15. März 2008 Majed Al Sabah stammt aus der königlichen Familie Kuweits. Sein Weg zur westlichen Mode war lang, aber jetzt ist er der wichtigste Einzelhändler im Mittleren Osten. Der Scheich kennt so ziemlich jeden in der Szene - das zeigt sich auch während des Interviews.
Vor dem Gespräch will er nur kurz etwas bestellen. Aber in der Bar Vendôme des Hotels Ritz sind alle Kellner beschäftigt. Majed al-Sabah wird ungeduldig: Immer das Gleiche!“ Ein Kellner bemerkt ihn, nimmt die Bestellung entgegen, und nach einer Minute steht der Tee auf dem Tisch. Majed al-Sabah erkundigt sich zunächst nach dem Befinden der Familie. Dann kann es losgehen.
Wie gefällt Ihnen die Wintermode, die Sie gerade in Mailand und Paris gesehen haben?
In Mailand war es nicht einfach. Prada, Marni und Gucci haben mir am besten gefallen, in Paris MiuMiu, Dries van Noten, Yves Saint Laurent, Lanvin, Valentino. Bei anderen muss man länger suchen.
Die Mode wirkte sehr konservativ.
Ja, sie lebt eben vom Wechsel. Aber bei Dolce & Gabbana waren wir ein bisschen überrascht. Eigentlich schockieren sie ja gern. Da ist das Gegenteil dann aber auch wieder interessant.
Zu den beiden Designern haben Sie eine besondere Beziehung.
Ja, als ich 1991 begann, Luxusmode in Europa zu kaufen, waren sie offen für mich. Seitdem sind wir loyal zu ihnen und sie zu uns. Etwa 70 Prozent ihres Geschäfts im Mittleren Osten wickeln wir ab. Domenico Dolce ist Sizilianer, und ich bin Araber. Wir haben die gleiche Mentalität, wir glauben noch an Familienwerte.
Dann ist es für Sie in Italien, wo die Mode noch von Familien bestimmt wird, angenehmer als in Paris?
Ja, viel angenehmer. Man sieht es am Portfolio unserer Marken. Fendi, Prada, Etro, Ferragamo – alles Familien! Sie entscheiden auch schnell. In Frankreich muss man mehr Geduld mitbringen.
Und wie war das, als Sie im Juli 1991 zum ersten Mal nach Mailand kamen?
Damals gab es noch kein Internet. Ich schlug im Index der Magazine die Adressen der Showrooms nach. Und ich bat die französische und die italienische Botschaft um Informationen. Es war schwierig, überhaupt Termine zu bekommen.
Warum?
Mal war es Ignoranz, mal Arroganz. Man wusste nicht, dass sich in unserer Weltregion die Frauen auch schön anziehen wollen. Außerdem war der Golfkrieg gerade erst vorbei. In New York – etwa bei Ralph Lauren – war es einfacher. Das hat mir dann wiederum in Europa geholfen.
Warum waren Sie so überzeugt von Ihrer Modemission?
Wenn man wirklich daran glaubt, widmet man sich dem vollkommen. Es begann schon in meiner Kindheit. Ich liebte die Mode, aber sie war bei uns in Kuweit kaum zu finden. Die meisten flogen nach Europa, um Kleidung einzukaufen – und das habe ich nicht verstanden. Ich war ein ruhiger, ernsthafter Schüler. Weil ich an schwerem Asthma litt, konnte ich nicht so viel unternehmen. So dachte ich darüber nach, was ich an Einzigartigem im Leben machen könnte.
Aber Ihre Familie war von Ihren Mode-Ambitionen nicht begeistert?
Ich komme aus der königlichen Familie, da war die Mode eigentlich nicht akzeptabel. Aber mein Vater und meine Mutter haben mich unterstützt. Heute gehört die ganze Familie zu meinen Kunden.
Und Sie haben eine riesige Familie!
Das kann man wohl sagen!
Und wie wurden Sie zum wichtigsten Luxusmodehändler im Mittleren Osten?
Ich kam jede Saison nach Paris und Mailand – und wurde langsam anerkannt. Im Jahr 1996 hörte ich, dass Gucci in unserer Region expandieren wollte . . .
... als Tom Ford gerade begann, die Marke wiederzubeleben.
Ja. Die Gucci-Geschäfte waren damals bei uns noch klein, nur 60 oder 80 Quadratmeter. Ich habe als Franchisenehmer einen 600-Quadratmeter-Flagshipstore in Kuweit eröffnet. Das war der Türöffner für viele weitere Marken. Heute führen wir Geschäfte für Prada, Bottega Veneta, Valentino, Manolo Blahnik, Ferragamo, Marni, Yves Saint Laurent und viele weitere, bald auch Tom Ford.
Und die Kunden werden anspruchsvoller.
Ja, denn sie sind besser informiert. Sie sehen alles online, lesen die Magazine, reisen viel und schauen Fashion TV Arabia“, den einzigen Sender auf der Welt, der rund um die Uhr nur Mode zeigt.
Wie reagieren Sie darauf?
Mit Sachen, die nur teuer sind und sonst nichts, kommt man nicht weiter. Jetzt geht es um den intelligenten Kauf. Man braucht ikonische Produkte. Und man muss sich darauf einstellen, dass die Frauen wie in Europa H&M mit Gucci, Zara mit Chanel kombinieren. Der Kunde will auch schon an den Geschäften Kreativität erkennen. Daher haben wir schon einen Laden im Souk von Damaskus eröffnet oder in einem Industriegebiet.
Die Einkäufer aus Antwerpen vom Nachbartisch brechen auf. Er kennt sie seit langem und hat sich vorher mit ihnen unterhalten. Ihnen gehört die führende Designerboutique der Stadt, SN3“. Kommst du auch zur Chloé-Schau gleich?“ Nein, er hat noch andere Termine. Viel Spaß! Au revoir!“
Und was müssen die europäischen Marken in der arabischen Welt beachten?
Nicht alles, was sich in Europa verkauft, geht auch bei uns. Wir verbringen also immer mehr Zeit damit, den Marken zu erklären: Wenn du bei uns Erfolg haben willst, musst du bestimmte Produkte eigens für uns entwickeln.
Zum Beispiel?
Wir haben schon mit Fendi und Roberto Cavalli Kaftans für Frauen entworfen. Mit Tom Ford, der maßgeschneiderte Herrenanzüge macht, arbeiten wir gerade daran, dass er maßgeschneiderte Dishdashas gestaltet, unsere weißen Gewänder.
Gibt es auch schon Marken, die Abayas entwerfen, die Gewänder der Frauen?
Wir beginnen jetzt mit Jil Sander und mit Dries van Noten. Bis heute kommen die Abayas nur von regionalen Anbietern. Wer sich modisch ausdrücken möchte, kann das bisher nur über Handtasche und Schuhe. Daher hoffe ich auf ein großes Geschäft mit den Marken-Abayas.
Allzu bunt werden sie nicht werden.
Nein, es geht um Stickereien am Saum oder um Farben auf der Innenseite. Und man muss auf die Stückzahlen achten. Besondere Dinge müssen limitiert sein.
Wie in der Haute Couture.
Ja, schon weil die Emirate so klein sind. Abendkleider kann ich pro Land nur zwei- oder dreimal verkaufen, weil sich auf den Hochzeiten und Partys immer die gleichen Leute begegnen. Wenn wir ein Kleid verkaufen, fragen wir die Kundin, zu welchem Anlass sie es trägt. Bis dahin halten wir die anderen Kleider zurück. Es ist schrecklich für uns, wenn zwei Frauen das Gleiche an einem Abend tragen.
Und wie hat sich der Geschmack der arabischen Frauen entwickelt?
Wie in der ganzen Welt – aber femininer. Unsere Frauen verlassen nicht das Haus, bevor Haar, Make-up und Kleidung perfekt sind. Wenn ich mich hier in Europa umschaue, bei allem Respekt: Fingernägel, Schmuck, Haare stimmen oft nicht. Unsere Frauen dagegen sind superperfekt. Sie arbeiten sehr daran, sexy zu sein – und brauchen mindestens eine Stunde, um sich zum Ausgehen fertig zu machen.
Sneakers laufen an Ihnen vorbei?
Ja. Wobei unser Markt wiederum auch nicht ganz einfach ist für feine Schuhmarken wie Manolo Blahnik oder Christian Louboutin. Unsere Kundinnen suchen den Komplettlook: Zur Tasche wollen sie den passenden Schuh – anders als in Europa, wo jede Tasche zu jedem Schuh passt. Daher haben es die Komplettanbieter wie Gucci oder Prada bei uns leichter
Hat der globalisierte Stil Grenzen?
Man kann die Sachen nicht so vermarkten wie im Westen. Stars zum Beispiel sind für Araberinnen nicht so wichtig. Denn sie sind selbstbewusst, viel selbstbewusster als Europäerinnen. Wenn in Europa ein Magazin Gwyneth Paltrow mit Chloé-Tasche zeigt, kaufen sich viele wirklich diese Tasche. Unsere Frauen interessiert das nicht. Sie haben ihren eigenen Stil. Für sie ist nur wichtig, was sie schön aussehen lässt.
Für arabische Männer ist das sicher nicht immer ganz einfach.
Inzwischen arbeiten ja zwei Drittel unserer Frauen, und sie werden dabei durch Regierungsprogramme unterstützt. Sie können sich die Mode also selbst leisten. Und außerdem interessieren sich die Männer selbst inzwischen für Mode. Sie achten auf sich, verbringen immer mehr Zeit im Spa, im Sportstudio, beim Friseur. Auch sie mögen es übrigens üppig, machohaft, auf Los-Angeles-Art.
Und was kaufen Araberinnen nicht?
Sie kaufen keinen Minimalismus, weil er nicht sinnlich genug ist. Natürlich auch keine Mikro-Minis oder Durchsichtiges. Auch mögen sie keine figurativen Darstellungen auf den Kleidungsstücken, also Drucke von Männer- oder Frauenkörpern zum Beispiel, schon gar nicht nackte.
Und Farben?
Sind wie in vielen südlichen Ländern sehr beliebt. Aber es gibt auch andere: Meine Frau zum Beispiel, die auch aus Kuweit stammt, trägt gerne viel Schwarz und viel Dunkelblau.
Gilles Bensimon tritt an den Tisch und stellt seinen Bruder vor. Bensimon hat’s nicht leicht zur Zeit. Die amerikanische Elle“, für die er als Creative Director“ ein Jahrzehnt lang alle Titelbilder fotografierte, bringt für die April- und die Mai-Ausgabe Titelbilder von anderen Fotografen. Al-Sabah ist’s egal. Er unterhält sich angeregt und widmet sich auch dem Bruder: Was für eine Ehre, Sie kennenzulernen!“
Sie kennen jeden in der Modeszene!
Es ist ein kleines Dorf, aber voller großer Egos. Ich sehe immer mehr Überdruss in diesem Dorf. Und aus der Langeweile resultieren Klatsch und Tratsch. Zwanzig Prozent der Dorfbewohner sind sehr menschlich, wie Gilles zum Beispiel. Bei den anderen ist das Problem die Loyalität, die Ethik. Nehmen wir das Beispiel Joyce Ma, die viele Designer in Hongkong groß gemacht hat. Vor kurzem hat sie sich zur Ruhe gesetzt. Glauben Sie, bei der Modewoche fragt mal jemand, wie es ihr geht? Es kümmert keinen. Wenn sie da wäre, würde jeder sie umarmen und abküssen. Aber wenn man nicht mehr in einer Position ist, wird man sofort vergessen. Das hasse ich an der Modewelt.
Vielleicht ist Vergessen eine natürliche Reaktion in einem schnellen Geschäft.
Ja, aber so etwas gibt es nicht bei uns. Im Mittleren Osten gibt es noch Verbindlichkeit und Respekt. Wenn ich jemanden kennenlerne, grüße ich ihn auch noch am nächsten Tag. Das kann man hier nicht erwarten.
Und wie verträgt sich individualistische Mode mit einer Lebensart, der es auf Zusammengehörigkeit ankommt?
Wir wachsen mit Familienwerten auf. Wir bleiben zu Hause wohnen, bis wir heiraten. Jeden Tag verbringt man mit Eltern und Großeltern. Die Bindungen sind sehr stark, auch weil wir ja viel kleinere Gemeinschaften sind. Zudem verlangt der Islam Respekt für die Altvorderen.
Zieht das modische Konflikte nach sich?
Ja. Die Mütter müssen schon ein bisschen schimpfen. Aber so lange die Mode den Respekt wahrt...
Stefano Tonchi kommt herein, Chefredakteur des Stil-Magazins der New York Times“. Al-Sabah begrüßt auch ihn in seiner Muttersprache: Ciao, Stefano!“ Wie geht’s? Gut? Mir auch!
Modische Dynamik hängt auch mit der Demographie zusammen.
Drei Viertel der Menschen sind bei uns jünger als 28 Jahre. In Paris oder Mailand ist das Durchschnittsalter Anfang vierzig. Wer jung ist, kleidet sich noch lieber, ist oft noch besser und schneller informiert.
Und trägt Jeans?
Das war ein großer Trend in den letzten Jahren, der jetzt abebbt, wie in Europa. Jetzt greifen die Frauen wieder lieber zu Kleidern – und mischen sie selbstbewusst mit den örtlichen Vorlieben.
Und diese Mischung aus Altem und Neuem schärft das modische Bewusstsein?
So ist es. Bei uns kommt Lokales und Globales, Traditionelles und Modernes, Arabisches und Europäisches zusammen – und in der Mode zeigt es sich.
Scheich Majed Al Sabah, der wichtigste Mode-Einzelhändler im Mittleren Osten, verkauft in seinen Villa-Moda- Luxuskaufhäusern die besten westlichen Modemarken. Seit der Gründung der ersten Villa Moda in Kuweit 1992 hat er viele weitere Multibrandstores eröffnet: zwei in Dubai, zwei in Qatar, einen in Bahrein, drei in Damaskus, zwei weitere in Kuweit. Inklusive vieler Franchiseläden will er Ende des Jahres 50 Geschäfte im Nahen und Mittleren Osten betreiben. Für seine Luxusbasare sucht er immer nach neuen Marken.
Zurzeit führt er vor allem japanische und belgische Designer wie Ann Demeulemeester oder Haider Ackermann ein; für Dries van Noten eröffnet er gleich mehrere Geschäfte. Die Mode wurde dem 39 Jahre alten sheikh of chic nicht in die Wiege gelegt: Er stammt aus Kuweits Königsfamilie. Sein Onkel, Scheich Jaber al-Ahmad al-Jaber Al Sabah war von 1978 bis 2006 Emir des Staates Kuweit, ein anderer Onkel, Saad al-Abdallah al-Salim Al Sabah, war Premierminister. Seine Mutter Sheikha Amthal al-Ahmed al-Jaber Al Sabah engagiert sich in Wohltätigkeitsorganisationen, sein Vater ist Immobilienunternehmer. (kai.)
Die Fragen stellte Alfons Kaiser.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z. - Helmut Fricke
