Mode

Lolitas mit Flügeln

Von Ingeborg Harms und Melanie Mühl

Wer soll nur diese Größen tragen? Die neue Kollektion von „Miss Sixty”

Wer soll nur diese Größen tragen? Die neue Kollektion von „Miss Sixty”

17. Juli 2006 Er liebt diese Auftritte. Umgeben von einer Schar Bodyguards, schritt Klaus Wowereit am Freitag in einem schicken dunklen Anzug über das Gelände der ehemaligen Kabelwerke in Spandau. Die Sonne wärmte, der Bürgermeister gab sich gut gelaunt, lachte, scherzte, trank Champagner und unterhielt sich angeregt mit einem jungen Mann, der sein Hemd so weit aufgeknöpft trug, daß er es gleich im Kleiderschrank hätte lassen können. Um einen riesigen Pool drängten sich junge, extravagant gekleidete Menschen und kühlten ihre Füße, während durch die Luft Chill-out-Klänge flirrten.

Am Eröffnungstag der Streetwear-Messe „Bread & Butter“ regierte die Trägheit. Einkäufer und Besucher schienen sich im Zeitlupentempo durch die Hallen zu bewegen, in denen etwa 450 Aussteller ihre Street-, Sports- und Casualwears präsentierten, unter ihnen bekannte Namen wie G-Star, Replay und Levi's. Wer aber auf der Suche war nach ein bißchen Glück, der mußte sich zum Stand des kleinen Modelabels „Adelheid - Werkstatt des wahren Glücks“ treiben lassen. Kauf mich, und dein Leben wird gut und sorglos, wollen die kinderbunten T-Shirts suggerieren, auf denen „Glückspilz“, „Glücksfalter“ oder „Halt mich warm“ geschrieben steht. „Wir sind eine Glücksbringermarke“, versprach dann auch eine blonde junge Frau, die wie ein zwölfjähriges Mädchen aussah und lieblich lächelte. Die Marke „Adelheid“ möchte das Unterbewußte umgarnen, deshalb versucht sie nicht nur Mode, sondern ein von Leichtigkeit getragenes Lebensgefühl zu verkaufen. Ob das funktioniert?

Amazonen, Waldfeen und Ascot-Ladies

Eine Fashion-Show in Mailand oder Paris dauert, wenn es hoch kommt, zwanzig Minuten. Die Schau der privaten Modeschule ESMOD dauerte knapp zwei Stunden. Draußen machten sich Bikinischöne vom Badeboot an der Spree langsam auf den Heimweg, drinnen zeigten ESMOD-Absolventen an enthusiastischen Freunden und Laien-Models, was sie dem Winter stilistisch zu bieten hatten. Während auf einer blendendweißen Runway perfekt ausgeleuchtete Amazonen, Waldfeen und Ascot-Ladies mit Spazierstöcken und schrägen Hutideen defilierten, verriet das Treiben in der gigantischen Backstagehalle, wieviel Sorgfalt und Logistik die zehn Sekunden im Blitzlichtfeuer erfordern. Was den Studenten zum Winter einfiel, war offensichtlich zuallererst der Karneval. Wie jeder ganz normale Jecke an den wilden Tagen verwirklichte der Designnachwuchs seine Träume: Junge Männer paradierten unter Satyrkappen, in Schottenröcken oder den Pink-Metallic-Outfits gesuchter Rockstars; Mädchen hüllten sich in eine Tüll-Prinzessin-Aura, in Cinderella-Fetzen oder furiose Flamenco-Rüschenetageren. Klare Bauhausschnitte waren in dieser Peter-Pan-Meisterklasse eher selten, um so beliebter der reiche Zeichenköcher alter und neuer Romantik: Abgerissenheit und Geheimnis, wohlkomponierte Unordnung und stolze Haltung. Hoch toupiertes, verwuscheltes Haar mochte von zu vielen Nächten im Nottingham Forest oder zu vielen langen Tagen am Hof von Versailles herrühren.

Es sah auf jeden Fall interessant aus, genauso wie die elaborierten Kragen an der Garderobe beiderlei Geschlechts. Die Patina, die viele Studenten ihren Looks zu geben verstanden, ließ sie sicher auf der schmalen Mauer zwischen Phantasiewelt und Prenzlauer Berg balancieren. Das war die Signatur der Puls-Stadt Berlin: Man konnte sich die meisten Models auch als späte Kunden der Szenekneipe „White Trash“ vorstellen.

Glitzerdandys und koreanisches Understatement

Weibliche und männliche Models der ESMOD-Schau wurden dadurch einander angeglichen, daß beide Geschlechter geschminkt waren. Und doch machten die Männer durch die ungewohnten Insignien der Eitelkeit den größeren Eindruck, zumindest backstage. Und während die Mädchen beim Verlassen des Laufstegs schlagartig ihre Rolle ablegten, ihren Ausdruck neutralisierten, den Hüftschwung einstellten und zum nächsten Outfit liefen, fielen ihre männlichen Kollegen nur zögernd aus der neuen Rolle des Beaus, die sie auf fünfzig Metern genußvoll spielen durften. Für ein paar Schritte hinter dem schwarzen Vorhang setzte sich das Hochgefühl in ihnen noch fort, das Pfauenkleider, Stiefel mit Absatz, Make-up und opulent gestylte Haare suggerierten. Dann starb etwas in ihrer Mimik, und sie rissen sich, fast erschrocken, zusammen.

Während den Glitzerdandys Cornelia Metzels jenseits eines solchen Daseins in Anführungsstrichen wenig Luft zum Atmen bleibt, traut man dem eigenwilligen Individualismus Jeong-Yeon Kims ein langes, glückliches Straßenleben zu. Der in Deutschland geborene Designer verbrachte jedes zweite Jahr seiner Kindheit auf dem Bauernhof der Großeltern in Südkorea. Dort lernte er die fernöstlichen Traditionen seiner Vorfahren kennen und bezog sie auf ebenso dezente wie prägnante Weise in seine Arbeit ein. Ein weißes T-Shirt hat einen sich leicht wölbenden V-Ausschnitt, darunter ist eine halbe Schleife mit langem Band getuscht. Darauf angesprochen, weist Kim auf die Schleifen der koreanischen Nationaltracht hin. Ein farbiges Shirt hat er unter der Achsel mit seinem koreanischen Namensstempel versehen, über das weit geschnittene Hosenbein läuft eine fremde Schreibschrift: für Insider der Hinweis auf einen koreanischen Cannes-Erfolg. Es gehört zu Kims Understatement, daß diese Hieroglyphen erst auf den zweiten Blick auffallen, denn er hat auch an Schnitten, Farbkombinationen und Stoffen viel zu bieten: Die Stoffe, zählt er auf, sind aus „Japan, der Schweiz, Italien, Deutschland“.

Ein in der Wolle gewaschener Globalist wie Kim kauft seine markanten Materialien in aller Welt ein, High-Tech-Seiden oder schwere Doublewools, die wie Denim aussehen: „Ich mag es schlicht, kantig, aber weich“, gibt er zu Protokoll, „dieses Asiatische, leicht zurückhaltend mit verdeckter Knopfleiste und minimalistischer Bearbeitung.“ Und wenn er seinen coolen Typen federleichte Kolliers aus schwarzen Häkelkugeln umhängt, beruft er sich nicht nur auf buddhistische Gebetsketten und die Neujahrsrituale seiner Großeltern, sondern auch auf das Berliner „City-Flair“.

Der Look wird cleaner

Große Gesten sind seine Sache nicht. Wie ein schüchterner Schuljunge betrat Wichy Hassan, der Designer des italienischen Modelabels „Miss Sixty“, nach seiner Fashion-Show den Laufsteg und winkte hektisch einem klatschenden Publikum. Im nächsten Augenblick war er auch schon wieder hinter dem weißen Vorhang verschwunden. Eben noch defilierten seine Lolitas in sehr kurzen Röckchen und sehr knappen Höschen mit stoischer Miene über den Laufsteg und präsentierten die Frühjahrs- und Sommertrends des Jahres 2007. Ihre Füße steckten dabei in viel zu großen Schuhen mit schwindelerregend hohen Absätzen, die sich bei jedem Schritt bedrohlich neigten, was aussah, als würde gleich eines der Mädchen vom Laufsteg fallen. Doch Hassans Geschöpfe mit ihren dunkel umrandeten Augen meisterten die heiklen Sekunden mit Eleganz. „Der Look wird cleaner, und eine gelbe Jeans sieht endlich wieder wie eine gelbe Jeans aus“, sagt der Designer. Dramatische Waschungen sind nicht mehr angesagt. Ansonsten wird bunt kombiniert, ein bißchen „military“, ein wenig „rock style“, kariert, schwarz und weiß und natürlich ab und an auch florale Muster für die ewigen Hippie-Fans. Hüllt man sich in „Miss Sixty“, sieht man jedenfalls immer aus, als sei man gerade unterwegs zum nächsten Strand.

Doch wer diese Röhrenjeans tragen soll - außer den dürren Models -, bleibt ein Rätsel. Für Damen mit Rundungen und Größe 42 seien die Modelle natürlich nicht geeignet, gesteht der Designer, aber sonst könne doch jede Frau in diese hübschen Hosen schlüpfen. Und so wahnsinnig dünn, ohne Po und Busen und Hüften, seien seine Models ja nun auch nicht gewesen. Spricht Hassan vielleicht von einer ganz anderen Show? Der Meister ist empört. Wenn man magere Mädchen sehen wolle, dann müsse man schon zur Fashion Week nach New York.

Der Teufel trägt Prada

„Gute Mädchen kommen in den Himmel“, singt Meat Loaf, „böse Mädchen kommen überallhin.“ Rock-'n'- Roll-Kids wollen bekanntlich böse sein, aber nicht böse-böse wie Schneewittchens Stiefmutter, sondern nur ein bißchen böse wie der Suppenkaspar oder James Dean.

Deshalb hat sich Diesel, die Ausstattungsfirma für unerzogene Jungen und Mädchen, eine Kampagne ausgedacht, in der die Unwiderstehlichkeit ihrer Kunden von höchster Warte beglaubigt wird. Der auf Geschmacklosigkeit abonnierte Modefotograf Terry Richardson illustrierte das Werbe-Märchen von einer markenbewußten Adoleszentenclique, die mit viel Haltung und wenig Kleidung jenseits ihrer Denims die Himmelsruhe stürmt. Die Flügel der Engel, denen sie begegnen, sind in den Ateliers des Pariser Haute-Couture-Federspezialisten Lemarie gefertigt. Die Posen der Himmelsbewohner und ihrer ungebetenen Besucher stammen eher aus Andy Warhols legendärer Drogenhochburg Studio 54. Die Zielgruppe der Imagekampagne sind jene Twens, die sich neuerdings aus transzendentaler Langeweile für Mystik, Papst und Kirche interessieren. Wie das Begleitblatt raunt, geht es „um Yin und Yang, um das Reine und das Dekadente, das Heilige und das Profane“. Damit die frohe Botschaft („First we take Manhattan, then we take Berlin“) unter die Leute kommt, lud Diesel während der „Bread & Butter“ tief unter die Erde in die labyrinthischen Tonnengewölbe der Prenzlauer Bötzow-Brauerei ein. Rauchschwaden, Windkanäle, Büßerturmstufen und ein Heer dienstwilliger Engel wurden aufgefahren, um der Hauptstadt zu zeigen, wie man ein Phantasma medienwirksam umsetzt.

War es Absicht, daß dabei eine Umkehrung der kommerziellen Story herauskam? Sommerlich weiß gekleidete Gäste fröstelten verwirrt in einer Tropfsteinhöhle, die sich mit Dantes Unterwelt mühelos messen konnte. Und wieder einmal erwies sich, daß wir Engel aus Einfallslosigkeit die verruchte Modewelt brauchen, um uns das Böse in uns zu erinnern. „Der Teufel trägt Prada“, eine Business-Filmkomödie mit Meryl Streep in der Hauptrolle, ist in den Staaten gerade angelaufen.

Text: F.A.Z., 17.07.2006, Nr. 163 / Seite 31
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verliebt, verlobt, verheiratet!Für alle die mehr suchen als einen Flirt - www.faz.net/partnersuche

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche