Accessoires

„Schicki-Michis“ Erbe

Von Anke Schipp

MCM reloaded

MCM reloaded

09. November 2005 In Münchner Schickeria-Kreisen wird man noch lange an ihn denken. Michael Cromer war eine ihrer schillerndsten Figuren, sein Aufstieg gestaltete sich fast so rapide wie sein tiefer Fall. Zwanzig Jahre lang bestimmte er das Münchner Gesellschaftsleben. Keiner trug dicker auf als der Lederwarenproduzent, der Koffer und Taschen herstellte, die vor allem dazu da waren, dick aufzutragen.

Ihren Anfang nahm die Erfolgsgeschichte in den siebziger Jahren in einem Münchner Friseursalon, als Michael Cromer, abgebrochener VWL-Student, Model und Gelegenheitsschauspieler, seiner Frau Mara ein Logo für ihren Laden entwarf. Damals stand MCM für "Modern Coiffure München". Doch die drei Buchstaben mit gebundenem Lorbeerkranz sollten später zum Synonym für eine Luxusmarke nach dem Vorbild von Louis Vuitton werden. Cromer gründete Mitte der siebziger Jahre die "Moderne Creation München Reisegepäck GmbH". Seine cognacfarbenen Taschen prägten ebenso die achtziger Jahre wie die Auftritte von Cromer selbst: braungebrannt, mit Fönfrisur ließ sich "Schicki-Michi" in seinem türkisfarbenen Porsche ablichten, zeigte sich mit angeblichen Promi-Freunden wie Sammy Davis jr. und Cindy Crawford, die das Gesicht seiner letzten großen Kampagne werden sollte. Kurz danach, Mitte der neunziger Jahre, folgte der Abstieg des Münchner Partylöwen und Kofferkönigs: Die Asienkrise brachte ihn am Ende zu Fall - die Japaner hatten zu seinen besten Kunden gehört, das Unternehmen meldete Konkurs an. Cromer flüchtete in die Schweiz. 2004 machte er noch einmal von sich reden, als er die Zwangsräumung seiner Münchner Villa abwendete. Dem einstigen Koffermillionär blieb nicht viel, nicht mal seine Taschen. Die Sanierer hatten MCM an eine Schweizer Holding verkauft, die es aber nicht schaffte, den Imageverlust der Marke aufzuhalten, die zuletzt mit "Muschi Club München" übersetzt wurde, weil sie vor allem bei Damen aus dem Rotlichtmilieu beliebt war.

Neustart mit Blick auf die Oper

Wollen den Erfolg: Michael Michalsky und Sung-Joo Kim

Wollen den Erfolg: Michael Michalsky und Sung-Joo Kim

Michael Michalsky ist das Gegenteil von einem Mann wie Michael Cromer. Er gibt sich lässig, trägt weite Jeans, die auf der Hüfte hängen, und schweren Silberschmuck nach Rocker-Manier. Michalsky ist einer der erfolgreichsten deutschen Designer. Als Kreativchef von Adidas hat er in den vergangenen zehn Jahren den Sportartikelhersteller zu einer führenden Lifestyle-Marke gemacht und Designer wie Yohji Yamamoto („Designer ABC“: Y wie Yamamoto) und Stella McCartney („Designer ABC“: M wie McCartney) nach Herzogenaurach geholt. Michalsky steht für Zukunft. Genau das ist es, was MCM braucht. Im Mai engagierte ihn die koreanische Sungjoo-Firmengruppe, ein Luxuswaren-Unternehmen, das sich bei MCM eingekauft hat und für Produktion und Vertrieb zuständig ist. Ein Relaunch soll der Marke nun zu einem neuen Image verhelfen.

Freitag mittag an der Münchner Maximilianstraße: In einem weißen Loft mit Blick auf die Oper soll der Neustart gelingen. Auf kleinen Podesten sind die Taschen aufgestellt, an einem langen Tisch wird Essen serviert - Hummer, Kürbissuppe, Kalbsfilet. Die wichtigsten deutschen Modejournalisten sind gekommen, Terry Jones von dem Trendmagazin "I-D" ist aus London angereist. Das waghalsigste Projekt in diesem Modejahr läuft gut an.

Michalskys Turnschuh-Test

Sung-Joo Kim, Präsidentin der Sungjoo-Firmengruppe, ist optimistisch, denn MCM hatte in ihrer Heimat nie an Popularität eingebüßt. Michael Michalsky ist optimistisch, denn er glaubt an die "DNA der Marke". Als diese ihre größten Erfolge feierte, war der Norddeutsche ein Teenager und sah im Urlaub am Timmendorfer Strand die reichen Damen mit den cognacfarbenen Täschchen spazierengehen. Den Bekanntheitsgrad der Marke, den sie auch ihrer "schön-tragischen Geschichte" um Michael Cromer verdankt, sieht er als Vorteil. "Es ist immerhin die einzige deutsche Luxusmarke auf diesem Level." Er spricht von "Potential" und "Authentizität".

Einen ersten Test veranstaltete Michalsky in diesem Sommer, als er einen weißen Turnschuh mit MCM-Logo in einer Auflage von 250 Stück bei Adidas herausbrachte. "Der Schuh ist so gut gelaufen, daß er gar nicht in die Läden kam, so viele Vorbestellungen hatten wir." Das erste Modell schenkte er der Rapperin Missy Elliott und knüpfte damit an eine Tradition an, die man in München schon fast vergessen hatte: Der protzige Stil von MCM war auch bei den kalifornischen Hip-Hoppern beliebt. Mit dem Turnschuh-Test sah Michalsky sich darin bestätigt, daß MCM eine neue Zielgruppe erreichen kann: die junge Kundschaft. Seine Taschen und die exklusive Kleiderkollektion, die im Februar in die Läden kommen, sollen weniger vom Stammpublikum am Starnberger See gekauft werden als von urbanen Szenegängern.

Reverenzen an die Geburtsstadt der Marke

Als erstes hat Michalsky die Farbe Cognac aus der Kollektion verbannt, sie erinnerte ihn zu sehr an Louis Vuitton. Seine neuen Taschen sollen Frische vermitteln. Rosa ist eine Leitfarbe, aber auch schlichtes Grau und Schwarz. Der Münchner Löwe und weiß-blaue Streifen auf der Edition "Visetos" sind eine Reverenz an die Geburtsstadt der Marke. Doch eines fehlt auf keinem Modell: das MCM-Logo. Also doch etwas für Neureiche?

Michalsky spielt mit diesem Image und erklärt es zum Prinzip, guten mit schlechtem Geschmack zu kombinieren. Außerdem könne es dem Projekt nur von Nutzen sein, daß die "Logomanie" zurückgekommen ist. Auch Luxusfirmen wie Prada („Designer ABC“: P wie Prada) und Gucci („Designer ABC“: F wie Ford) präsentieren ihre Firmensignets neuerdings wieder großflächig - man spricht vom Ende der Bescheidenheit. "Es ist eine gute Zeit, um eine relativ barocke Marke zu launchen", sagt Michalsky, "denn die Menschen wollen Glamour, wenn es nicht so rund läuft."

Eine echte Überraschung aber ist die Kleiderlinie von MCM. Sie ist schlicht und elegant. Es dominiert schwarzes Leder, und das Logo taucht allenfalls auf den cognacfarbenen Seidenblousons und -röcken auf oder ist fast unsichtbar in den Trenchcoat eingewebt. Eine dezente Kollektion, die nichts von der Protzigkeit der achtziger Jahre hat. Der Neuanfang - hier zumindest scheint er gelungen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.11.2005, Nr. 44 / Seite 65
Bildmaterial: F.A.Z. - Jan Roeder

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