Journalismus

Redaktion im Modewahn

Von Simone Kaiser und Jörg Thomann

Die Sehnsucht nach junger Mode: „Stern.de” trägt H&M

Die Sehnsucht nach junger Mode: „Stern.de” trägt H&M

11. November 2005 „Der Mensch strebt nach dem höchsten Gut, dem Glück.“ Mit diesem Zitat von Aristoteles eröffnet der „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn in dieser Woche sein Editorial, in dem er die neue „Stern“-Serie „Sehnsucht nach alten Werten“ vorstellt. Sie verspricht Antworten auf Fragen wie „Was zählen noch Ehrlichkeit, Treue und Anstand?“ und „Was verstehen wir heute unter Ethik und Moral?“

Einen persönlichen Beitrag zur Wertedebatte liefert die Redaktion von „Stern.de“. „Im Modewahn“ präsentieren die „Stern.de“-Redakteurinnen bei einem „exklusiven Foto-Shooting“ ihre „Lieblings-Teile“ aus der aktuellen H&M-Kollektion von Stella McCartney, die an diesem Tag in die Läden kam. Der Artikel samt zwölfteiliger Bildergalerie trägt die Überschrift „Stern.de trägt H&M“ - um den Blick des Lesers aber auf das Wesentliche zu lenken, wurde diese zwischenzeitlich in „Stern.de-Redakteurinnen ziehen sich aus“ geändert.

Politikredakteur in Damenbluse

Da posieren Lifestyle-, Kultur- und Wissenschafts-Redakteurinnen in der Qualitätsmode „zum besten Preis“ am Hamburger Hafen und zeigen mal ein bißchen nackte Schulter, mal ein paar Zentimeter Bauch. Und selbst die Praktikantin und ein Politikredakteur in beiger Damenbluse dürfen mitmodeln. Wer die Kleider (Service-orientiert mit Preishinweisen ausgestattet) noch mal ohne Redakteurinnen - die die Teile „einhellig“, wie sie beteuern, „fabelhaft“ finden - sehen will, findet unter dem nächsten Link dann zusätzlich „die komplette Kollektion im Überblick“. Darüber legt sich in schöner Regelmäßigkeit eine Anzeige von H&M - natürlich für die aktuelle McCartney-Kollektion.

Letzteres nennt der „Stern“-Sprecher Frank Plümer „unglücklich“, ein Zusammenhang mit dem Beitrag könne aber „definitiv ausgeschlossen werden“. Probleme mit der Berichterstattung selbst sieht man nicht: Daß sich die Stella-Kollektion zu einem „Hype“ entwickeln werde, sei Grund genug für „Stern.de“, in dieser Weise auf das „Ereignis“ einzugehen. Aus rein „journalistischem Antrieb heraus“, so Plümer. Die Redaktion habe die Kleider selbst erworben und sehe sich durch „zahlreiche positive Resonanzen“ in ihrer Arbeit bestätigt. Zudem trage man damit der „Tatsache Rechnung, daß im Online-Bereich eine größere und direktere persönliche Auseinandersetzung mit den jeweiligen Redakteuren als in der Print-Welt stattfindet“.

Die direkte und persönliche Auseinandersetzung der „Stern.de“-Redaktion mit der Mode von H&M weckt die Sehnsucht nach alten journalistischen Werten - wie Ethik und Moral. Beim „Stern“ hingegen gibt man sich offensichtlich auch mit modernen, materiellen Werten zufrieden. „Eine glückliche Redaktion in neuen Kleidern“, ist das letzte Bild der Stella-Serie unterschrieben. Aristoteles würde sich sicherlich für sie freuen.

Text: @one/@jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

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