02. Juli 2009 Die erste Erleuchtung kam von außen. Dorothée Schumacher aus Mannheim eröffnete mit der Kollektion zum zwanzigsten Jubiläum ihrer Marke am Mittwoch die Berliner Modewoche. Mit ihren seidig glänzenden Blusen, den schimmernden metallischen Applikationen, den angedeuteten Jodhpur-Hosen und den aufgedonnerten Schultern gab sie schon dem Auftakt schönen Glanz. Zum Beweis dafür, dass sie die internationalen Trends kennt und in tragbare Mode umwandelt, hätte es gar nicht des olivfarbenen Overalls bedurft - denn Overalls sind nun doch langsam durch.
Aber darauf kam es gar nicht mehr an. Die Mercedes Benz Fashion Week, die noch bis zum Sonntag dauert, traf gleich zu Beginn den richtigen Ton. Und die positive Stimmung in den Pastell- und Pudertönen der Schumacher-Kollektion übertrug sich auch aufs Publikum. Bei der fünften Ausgabe der von der New Yorker Agentur IMG veranstalteten Woche, bei der frisch aus Barcelona nach Berlin zurückgekehrten Messe Bread and Butter für Street- und Urbanwear sowie bei der ebenfalls wachsenden Modemesse Premium ist die Stimmung so gut wie wohl nie zuvor. Bei bestem Wetter sonnen sich Zehntausende Modebesucher in der Hoffnung, dass die Krise bald vorübergeht.
Eine vierfache Mutter ist krisenfest
Dabei scheinen viele Labels von der viel beschworenen Kaufzurückhaltung nichts zu spüren. Nach der Schau sagt Dorothée Schumacher, die vor zwei Jahrzehnten mit der Mode begann, eines der interessantesten deutschen Labels aufbaute und nun in cremefarbener Doubleface-Seidenjacke beste Laune verbreitet: Eine vierfache Mutter ist krisenfest.
Ähnlich äußern sich auch Modemarkenbetreiber mit weniger Kindern. Gordon Giers, Vater von drei Kindern und Geschäftsführer der Hamburger Modefirma Closed, verzeichnet dank der vor drei Jahrzehnten und nun wieder modischen Jeans mit hohem Bund Umsatzzuwächse. Mustang-Chef Albert Sefranek berichtet von stark wachsenden Auftragseingängen. Das italienische Jeans-Label Replay ist begeistert, weil man noch nie eine solche Frequenz auf einer Messe gehabt habe. Und Leyla Piedayesh (Lala Berlin) findet kaum genug Strickerinnen für ihre handgestrickten Entwürfe.
Die gute Stimmung zeigt sich am deutlichsten auf dem alten Flughafen Tempelhof. Wo früher die Passagiere warteten und die Flugzeuge starteten, zeigen nun Labels wie Levi's, G-Star, Pepe Jeans, Marc O'Polo, Adidas Tausenden Besuchern ihre neuen Kreationen bei Festivalstimmung. Den Streit um die Hangars und die Haupthalle des stillgelegten Flughafen, die von der Bread & Butter für je zwei Monate in den nächsten zehn Jahren gemietet wurden, befriedet das Happening aber nicht.
Im Juni scheiterten die Filmbetriebe Berlin Brandenburg, die ebenfalls Interesse an dem Gelände hatten, beim Bundeskartellamt mit dem Versuch, die B & B mit dem Argument zu verhindern, dass das Gelände nach einem förmlichen Vergabeverfahren nach europäischem Recht hätte ausgeschrieben werden müssen. Und nun will die Berliner CDU, die bei Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) Selbstherrlichkeit wittert, den Senat gerichtlich dazu verpflichten, den Mietvertrag mit der Messe offenzulegen. Die gute Stimmung auf dem Gelände und bei Karl-Heinz Müller, dem Chef der Bread and Butter, wird es nicht trüben. Die Messe, die einst in Köln geboren wurde, dann nach Berlin ging und einige Saisons einen Umweg über Barcelona nahm, wird vermutlich an diesem Wochenende alle Rekorde überflügeln - und mehr Besucher anziehen als die Düsseldorfer CPD in ihren besten Zeiten.
Suzy Menkes erstmals in Berlin dabei
Die Dynamik der neuen deutschen Modehauptstadt Berlin ist geradezu körperlich spürbar. Leider muss man nur manchmal die Augen davor verschließen. Denn es gibt zwar unzählige aufstrebende Designer in der Stadt. Aber die Vermarkter von der IMG schickten am ersten Tag auch eine seelen- und belanglose Kollektion des für seine schönen Kataloge bekannten Modeunternehmens Gant über den Laufsteg. Immerhin hatten die Veranstalter ein Herz für den begabten Münchner Designer Marcel Ostertag, dessen Eröffnungs-Minikleid mit Empiregürtung gleich das schönste Modell war, und für die Österreicherin Lena Hoschek, die Fünfziger-Jahre-Petticoats mit hawaiianischen und austriakischen Elementen brach - und mit ähnlich fröhlichen Entwürfen auch schon Katie Perry ausgestattet hatte.
Den Berlinern wird diese Schau aber vor allem aus einem anderen Grund in Erinnerung bleiben. Denn erstmals bei einer Modenschau in der Hauptstadt saß in der ersten Reihe Suzy Menkes von der International Herald Tribune, die wichtigste Modekritikerin der Welt. Lange als Personifizierung internationaler Bedeutung von den Berlinern herbeigesehnt, im vergangenen Jahr sogar schon mit selbstquälerischen Interviews belästigt, wann endlich sie denn Berlin für wichtig genug erachte, war die Tolle mit der Tolle nun endlich herabgestiegen aus dem Pariser Himmel.
Aber nicht nur das Interesse an der Berliner Mode ließ die Großkritikerin in der Hauptstadt zwischenlanden. Vor allem machte sie in einer Pressekonferenz Werbung für die Luxuskonferenz, die ihre Zeitung im November in Berlin abhält. Immerhin war sie aber auch am Mittwochabend schon wieder dabei - und schritt durchs Bode-Museum, wo die taumelnde Marke Escada eine Präsentation ihrer schönsten Entwürfe aus der Vergangenheit zeigte. Jetzt kommt es nur noch darauf an, dass das ganze auch Zukunft hat.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS