Oscar-Mode

Tote Tauben und verunglückte Schwäne

Von Christiane Heil, Los Angeles

26. Februar 2007 Die spannendsten Momente der Oscar-Nacht waren für viele schon vorbei, bevor die erste Trophäe am Sonntag überhaupt verliehen wurde. Auf dem roten Teppich vor dem Kodak Theatre hatten Joan und Melissa Rivers, die „first ladies of fashion“, bereits mehrere Stars ins Schwitzen gebracht.

Die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal, die stolz ihre schwarze Robe mit Federbesatz vor den Kameras zur Schau trug, empfing Joan Rivers mit einem trockenen: „Und wie viele Tauben mussten dafür sterben?“ Tochter Melissa merkte vergleichsweise dezent an, Cameron Diaz' Frisur sehe aus wie nach einer Tour auf dem Motorrad.

Leichte Blessuren und harte Treffer

Das Gespann aus Mutter und Tochter ist seit Jahren so etwas wie das inoffizielle Empfangskomitee der Academy Awards. Vom Publikum werden sie mit Spannung erwartet. Die Celebritys und besonders deren Stylisten fürchten sich vor den beiden. Mit ihren spitzzüngigen Kommentaren zu den Outfits der Stars haben sie den Gang von der Limousine in das Kodak Theatre für viele auch bei der 79. Oscar-Zeremonie zu einem Hindernisrennen gemacht.

Celine Dion, Eddie Murphy und Nicole Kidman kamen ohne Blessuren im Kodak Theatre an. Rinko Kikuchi dagegen traf es wieder hart. Die für ihre Rolle in „Babel“ nominierte Japanerin wurde erst von Joan Rivers für ihr schulterfreies Abendkleid von Chanel gelobt, bekam dann aber noch hinterhergeschickt: „Das war nach dem letzten Mal aber auch fällig!“

Die „Königin des roten Teppichs“ erinnerte damit an die für Kikuchi mehr als peinliche Verleihung der Golden Globes vor ein paar Wochen. Zu der Gala in Beverly Hills hatte die „Babel“-Darstellerin ein weißes Kleid mit unzähligen weißen Bommeln getragen. Die Rivers erinnerte das an einen toten Pudel. Dank Joan und Melissa Rivers dürfte Rinko Kikuchi auf der Liste der Modesünden nun für alle Zeit einen der vorderen Plätze belegen.

Genickbrüche und Unfälle

Sie befindet sich damit in Gesellschaft der Isländerin Björk, das bislang prominenteste Opfer der Rivers. An die Oscar-Verleihung 2001, als sie „I've seen it all“ vortrug, erinnert sich wohl kaum jemand. Aber ihr legendäres Schwanenkleid des Avantgarde-Designers Marjan Pejoski steht bis in alle Ewigkeit als Synonym für verunglückte Oscar-Mode.

Mit ihren bissigen und ständig neuen Kommentaren über Genickbrüche, Unfälle und tote Vögel hat Joan Rivers dieser Robe zur Unsterblichkeit verholfen. Wie auch Chers „idiotischem Titanic-Hut“, Uma Thurmans Lederhosen a la Heidi und Gwyneth Paltrows „unausgefülltem“ pinkfarbenen Abendkleid, das die Schauspielerin 1999 trug, als sie für „Shakespeare in Love“ ausgezeichnet wurde.

Grenzgänger der Political Correctness

Geschichte geschrieben hat Joan Rivers am Sonntag wohl auch mit ihrem Interview der Oscar-Preisträgerin Melissa Etheridge. Nachdem die Musikerin und ihre Lebensgefährtin Tammy Lynn Michaels auf dem roten Teppich enthusiastisch von der Geburt ihrer Zwillinge erzählt hatten, befahl Rivers mit Blick auf Michaels' tiefen Ausschnitt: „Deine Brüste sehen klasse aus. Still' weiter!“

An der Grenze zur Political Correctness war auch Rivers' Antwort auf die Frage des „Dreamgirls“ -Musikers Keith Robertson, aus welchem Material ihre rote Pelzjacke sei. „Aus meinen toten Hunden“, entgegnete die 73 Jahre alte Komikerin - und ließ Robertson sprachlos auf dem roten Teppich zurück.

Markenzeichen Facelifting

Die kalkulierte Provokation beherrscht Joan Rivers seit Jahrzehnten wie kaum eine andere. Schon in den sechziger Jahren machte die gebürtige New Yorkerin als Komikerin so viel Eindruck, dass sie regelmäßig in beliebte Fernsehsendungen wie Johnny Carsons „Tonight Show“ eingeladen wurde, Texte für Kollegen schrieb und schließlich eine eigene Talkshow moderierte.

Mitte der achtziger Jahre kam Rivers' Höhenflug zu einem abrupten Ende, als sich ihr Mann Edgar Rosenberg das Leben nahm. Erst Jahre später kehrte sie mit ihrer eigenen Sendung „The Joan Rivers Show“ auf den Bildschirm zurück. Ihre heisere Stimme und das immer aufs Neue geliftete Gesicht gelten seitdem als unverwechselbar: „Mein Haut ist häufiger glatt gezogen worden als jedes Hotelbettlaken“.

„Who are you wearing?“

An frühere Erfolge konnte Rivers aber erst mit ihrer Berichterstattung bei den Oscars anknüpfen. „Vor elf Jahren war der rote Teppich noch etwas ganz anderes. Dann kam ich“, kokettierte Joan Rivers am Sonntag. Tatsächlich gehört ihr Standardsatz „Who are you wearing?“ inzwischen ebenso zu den Academy Awards wie das berühmte „And the Oscar goes to“.

Gemeinsam mit ihrer Tochter Melissa, die ihrer Mutter äußerlich dank plastischer Chirurgie von Jahr zu Jahr ähnlicher zu werden scheint, hat sie die Mode auf dem roten Teppich zu einem der am meisten diskutierten Themen Hollywoods gemacht - und den Filmen damit ein wenig die Show gestohlen. „Wer will schon wissen, was Schauspieler wie Peter O'Toole und Judi Dench tragen?“, beschwerte sich Robert Osbourne, der offizielle Moderator vor dem Kodak Theatre. „Es geht doch um die Filme, die sie drehen!“

„Dafür wirst du gekreuzigt, Liebling“

Gerade bei den sonst so perfekt orchestrierten Oscars sorgen jedoch die Modekommentare des Mutter-Tochter-Teams für spontane Momente. Als sich Sally Kirkland, 1987 als „Beste Darstellerin“ nominiert, am Sonntag unaufgefordert zu Joan Rivers stellte und erzählte, dass ein Rabbi ihr Kleid genäht habe, würgte Rivers sie brüsk ab: „Ich hoffe nur, dass Mel Gibson das nicht sieht.“ Während sie Jennifer Lopez kurzerhand ihre Handtasche öffnen ließ, fragte sie den Ehemann Marc Anthony beiläufig: „Und die Ehe funktioniert noch?“

Selbst Helen Mirren, für ihre Rolle in „The Queen“ mit einem Oscar ausgezeichnet, fügte sich wortlos und drehte der Kamera den Rücken ihrer goldenen Lacroix-Robe zu. Die Schuhe, die Doug Jones aus Guillermo del Toros „Pans Labyrinth“ auf dem roten Teppich trug, honorierte Joan Rivers dagegen mit einem fast mütterlich-milden: „Dafür wirst Du gekreuzigt, Liebling!“

Zweckloser Präventivschlag

Jeder Widerstand auf dem roten Teppich ist zwecklos - diese Erfahrung musste am Sonntag auch Schauspielerin Kirsten Dunst. Da sie sich der Oscar-Tauglichkeit ihres braven hellgrauen Chanel-Kleides mit Federn am Saum nicht ganz sicher zu sein schien, holte sie zum Präventivschlag aus. In Sekundenschnelle zog sie ein Bild vor, das Mutter und Tochter Rivers als tanzende Süßigkeiten zeigte. Als die Schauspielerin auch noch um ein Autogramm bat, wurde es Joan Rivers zu bunt. Sie kommentierte das Kleid abfällig: „Es sieht doch sehr nach Ginger Rogers aus.“ Dann gab sie Kirsten Dunst für ihren Weg über den roten Teppich noch einen Satz mit: „Federn trägt dieses Jahr wirklich jeder.“

Damit ist es nicht genug: In den kommenden Tagen küren Joan und Melissa Rivers wie jedes Jahr nach den Oscars die schlechtesten Outfits. Meryl Streep, Jessica Biel und auch Regisseur Spike Lee dürfen sich noch auf einiges gefasst machen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 
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