Von Alfons Kaiser
03. März 2008 Am Ende rasten die Zuschauer aus und rasen hinter die Bühne. Kaum hat sich Alessandra Facchinetti nach ihrer Premiere für Valentino verbeugt, müssen Sicherheitsleute und PR-Damen die zierliche Italienerin vor Stativen, Objektiven, Mikrofonen und deren menschlichen Anhängseln in Schutz nehmen. Denn diese Kollektion hat die Modeleute nicht nur überzeugt. Nein, die traditionsbewusste und doch leichthändige Neuinterpretation einer großen Marke hat die allermeisten Zuschauer - von Winona Ryder bis Anna Wintour - geradezu begeistert.
Die Valentino-Reanimation ist vielleicht das größte Modewunder der Prêt-à-porter-Woche in Paris, die von Balenciaga über Chanel bis zu Yves Saint Laurent für den nächsten Winter einen zurückhaltend-konservativen Look pflegte. Alessandra Facchinetti, 35 Jahre alt und nach der unergiebigen Gucci-Zeit als Tom-Ford-Nachfolgerin im Jahr 2004 nicht gerade eine Favoritin des Fachpublikums, scherte sich weder um herrschende Trends noch um hohe Erwartungen. Sie ging ins Archiv, weinte vor Rührung beim Anblick des beeindruckenden Ateliers, vertiefte sich in eine längst vergangene Epoche - und haucht der altersschwachen Marke neues Leben ein.
Alte Marken neu einkleiden
Und damit liegt sie dann doch wieder im Trend. Denn selten hat es in der Mode so viele Versuche gegeben, alte Marken, deren Gründer verblichen oder ausgeschieden sind, neu einzukleiden. So debütierte bei der zum LVMH-Konzern gehörenden spanischen Marke Loewe in dieser Woche der Brite Stuart Vevers. Für die betagte Pariser Marke Cacharel probierte es das britische Designerpaar Eley/Kishimoto zum ersten Mal. Bei Guy Laroche werkelt nun der 45 Jahre alte französisch-schwedische Modemacher Marcel Marongiu im Atelier. Und für Emanuel Ungaro war am Mittwoch der aus Kolumbien stammende Brite Esteban Cortazar am Start.
Alles Ausländer also, und auch das passt ins Bild. Denn genau genommen ist ganz Paris eine große Revival-Show von Modemachern mit Migrationshintergrund wie Karl Lagerfeld (Chanel), Alber Elbaz (Lanvin), Ivana Omazic (Céline) oder Marc Jacobs (Louis Vuitton). Und die Italiener Stefano Pilati (Yves Saint Laurent) und Riccardo Tisci (Givenchy) sehen sich ebenso wie ihre Landsmännin Facchinetti mit noch lebenden Markengründern konfrontiert. Bei letzterer sitzt der auf weichem finanziellen Polster zwischen all den Picassos zu Hause - und ärgert sich über die Nachlassverwaltung zu Lebzeiten, weil er es eh schon immer besser wusste.
Ich wollte es clean und gleichzeitig scharf rüberbringen.
Valentinos Ärger wäre vielleicht nicht ganz so groß, wenn er denn bei der Schau gewesen wäre, anstatt in den Alpen Ski zu fahren. Giancarlo Giametti jedenfalls, mehr als 45 Jahre lang sein Partner, ebenso braun gebrannt, das Haar aber grau, sagt nach der Schau, als sich die Aufregung etwas gelegt hat: "Sie hat es schön weiterentwickelt und sein Lebenswerk respektiert." Und wie geht's Valentino? "Ihm geht es wunderbar!"
Wie hat sie das nur geschafft? Alessandra Facchinetti stellte sich das Jahr 1968 vor, das in der Mode noch durch die Eleganz von Jacqueline Kennedy Onassis geprägt war, einer treuen Valentino-Kundin. Mit trapezförmigen Kurzmänteln und herrlichen Kaschmirkostümen, mit Wintertönen von Grau über Beige bis Nachtblau und mit genau zwei Abendkleidern in Valentino-Rot schließt sie an den Meister an. Mit Rüschendetails und leichtem "egg shape" setzt sie eigene Akzente. Fast in den Wahnsinn treibt die Zuschauerinnen der nachtblaue Traum eines kragenlosen Mantels, unter dem ein wippendes roséfarbenes Chiffonkleid herauslugt. Alessandra Facchinetti selbst sagt: "Ich wollte es halt clean und gleichzeitig scharf rüberbringen." Aber ist ihr Look nicht ein bisschen arg konservativ? "Ja, klar. Zurzeit trage ich selber auch nur Mäntel!"
Die Wiederauffrischung funktioniert nicht immer
Aus alt mach neu - das muss nicht immer funktionieren. Bei Madeleine Vionnet hat man gerade den Designer Marc Audibet vor die Tür gesetzt. Bei Gianfranco Ferré in Mailand verschwand Lars Nilsson schon vor seiner ersten Schau. Auch bei Loewe war es lange schwierig: Erst machte sich Narciso Rodriguez daran, aus dem 160 Jahre alten Lederwaren- ein wirkliches Modehaus zu machen. Dann versuchte es mit modisch mäßigem Erfolg José Enrique Ona Selfa. Im Januar zog nun der 34 Jahre alte Stuart Vevers, der bis dahin Mulberry modernisierte, von London nach Madrid, um Taschen-, Shop- und Kampagnengestaltung zu überwachen. Seine in nur zwei Monaten geschaffene elegant-sportliche Kollektion lässt die nobel-betuliche Marke hoffen, dass auch sie nun echte "It-Bags" hervorbringt. Ein Modell aus dem Jahr 1940 hat Vevers schon aus dem Archiv geholt - und in pinkfarbenem Krokoleder wieder aufgelegt.
Verhaltener dürften die Aussichten bei Cacharel sein. Das japanisch-britische Designerpaar Wakako Kishimoto und Mark Eley lernt zwar gerade fleißig Französisch, und der Eurostar zwischen London und Paris ist ihr neues Zuhause. Aber muss man so viel Geduld aufbringen für eine Kultur, deren Sprache Eley für schwieriger als das Japanische hält? Für eine Marke, die vielleicht zu Recht vergessen ist und auch mit den farbigen Drucken der Neu-Designer keinen Eindruck hinterlässt? Und wer will eigentlich noch etwas wissen von Sonia Rykiel, der Grand Old Schachtel des Prêt-à-porter, die gerade ihre Assistentin Gabrielle Greiss zur Chefdesignerin gemacht hat?
Auch der erst 23 Jahre alte Esteban Cortazar wird es schwer haben. Er ist seit 2001 der vierte Designer in dem 1965 von Emanuel Ungaro gegründeten Haus. Cortazar, der in Bogotá geboren wurde, in Miami aufwuchs und schon seit 2002 seine eigene Marke aufbaute, hat zwar eine schöne Kollektion im Sinne des Gründers entworfen: Er drapierte Seide, Jersey und Grobstrick am Körper, machte mit Pastellfarben und Pflanzendrucken auf freundlich und erinnerte mit "shocking pink" an den Gründer. Aber hoffentlich läuft er auch noch in der übernächsten Saison so fröhlich über den Laufsteg!
Aus den verblassten Marken Profite quetschen
Denn die Wiederauffrischung ist nicht immer eine Frage des Designs. Vor allem geht es ums Geld. Die Investoren gehen zwar mit der Modekultur hausieren, und gutgläubige Moderedakteurinnen nehmen es ihnen gerne ab. Aber vor allem wollen sie natürlich Profite aus den verblassten Marken quetschen. Valentino ist dafür ein typischer Fall: Als der Finanzinvestor Permira die "Valentino Fashion Group" übernahm, hörte der alte Meister aus Rom vergangenes Jahr auf. Alessandra Facchinetti wiederum ist vor allem stark bei Accessoires, die bisher bei Valentino unterrepräsentiert sind, aber hohe Margen und ein Wachstum des Umsatzes von bisher 260 Millionen Euro versprechen. Wenn die Rendite ausbleibt, dann dürfte die Designerin ziemlich schnell wieder aussortiert werden.
Aber zunächst wird noch gefeiert, und zwar wie in Italien üblich: mit der Familie. Francesco, ihr jüngerer Bruder, und Roby Facchinetti, ihr Vater, liegen sich noch zwei Stunden nach der Schau siegestrunken vor den Kameras in den Armen. Francesco, Sänger, DJ und Moderator, erklärt den Erfolg so: "Sie hat mir schon mit zehn Jahren gesagt, was ich anziehen soll." Und Roby Facchinetti, in Italien ein bekannter Sänger, der mit seinen hochgeföhnten und braungefärbten Haaren auch noch so aussieht wie Valentino, meint über das älteste seiner fünf Kinder: "Sie ist einfach die Größte." Für die Valentino-Nachfolge ist das nun wahrlich keine schlechte Voraussetzung.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.03.2008, Nr. 9 / Seite 63
Bildmaterial: dpa
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