Kopftuchmode

Das Accessoire des Islam

Von Hans-Christian Rößler

Daß sie ihrer religiösen Überzeugung Ausdruck verleihen...

Daß sie ihrer religiösen Überzeugung Ausdruck verleihen...

25. April 2006 Und auf dem Sportplatz? Den kurzen Rock, den Tennisspielerinnen sonst tragen, würden die meisten Musliminnen nie anziehen. Aber der große weiße Kragen mit dem schwarzen Streifen unter dem haubenartigen Schleier imitiert die klassische Tennisbekleidung. Ein Klettverschluß sorgt dafür, daß er nicht verrutscht und auch bei schnellen Ballwechseln kein Haar hervorschaut. Gleich vier solcher Sportmodelle hat die niederländische Designerin Cindy van der Bremen entwickelt. Ein Imam hat die Kleidungsstücke für islamisch korrekt befunden.

Das Stückchen Stoff am Kopf, das in Deutschland schon das Bundesverfassungsgericht beschäftigt und in der Türkei einen Kulturkampf verursacht hat, entwickelt sich weiter. Viele Musliminnen tragen es aus religiöser Überzeugung. Aber ihr modisches Bewußtsein müssen sie damit nicht verleugnen. Das Kopftuch ist zu einem modischen Accessoire geworden, mit dem sie spielen - und das in mehrfachem Sinn. Denn auch mit Entwürfen samt modischen Neonstreifen zum Wandern, Skaten oder für das in der islamischen Welt besonders beliebte Aerobic hat Cindy van der Bremen den Trend der Zeit getroffen.

Schmale Bordüren, florale Stickereien

Es sind zwar nicht tausendundeine Möglichkeit, die Internet-Spezialanbieter wie "Hijabshop" den Frauen bieten, ihr Haar zu verstecken. Aber schon die Variationsbreite der virtuellen Kataloge zeigt, daß es einen Markt für ausgefallene Kopftücher gibt, die nicht nur den religiösen Vorgaben genügen, sondern gleichzeitig auch dem eigenen Stil entsprechen und für den jeweiligen Anlaß passen sollen. Das können schmale Bordüren sein, florale Stickereien - oder Leopardenmuster.

Die Bandbreite reicht von der Kopfbedeckung für festliche Anlässe oder Partys bis zur Arbeitskleidung. So können muslimische Polizistinnen in London mittlerweile aus vier verschiedenen Kopftuchmodellen auswählen, die zu den Farben der Uniform passen. Die städtische Polizeiführung ließ sie entwerfen, weil Musliminnen, die man dringend für den Polizeidienst gewinnen wollte, bislang die Vorstellung abschreckte, unverschleiert auf Streife gehen zu müssen. Aber auch Unternehmen wie das skandinavische Möbelhaus Ikea ließen für ihre weiblichen Angestellten islamischen Glaubens schon eine Kopfbedeckung schneidern, die zur Dienstkleidung paßt und die Imame zufriedenstellt. Spätestens seit die Firma auch Filialen am Golf eröffnete, hatte man keine andere Wahl.

Interesse an westlicher Mode

Die Nachfrage nach Kopftüchern wuchs in jüngster Zeit auch, weil viele Muslime sich wieder stärker ihrer Religion zuwenden, ohne ihr Interesse an westlicher Mode zu verlieren. In den neuen klimatisierten Einkaufszentren, die in Casablanca, Amman oder in den Golfstaaten gebaut wurden, flanieren Frauen mit Kopftuch durch die Boutiquen von Prada, H&M oder Benetton. Manche kaufen sich dort das modische Seidentuch oder den Chiffonschal. Wegen des stetig steigenden Ölpreises können sich vor allem die Kundinnen in den rohstoffreichen islamischen Staaten immer mehr leisten; die internationalen Modehäuser wie lokale Designer umwerben längst diesen lukrativen Kundenkreis.

Über Kopftücher wird jedoch in islamischen Ländern mindestens so heftig gestritten wie in Europa. In der laizistischen Türkei dürfen es weder Lehrerinnen noch Professorinnen tragen. Die marokkanische Soziologin Fatema Mernissi oder die algerische Friedenspreisträgerin Assia Djebar ziehen es nicht an, sind jedoch alles andere als Gegnerinnen des Islam. Wieviel von ihrem Kopf Musliminnen verhüllen sollen, regelt der Koran nicht so eindeutig, wie es manche Kopftuchbefürworter darstellen.

„Gläubige Frauen sollen ihre Scham bewahren“

An insgesamt vier Stellen sind Hinweise darauf zu finden, wie sich Frauen kleiden sollen. In zweien davon geht es jedoch nach Ansicht westlicher Islamwissenschaftler nur um die Frauen des Propheten Mohammed, die beiden anderen Stellen gelten allgemein. Dort heißt es, "gläubige Frauen sollen ihre Scham bewahren und nicht den Schmuck (ihre körperlichen Reize) offen zeigen - abgesehen von dem, was davon (notwendigerweise) in Erscheinung tritt". Weiter werden die Frauen aufgefordert, "etwas von ihrem Überwurf über sich herunterzulassen. So ist es eher möglich, daß sie erkannt und nicht verletzt werden." Diese Passagen geben deshalb Raum für Auslegungen. So leiteten manche Gelehrte daraus ab, daß Frauen sich ganz verschleiern müssen. Andere wiederum sehen darin die Pflicht, neben den Haaren auch Hals und Ohren zu bedecken, während sich einige mit einer kleineren Kopfbedeckung zufriedengeben.

Höchst unterschiedlich werden die Vorschriften in der Praxis gehandhabt. Auf der Arabischen Halbinsel verhüllen Frauen nicht nur ihren Kopf, sondern den ganzen Körper - verzichten darunter aber oft nicht auf ein aufwendiges Make-up. In Afghanistan schrieben die Taliban ihnen noch bis vor wenigen Jahren vor, eine Burqa überzuziehen, die vom Kopf bis zu den Füßen reicht und für die Augen ein Stoffgitter freiläßt. Anfänglich waren blaue Burkas teurer, wodurch Frauen ihren sozialen Status hervorheben konnten. In Iran ist seit der Islamischen Revolution der Tschador Teil der Kleiderordnung. Er ist ein loser Umhang, der sich mit einem Zelttuch vergleichen läßt. Zu Hause tragen viele Frauen weiterhin westliche Kleidung.

Auch eine Perücke kann vor Blicken schützen

In den Golfstaaten, aber auch in Nordafrika tragen manche Frauen zusätzlich zur Kopfbedeckung einen Gesichtsschleier, der nur die Augen freiläßt. Am Golf ist er meist schwarz, in Algerien aber weiß. In den Palästinensergebieten setzt sich dagegen langsam die Farbe Grün durch. Anhängerinnen der islamistischen Hamas setzen dagegen auf ihre Kopftücher einfach die auch von den Männern getragene Baseballkappe der Organisation mit dem arabischen Schriftzug über der Stirn. In der Türkei, wo Lehrerinnen und Studentinnen auf dem Campus keine Kopftücher tragen dürfen, haben Frauen einen anderen Ausweg gefunden: Mit dem Kopftuch gehen sie bis zum Eingang der Universität. Dort legen sie es ab und setzen eine unauffällige Perücke auf.

Auch Fulla trägt ein Kopftuch. Sie ist die islamische Variante der Barbie-Puppe. 2003 hatte die Religionspolizei in Saudi-Arabien die "jüdische Puppe" Barbie verboten. Wegen ihrer freizügigen Kleidung sei sie ein "Symbol der Dekadenz des perversen Westens". Etwa zwei Millionen Mal wurden Fulla ("Jasminblüte") und ihre Freundinnen Jasmin und Nada schon verkauft. Auf der Straße trägt sie keine Jeans, sondern die lange schwarze Abaja mit einem Kopftuch. Fulla gibt es auch in Gebetsausstattung mit dazugehörigem kleinen Teppich und einem weißen Gewand, das weder Haare noch Schultern sehen läßt.

Text: F.A.Z., 25.04.2006, Nr. 96 / Seite 9
Bildmaterial: Andreas Müller, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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