Von Florentine Fritzen, London
21. September 2006 Am Tag vor ihrer Schau hat sich Bella Freud als Biba-Girl zurechtgemacht. Zu enger Bluejeans und Sneakers trägt die schmale Designerin eine Bluse mit blauem Sechziger-Jahre-Tapetenmuster. To get into the spirit, sagt die 45 Jahre alte Engländerin: um schon einmal in die Stimmung zu kommen.
Bella Freud lächelt ein bißchen verlegen. Ihre Stimme ist warm und leise. Die Ponysträhnen des schokobraunen Stufenhaarschnitts fallen in scheue schokobraune Augen. Zwischen Lippen und Nase leuchten zwei kleine Leberflecken im selben Farbton.
Biba bot mehr als Kleidung
Wenn es nach der Urenkelin des Psychoanalytikers Sigmund und Tochter des Malers Lucian Freud geht, werden wir im Frühling und Sommer nächsten Jahres alle ein bißchen Biba. Denn Bella Freud hat die Aufgabe übernommen, die Londoner Kult-Modemarke wieder zu farbenfrohem Leben zu erwecken. Seit 1964 der erste Laden an der Abingdon Road im Londoner Mode-Stadtteil Kensington eröffnet hatte, bot Biba erschwingliche Mode für hippe Mädchen, die gerne die Beatles hörten oder, später, Manhattan Transfer.
Die Biba-Girls konnten die Hits ihrer Lieblingsgruppen auch beim Anprobieren enger Oberteile und weit ausgestellter Röcke mitsummen. Biba war das erste Geschäft in London, das Musik über Lautsprecher spielte. Ein Café gab es auch, für Gigs stand eine Bühne bereit. Einmal traten die New York Dolls dort auf. Biba bot mehr als Kleidung. Es war eine Art, zu leben und sich fröhlich bunt zu uniformieren. Das ging bis 1975 gut. Dann schloß der letzte Laden an der Kensington High Street.
Ein boyish girl sei sie gewesen
In diesen Tagen aber ist Fashion Week in London, und am nächsten Abend wird das neue Biba, nicht mehr ganz so preisgünstig, über den Laufsteg marschieren. Die Arbeit an der Kollektion, sagt die 1961 geborene Bella Freud, entsperrte etwas in mir. Bella, wie sie in dem kleinen Raum im Londoner Stadtteil Notting Hill alle nennen, erzählt am Vorabend der Schau, wie sie beim Blick auf die alten Grafiken der Biba-Archive von ihrer Kindheit angehaucht wurde.
Ein boyish girl sei sie gewesen, ein jungenhaftes Mädchen. Trotzdem habe sie sich in die verspielten Muster in den Broschüren vertieft, die in ihrem Elternhaus herumlagen. Damals wußte Bella nicht, daß die Millionen kleiner Details der Drucke, diese Mischung aus Jugendstil-Elementen und Flower Power, die Marke Biba formten. Später schenkte ihr die beste Schulfreundin einen Mantel. Auch der ist von Biba. Das hat Bella erst jetzt bemerkt.
Viele glauben, ich habe etwas Englisches
Ich mag es, an welchen Stellen diese Kleidung den Körper berührt und an welchen sie ihm fern bleibt, sagt die Designerin. Ich mag diese sehr schmalen Schnitte an den Schultern und die volleren Röcke. Das schaffe eine mädchenhafte Silhouette, die auch für boyish girls funktioniere.
So war es keine Frage, daß Bella Freud ja sagte, als sie der heutige Besitzer der Marke Biba bat, das Relaunch zu entwerfen. Die jetzige Kollektion ist nach der Winterkollektion 2006/07 ihre zweite für Biba. Warum ausgerechnet sie? Viele Leute glauben, daß ich etwas sehr Englisches habe.
Bella Freuds Internetseite nennt ihre eigenen Modekollektionen tongue in cheek intellectual, auf eine sich selbst nicht ganz ernst nehmende Weise intellektuell. Die Designerin selbst kann mit dem Ausdruck nicht so viel anfangen. Aber vielleicht ist das auch bloß englisches Understatement.
Ich will es nicht retromäßig
Die Arbeiten ihres Vaters beeinflußten ihre Mode nicht, sagt Bella Freud. Wohl aber teile sie seine Arbeitsmoral. Von Lucian Freud habe sie das Wissen, daß da etwas ist auf der anderen Seite, für das es sich lohnt, sich durch etwas hindurchzuarbeiten.
Die Werke ihres Urgroßvaters hat sie nicht gelesen. Stolz ist sie trotzdem auf ihn: Er war cool. Er hatte einen guten Humor. Das hat mir mein Vater erzählt. Barbara Hulanicki, der aus Polen stammenden Designerin des echten Biba, hat Bella Freud ihre Aufwartung gemacht.
Ich habe ihr Blumen mitgebracht. Es wäre ja unnatürlich, wenn wir uns nie getroffen hätten. Viel zu sagen hatten sich die alte und die neue Biba-Schöpferin anscheinend nicht. Bella jedenfalls fühlt sich nicht als Kopistin: Ich will nicht, daß es retromäßig aussieht.
Kaum eine, die nicht in Muttis Kleiderschrank wühlte
Als es am Dienstag abend endlich soweit ist, sieht es zunächst sehr retromäßig aus. Fast alle Besucherinnen der Biba-Schau könnten eine Zeitreise in die Sechziger antreten und blieben mit Sicherheit unentdeckt. Kaum eine, die nicht im eigenen oder Muttis Kleiderschrank ein gepunktetes Kleid, eine himmelblaue Schlaghose, ein türkisfarbenes Kostüm samt gelben Kniestrümpfen aufgestöbert hätte.
Durch die laue Londoner Abendluft an der Cromwell Road schwirrt jener Spirit, von dem Bella tags zuvor sprach. Die wenigen Männer in der Warteschlange vor dem weißen Zelt des British Fashion Councils tragen Patchwork-Jacketts. Je dunkler es wird, desto wärmer leuchtet der neuromanische Bau des Natural History Museums dahinter in weichem Scheinwerferlicht.
Biba lebte vom Glitzer und funkelnden Details
In der Schlange vor dem Einlaß stehen auch Alwyn W. Turner und Steven Thomas. Unter Turners Arm klemmt der Bildband Welcome to Big Biba, den die beiden herausgegeben haben und der am selben Tag in den Handel gekommen ist. Es ist ein Buch über das alte Biba.
Auf das neue sind die beiden Autoren gespannt, den Modezirkus drumherum betrachten sie mit amüsiertem Abstand. You have to suffer for fashion, erkennt Steven Thomas: Um Mode zu sehen, müsse man leiden. Eine Stunde Wartezeit ist normal, beruhigt ihn eine blonde Mittzwanzigerin aus Süddeutschland, die vorher vielleicht schon mal in Mailand oder Paris war und sich somit als erfahrene Fashionista fühlen darf.
Turner, groß, blond, Intellektuellen-Brille, spricht lieber über das Ende des alten Biba, das er als mittelbare Folge der Ölkrise von 1973 begreift. Biba lebte vom Glitzer, vom Licht, von all diesen funkelnden Details. Das paßte nicht mehr in eine Gesellschaft, der die Energie abgedreht worden war und deren Straßenlaternen dunkel blieben. Außerdem habe die Company, der Biba damals gehörte, das Vertrauen in Barbara Hulanickis Fähigkeit verloren, mit ihrer Mode Geld zu machen. Als Biba 1975 schloß, waren die Sixties endgültig tot.
Naive Blumenkinderwelt des Originals
Die blonde Münchnerin hat richtig geschätzt. Mit einer guten Stunde Verzögerung beginnt um kurz nach acht die Schau. Natürlich sind Bella Freuds Entwürfe nicht frei von Retro-Ästhetik. Die Models, fast alle blond, langhaarig und kräftig mit Lidschatten bedacht, tragen Ringelhemden, Kopftücher und trompetenärmlige Kleider, deren Schnitte zu rufen scheinen: Guckt mal, ich habe meinen BH weggeworfen!
Bei den Farben herrschen Ocker und Violett vor. Immer wieder denkt der Betrachter an Brigitte Bardot. Im Gegensatz zu den Besucherinnen akzeptiert Bella Freud aber die Tatsache, daß es so etwas gibt wie das einundzwanzigste Jahrhundert.
Ihre Entwürfe verhehlen nicht, daß sie mit Biba spielen, die naive Blumenkinderwelt des Originals brechen. Am Schluß zeigt sich die Designerin kurz dem Publikum - in Jeans und einer braunen Sternchen-Bluse. Aus den Lautsprechern singen die Beatles I wanna be you lover, baby. Bella wirft einen schüchternen Handkuß.
Ein neues regenbogenfarbenes Zeitalter
Buchautor Alwyn Turner glaubt, daß sich die Menschen heute eher in die siebziger Jahre zurückträumen als in die sechziger. Die Sechziger waren zu lebensfroh. Das suchen wir nur in fetten Zeiten, so wie Mitte der Neunziger. In Zeiten der Rezession suchen wir den Eskapismus, interessieren uns für Epochen, die selbst nicht mit sich zufrieden waren.
Aber, schiebt er hinterher, das sei eine allgemeingesellschaftliche Beobachtung, in der Mode könne das das auch ganz anders sein, siehe Biba-Revival, aber von Mode habe er ja keine Ahnung. Die Mode aber ist der Zeit voraus, muß ihr voraus sein. Schließlich läuft in diesen Tagen Kleidung über die Stege, die erst nächstes Frühjahr auf den Straßen zu sehen sein wird.
Insofern kommt 2007 vielleicht auch ein neues regenbogenfarbenes Zeitalter auf uns zu, in dem wir uns endlich wieder auf Dinge wie schöne Klamotten, Blumenmuster und die Liebe konzentrieren können. Auf dem Weg zur After-Show-Party singt eine Frau wie für sich: I wanna be your lover, baby, I wanna be your man, love you like no other, baby, like no other can.
Text: F.A.Z., 21.09.2006, Nr. 220 / Seite 9
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS