Von Martin Wittmann
10. März 2008 Hätte es sich ein Drehbuchautor ausgedacht, man würde ihn zur Mäßigung mahnen. Das ehemalige Model Waris Dirie, das nach einer erfolgreichen Schriftsteller-Karriere nun als Sonderbotschafterin für die Vereinten Nationen arbeitet, verschwindet am Dienstag kurz vor einem Treffen mit der amerikanischen Außenministerin in Brüssel von der Bildfläche. Und das nur wenige Tage nachdem ein anderes ehemaliges Model, Katoucha Niane, das sich wie die aus Somalia stammende Österreicherin dem Kampf gegen die Beschneidung von Mädchen und jungen Frauen verschrieben hat, in Paris tot aus der Seine gezogen wurde. Doch Dirie erscheint drei Tage nach ihrem Verschwinden wieder, nun in Begleitung eines vorbestraften Mannes. Verirrt habe sie sich, heißt es zunächst, sie habe die Nächte in verschiedenen Hotellobbys verbracht. Am Montag berichtigt sich das Opfer schließlich. Sie sei die zwei Tage lang von einem Taxifahrer in seinem Haus festgehalten worden, sagt Waris Dirie. Dort habe er versucht, sie zu vergewaltigen. Das allerdings habe die Hobby-Kickboxerin zu verhindern gewusst.
Nur noch ihre Ruhe wolle Waris Dirie nun haben, sagt am Montag ihr Manager Walter Lutschinger, der nach eigenen Angaben am Abend ihres Verschwindens noch mit Diries und einer Assistentin zusammengesessen hat. Gemeinsam schrieben sie demnach an einer Rede, die Waris Dirie als UN-Sonderbotschafterin halten sollte - ein Ehrenamt, das sie weniger ihrer Vergangenheit als Model denn ihrem humanitären Engagement verdankt. 1998 beschrieb sie in ihrer Autobiographie Wüstenblume, wie sie als kleines Mädchen in Somalia beschnitten wurde. Als sie im Alter von 13 Jahren an einen alten Mann verheiratet werden sollte, floh sie durch die Wüste in die Hauptstadt Mogadischu zu einem Onkel. 1981 zogen sie nach London, wo sie später von einem Fotografen entdeckt wurde. Daraufhin machte sie Karriere als international erfolgreiches Fotomodel und spielte in dem James-Bond-Film Der Hauch des Todes an der Seite von Timothy Dalton. In Deutschland wurde sie mit dem Afrika-Preis ausgezeichnet, später gründete sie eine Stiftung gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen in Afrika. Am vergangenen Donnerstag sollte sie in Brüssel Condoleezza Rice und mehrere EU-Politiker treffen, am Freitag im niederländischen Kerkrade die Martin-Buber-Plakette in Empfang nehmen.
Müde gefühlt
Lutschinger erinnert sich, Dirie habe sich an jenem Dienstagabend müde gefühlt. Statt auf ihr Zimmer ging sie offenbar jedoch zum Tanzen. Nach diesem Discobesuch wurde sie demnach zunächst von einer Polizeistreife ohne Geld, Handy und Papiere aufgegriffen und nach stundenlanger Irrfahrt in ein Hotel gebracht. Aus diesem verschwand sie wenig später mit einem Taxi. Seit dieser Nacht habe sie ohne Geld und ohne Essen vor allem in den Empfangshallen verschiedener Hotels zugebracht, hatte Dirie der belgischen Staatsanwaltschaft gesagt und von Missverständnissen aufgrund mangelnder Französischkenntnisse gesprochen. Nach ihrer Aussage bei der belgischen Polizei am Freitag sei sie im Hotel in Weinkrämpfe ausgebrochen und habe einen Nervenzusammenbruch erlitten, berichtet ihr Manager. Ich glaube, sie ist einfach schwer schockiert gewesen, erklärte sich Lutschinger am Sonntagabend ihr Verhalten.
Zurück in ihrem Wohnort Wien widerruft Waris Dirie ihre Version. Nach einer langen Irrfahrt durch Brüssel habe ihr der Taxifahrer angeboten, in seinem Haus zu übernachten. Zwei Tage lang sei sie anschließend von ihm dort festgehalten und bedrängt worden. Der Täter habe von Dirie gefordert, die Fahrtkosten in Naturalien zu bezahlen. Nach der Tortur habe der Taxifahrer sein Opfer schließlich am Freitag wieder in der Stadt abgesetzt.
Dort findet die ohnehin schon wirre Odyssee eine seltsame Fortsetzung. Ein 45 Jahre alter Fensterputzer, der in den achtziger Jahren wegen verschiedener Raubüberfälle vier Jahre im Gefängnis saß, spricht Dirie in seinem Stammcafé an, in dem er sie schon am Vortag gesehen haben will. Sie sagte, dass sie einen Rotwein trinken wollte und dass sie aus Somalia stamme. Ihren Namen hat sie mir nicht gesagt.
Hunger gehabt
Der Mann sagt der belgischen Zeitung De Standaard weiter, die Frau habe Hunger gehabt. Er habe angeboten, bei sich daheim zu kochen. Hand in Hand seien sie dann zu einem Supermarkt spaziert, um Tomaten, Garnelen und eine gute Flasche Wein zu kaufen. Auf dem Weg zu seiner Wohnung seien die beiden dann von einem Polizisten angehalten worden. So habe er erfahren, dass die Schöne an seiner Seite eine seit Tagen gesuchte Prominente ist. Wir wollten uns einen gemütlichen Abend machen, sagt der Mann der Zeitung. Dirie - eine schöne Frau, da guckt man schon mal hin - habe übrigens im Supermarkt darauf bestanden zu bezahlen. Wie sie das ohne Geld gemacht haben soll, sagt er nicht.
Seit Montag liegt die UN-Sonderbotschafterin nun in einem österreichischen Krankenhaus. Der Grund seien Verletzungen am Kopf, an der Schulter und an den Oberschenkeln, die sie möglicherweise bei der Auseinandersetzung mit dem Taxifahrer erlitten hat. Sie kann den linken Arm nicht heben, sagt ihr Anwalt, Gerald Ganzger, am Montagnachmittag der Nachrichtenagentur APA. Dirie befinde sich in tiefster Depression und habe sich nur mühsam dazu überreden lassen, ein Krankenhaus aufzusuchen, sagt Lutschinger. Weshalb trotz der Aussage Diries vorerst auf juristische Schritte verzichtet wird, bleibt eines der vielen Rätsel dieses merkwürdigen Vorfalls, die zu lösen nur die 43 Jahre alte Waris Dirie vermag.
Text: F.A.Z., 11.03.2008, Nr. 60 / Seite 11
Bildmaterial: AP
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