpflichtet - wie Riccardo Tisci von Givenchy oder gerade Olivier Theyskens von Nina Ricci. New York also wurde zum Laboratorium, zumal man sich nach dem 11. September 2001 an jede neue Hoffnung aufstrebender Stimmung klammerte. Nicht zuletzt, sagt Derek Lam lächelnd, sind auch wichtige Chefredakteurinnen wie Glenda Bailey (Harper's Bazaar) und Anna Wintour (Vogue) wohlwollend - unter anderem, um New York als Mode-Standort aufzubauen gegen die Mailänder und Pariser Dominanz. Die alten Namen Oscar de la Renta, Carolina Herrera und Bill Blass klangen allzu altbekannt. Es mußten neue Namen her.
Unsere Geschichte ist kurz
All diese jungen Designer sind unabhängig und gehören nicht zu Konzernen. Sie können also von Null anfangen. Wir sind eine optimistische Kultur - und unsere Geschichte ist kurz. Das spiegelt sich auch in der Mode, meint Lam, der die amerikanische Klassikerin Claire McCardell verehrt und sich nicht als besonders rebellisch ansieht. Das klänge nicht nach Langlebigkeit. Besser, man wird nie so genannt. Sonst käme man nie von diesem Label herunter. Die Zuschauer sollen nicht nur nach einer Sache schauen. Darauf muß man achten, wenn man neu ist und sich auch noch verändern möchte. Seine Mode, die er mit den Marketingwörtern intelligent, gefühlvoll, unprätentiös umschreibt, ist daher klassisch - im kommenden Frühjahr auch in den Farben (beige, weiß), den Materialien (Baumwolle, Pique, Leinen) und den Formen (Trenchcoats, Cocktailkleider). Aber so richtig möchte er gar nicht darüber reden. Das würde ihn eines Tages zu stark festlegen auf eine Rolle. Nur soviel: Meine Mode soll die Bescheidenheit erheben. Im Luxussektor ist das Einfache subversiv.
Mit einer solchen Einstellung kann er gut mit Tod's zusammenarbeiten. Für die italienische Schuhmarke entwirft Derek Lam seit vergangenem Jahr eine kleine Pret-a-porter-Kollektion. Von Diego Della Valle, der Tod's zur am schnellsten wachsenden Modemarke Italiens gemacht hat, kann er auch die Kunst der Markenbildung und der geschäftlichen Globalisierung erlernen. Es muß allerdings Lams Anforderungen entsprechen: nicht sinnlos wachsen; einen festen Kundinnenstamm heranziehen; nur ausgewählte Geschäfte beliefern, bisher sind es mehr als 150 in 15 Ländern Europas, Asiens und der Vereinigten Staaten, unter anderem The Corner in Berlin und Theresa in München. Überhaupt liegt ihm Deutschland am Herzen: Er besuchte eine deutsche Schule in San Francisco, und sein aus Hamburg stammender 41 Jahre alter Lebenspartner Jan-Hendrik Schlottmann, der früher in New York Prada-Kosmetik vermarktet hat, führt bei Derek Lam die Geschäfte.
Die Erfahrungen und Kontakte der beiden, die jeweils ein Jahrzehnt in anderen Firmen arbeiteten, können sie nun nutzen. Das Wichtigste sind der richtige Designer und eine gute Fabrik, meint Schlottmann. Sie lassen in Italien produzieren, in Crema in der lombardischen Provinz Cremona. Dort stimmt die Qualität, selbst bei einer Massenproduktion mit einer Auflage von zwar nicht Tausenden, aber immerhin Hunderten Teilen. Kreatives Zentrum ist das neue Atelier in der 26. Straße in Chelsea, wo auf einer alten Fabriketage 18 Angestellte mit Blick durch eine riesige Fensterfront auf Midtown entwerfen, nähen, verwalten und vermarkten. In dem Gebäude, in dessen Lastenaufzug sogar ein Lastwagen paßt, haben auch Carolina Herrera ihren Haupt- sowie Karl Lagerfeld und Hugo Boss ihren amerikanischen Sitz. Das alles erzählt Schlottmann in aller Ruhe. Denn Lam geht derweil etwas umständlich der Aufgabe nach, fotografiert zu werden. Ein richtiges Bild soll man sich nicht von ihm machen. Wie hatte er schließlich auch über seine Mode gesagt? Die Frau soll sich nicht nach einem Bilde formen, sondern nach ihrem eigenen Geschmack.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REU, REUTERS