Von Florentine Fritzen, London
22. September 2006 Es ist nur eine Nacht, aber sie wird die Welt verändern. Das Märchen von dieser Nacht geht so. Buona sera a tutti, sono Giorgio, ruft der kleine Mann mit den silbernen Haaren, der ledrigen Haut, den veilchenblauen Augen. Giorgio heißt mit Nachnamen Armani. Er ist 72 Jahre alt. Giorgio hat 1200 Menschen in die Brompton Hall eingeladen. Beim Gedanken an diesen Tag habe ihn, sagt er, am Vorabend im Restaurant plötzlich un brivido ereilt, ein Glücksschauder.
Brompton Hall ist eine Ausstellungshalle in Earls Court, London. Weil es angeblich 25 Grad warm ist an diesem milden Donnerstag abend, erlaubt Giorgio seinen Gästen, die Jacketts sofort auszuziehen. An den Tischen gibt es Laurent-Perrier-Champagner, San-Pellegrino-Wasser, Wodka, biologisch wertvolle Limonade und ein Tablett mit ordentlich aufgereihten Häppchen: Prosciutto, Salami, Feigen, Foccaccia und, wohl wegen der Engländer, ein paar Sorten Rohkost.
Di Caprio und Co. kämpfen gegen Aids
Auf der Bühne, auf der eben noch Giorgio stand, spricht jetzt Leonardo di Caprio. Der amerikanische Schauspieler ist gerade von einem Filmdreh in Afrika zurückgekommen und hat gesehen, wie schlecht es den Menschen dort geht. Deswegen sind wir ja auch alle hier, zu One Night Only, Untertitel: An inspi(red) evening of fashion and music. Der inspirierte Abend mit Mode und Musik klammert die Silbe red ein, um sie hervorzuheben. Rot ist die Farbe des Kampfs gegen Aids.
Wir alle hier in der Brompton Hall wollen, daß diese Krankheit besiegt wird. Die auf der Bühne wollen es. Wir am Tisch 66 wollen es, während wir Grissini knabbern; die beiden dicken Spanier, die Mittvierzigerin, die sich vom sehr jungen Kellner eine Zigarette nach der anderen mit Streichhölzern anzünden läßt, der Mann aus Mailand mit seiner estnischen Frau, die früher mal gemodelt hat, sich jetzt aber hauptberuflich um die zwei Kinder kümmert. Und ihr da draußen, ihr wollt das doch auch.
Viel Häßliches mit dem erfrischenden V-Effekt
Giorgio Armani will, schließlich ist gerade Fashion Week, außerdem noch seine Emporio-Armani-Kollektion für Frühjahr und Sommer 2007 vorstellen. Dafür eignet sich die Brompton Hall ebenfalls sehr gut. Mehr als achtzig Models, Frauen und Männer, schreiten in roter, schwarzer, weißer Kleidung über die Bühne. Vieles davon ist ziemlich häßlich, vor allem die kurzen Pluderhosen und dieses T-Shirt mit dem obszön feuchtlippigen Mund vorne drauf.
Daß zu diesem leicht gruseligen Defilee Hello, I Love You von den Doors erschallt, sorgt für einen erfrischenden V-Effekt. Nachdem wenig später die Soulsängerin Beyonce aufgetreten ist, sagt endlich auch der Erfinder von (Product) Red etwas. Bono von U 2 muß nicht erklären, was genau es mit dem Projekt auf sich hat. Denn das wissen wir hier in der Brompton Hall ja alle längst. Ihr da draußen wißt es nicht?
Armanis schnelle Anti-Aids-Kollektion
Also: Ein Unternehmen, zum Beispiel Armani, produziert etwas, zum Beispiel eine Sonnenbrille, eine Uhr mit ziemlich großem Ziffernblatt und verschiedene Klamotten. Vierzig Prozent des Gewinns aus dem Verkauf dieser Sachen helfen, Aids in Afrika zu bekämpfen. So kann jeder, wenn er jetzt sehr bald Weihnachtsgeschenke kaufen geht, mit seiner Kreditkarte etwas Gutes tun. Die Sonnenbrille und die Uhr sind schon auf dem Markt, die Kleidung soll Mitte November folgen. Da Bono dieses Wissen voraussetzen darf, sagt er einfach ein selbstgemachtes Gedicht auf.
Darin prophezeit er verschiedene Dinge, zum Beispiel, daß er heute abend viel zu viel Wodka trinken und daß es einmal eine Zeit ohne HIV geben werde. Bono macht das Projekt nicht alleine, sondern zusammen mit einem Freund, dem Produzenten Bobby Shriver. Der grätscht auf der Bühne sein linkes Bein in die Höhe und zeigt seine Chucks vor. Die Marke Converse macht nämlich auch mit bei (Product) Red. Die Schau mit Armanis kleiner Anti-Aids-Kollektion rauscht leider so schnell vorbei, daß wir an Tisch 66 gar nicht richtig mitbekommen, was da jetzt alles dabei war. Es sieht jedenfalls ziemlich ähnlich aus wie die anderen Sachen von Emporio Armani.
Viele Lilatöne, viel Schwarz, glitzernde Kleider
In der folgenden halben Stunde sagen noch alle möglichen Schauspielerinnen und Sängerinnen ins Mikrofon, daß Einkaufen ein gutes Werk sein könne. Nach dem Auftritt des englischen Sängers Bryan Ferry ist es auch schon wieder Zeit für etwas Mode. Die Linie Giorgio Armani tritt auf und wirkt wie gewohnt deutlich ausgegorener als Emporio. Viele Lilatöne, viel Schwarz, glitzernde Kleider. Als nächstes gibt es einen Werbefilm. Zwei dunkelhäutige Männerleiber, nackt ineinandergewrungen, die Münder zum Kuß verbunden, drehen sich in irrsinniger Geschwindigkeit auf einer Scheibe. Schnitt. Ein Schriftzug teilt mit, es gebe ein Telefon, das helfe, Aids in Afrika zu bekämpfen. Motorola ist nämlich auch dabei.
Als die britische Indie-Band Razorlight auftritt, hätten wir an Tisch 66 fast kurz vergessen, worum es hier an diesem Abend eigentlich geht. Zum dritten Lied, America, legt sich Sänger Johnny Borrell aber zum Glück mahnend eine rote Schärpe um den entblößten Jungenoberkörper. Er schwitzt unter den Löckchen. Während wieder ein Film mit roter Botschaft läuft, den eine weitere Soulsängerin angekündigt hat, Alicia Keys, bringen die Kellner Tabletts mit Safranrisotto in kleinen Schalen. Zur Präsentation der Couture-Linie Armani Prive, der vierten Modenschau an diesem Abend, tritt Andrea Bocelli auf.
Deshalb amüsiere ich mich nie auf Partys
Das paßt auch gut zum Tüll, zu den hochgestellten strengen Kragen. Der italienische Tenor schließt mit einem langgezogenen miii maaanchiii, du fehlst mir, und wir alle denken jetzt auch ein wenig an euch da draußen, die ihr nicht dabeisein könnt. Endlich zeigt sich auch Giorgio mal wieder auf der Bühne. Er bleckt gequält die Zähne. Feste, hat er heute morgen noch gesagt, seien nur zwischen ein und vier Uhr früh gut, und um eins müsse er ins Bett. Deshalb amüsiere ich mich nie auf Partys. Wie das mit dem Glücksschauder vom Vorabend zusammenpaßt, verrät er nicht.
Armani hat noch manches andere gesagt an dem quadratischen Bistrotisch im ganz in Schwarz und Rot gehaltenen Restaurant des am selben Tag wiedereröffneten, frisch renovierten Emporio-Armani-Flagshipstores an der Brompton Road in Kensington. Er hat von der Gegend gesprochen, aus der er stammt, von der Stadt Piacenza in der Emilia, wo er 1934 zur Welt kam. Armani hat erzählt, daß er oft ins Haus seiner verstorbenen Mutter im Städtchen Rivergaro fahre.
Damit tut man etwas Gutes
Er hat vom Val Trebbia mit seinem mäandernden kalkig-türkisfarbenen Fluß geschwärmt, von der Serenita dieser Gegend: Es ist das schönste Tal der Welt. Dort läßt man die Welt hinter sich. Der Designer hat sich erinnert, wie er in den siebziger Jahren zum ersten Mal modisch in London unterwegs war und begeistert die Carnaby Street erkundete. Er hat auch von seinem Kollegen Pierre Cardin gesprochen, der wie er selbst ein großes Imperium aufgebaut hat, aber vielleicht weniger als er, Armani, dafür sorge, daß die Marke nicht verwässere. Er hat auch gesagt, daß sein Erfolg von der Hingabe an die Arbeit komme.
Über (Product) Red hat Armani nur berichtet, daß er in dieser Sache mit seinen Freunden Bono und Bobby Shriver zusammenarbeite und daß es da um wichtige Dinge gehe. Er hat auf die Uhr an seinem Handgelenk gezeigt und versichert: Damit tut man etwas Gutes. Im Independent vom Donnerstag berichtet Armani, der kein Englisch spricht, wie er selbst einst die Not erfahren habe. Im Krieg detonierte eine Granate, mit der er und ein paar andere Jungen arglos Fußball gespielt hatten.
Die Party hat gerade erst angefangen
Ein Freund sei gestorben, er selbst von Kopf bis Fuß verbrannt. Nach dem Krieg habe es in seinem Elternhaus kaum etwas zu essen gegeben. Da ist der Bogen zu den armen Menschen in Afrika schnell geschlagen - und jetzt aber basta mit dem Leid der Welt.
Mit Armanis angestrengtem Lächeln auf der Bühne endet die Schau in der Brompton Hall. Aber die Party hat gerade erst angefangen, heizt eine Stimme den Gästen ein. Also Licht heruntergedimmt, Lautstärkeregler hochgedreht. Die Kellner bringen etwas, das nach Auberginen-Involtini aussieht. Gehen wir uns schnell nachschminken? Vor den Toiletten steht der Filmschauspieler Tobey Maguire. Es ist zwanzig nach elf. Ist das eigentlich schon Nacht? Noch nicht so richtig. Die Welt wird sich erst später verändern.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. September 2006
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS