23. Mai 2006 Dieses Mal hat Madonna auf den richtigen Gaul gesetzt. Anders als bei ihrem Reitunfall im vergangenen Jahr, als sie vom Pferd fiel und im Krankenhaus landete, behielt sie beim Beginn ihrer Welttournee Confessions on a dancefloor am Sonntag abend in Los Angeles alle Zügel in der Hand.
Das mit Diamanten und Kristallen besetzte Kreuz lud die Szene religiös auf. Musikalischen Drive verhieß - wie auf der CD - das Aneinanderreihen der Nummern in einem Rausch von future disco. Und modisch blieb sie dank geschäftsmäßig durchgezogener Exzentrik im Sattel: Die Pferdenärrin hatte sich - wieder von Jean Paul Gaultier - Hosen und Oberteile schneidern lassen. Siebenmal wechselte sie ihr Outfit. Der Zwei-Millionen-Dollar-Discokugel entstieg sie in Reithosen, Reitstiefeln und samtbezogenem Militaryhelm.
Modische Inszenierung mit Hilfe Gaultiers
Madonna und Gaultier - das ist eine lange Geschichte, die mit dem konisch zulaufenden goldenen Seidenbustier für ihre Blond-Ambition-Tour 1990 nur ihre ersten beiden Höhepunkte erreichte. Die Musikerin und der Modemacher passen so gut zueinander, daß Madonna nun auch Gaultiers Wendung zum equestrian style mitgemacht hat. Seitdem Gaultier vor gut zwei Jahren Chefdesigner von Hermes wurde, bringt er - viel stärker als sein Vorgänger Martin Margiela - Zaumzeug, Sattel, Reithosen und Lederstiefel aus der Tradition des Hauses auf den Laufsteg.
Madonna, die seit einigen Jahren Reitunterricht nimmt, macht das gerne mit. Denn erstens ist sie an modischer Inszenierung interessiert; das legen auch die Fotos auf ihrer CD nahe, die vom Modefotografen Steven Klein stammen, der Madonna, wie seinen Models, im grellen Licht zu übersteigerter Künstlichkeit verhilft. Zweitens hat sie ohnehin einen Sinn für die hohe Mode, wie ihr paparazziumtoster Auftritt bei Gaultiers Haute-Couture-Schau im Januar bewies. Drittens nutzt sie jedes Mittel, um den durch Training perfektionierten Körper hervortreten zu lassen, weshalb die Mode zur besten Allzweckwaffe im Geschäft mit der Provokation wird.
Mehr als 30 Kostüme in bestem Material
Viel Arbeit also für Gaultier. Sein Couture-Atelier mußte, wie die Mitarbeiter berichten, Überstunden machen, um die 30 Kostüme für die Sängerin und ihre Tänzer anzufertigen. Von Taft über Seide und Chantilly-Spitze bis zu Seidenchiffon wurde alles eingesetzt, was das Atelier an Stoffen für Reithosen, Blusen und Jacken hergab. Eine Samthose, von einer Dornenkrone geziert, hob das Pferdethema in den Himmel, ein weißer Hosenanzug das Discothema zu den Helden von Saturday Night. Dem Fachblatt Women's Wear Daily sagte Gaultier: Madonna ist besessen von der Qualität der Materialien. Und nicht nur das: Sie hat alles unter Kontrolle, wie der Regisseur eines Films.
Das war schon bisher so. In den Achtzigern noch mit mädchenhaft-natürlicher Attitüde, zeigten die Neunziger schon eine von oben bis unten durchgeformte Diva, die mal als Marilyn Monroe lasziv, mal als Marlene Dietrich distanziert auftrat, immer aber modisch Akzente setzte: So ist der Langzeittrend, Reiz- und Unterwäsche zuoberst zu tragen, ohne die Blond-Ambition-Tour kaum zu denken. Ihr Auftritt in Los Angeles führt die Vorliebe für glänzende Materialien, die provozierende Betonung des Busens, das mit den Mittänzern abgestimmte Styling weiter.
Nie unfreiwillig komisch wie Spears oder Carey
Auf der Tournee, die sie noch nach Kanada, Europa und Japan führen wird, im August auch zu Konzerten nach Düsseldorf und Hannover, soll das Publikum für bis zu 300 Euro pro Karte auch etwas zu sehen bekommen: Einmal tanzt sie in Reitstiefeln, mit Peitsche in der Hand, über die Bühne - so wie Gaultier, als er im März den Applaus für seine Hermes-Schau entgegennahm.
So vulgär Madonnas Sado-Maso-Lederlook auch scheinen mag: Er ist zumindest nicht unfreiwillig komisch wie das Cowgirl-Fetzen-Zeugs von Shakira, das Post-Grunge-Outfit von Britney Spears oder die Quetschkommoden-Garderobe von Mariah Carey - zu schweigen von den ästhetischen Zumutungen der finnischen, mazedonischen, spanischen oder kroatischen Beiträger des Eurovision Song Contest.
Einpeitscherin und Discomaus
Madonna also hob ihren gestählten Rücken hervor und die durch Spitze nur leicht verhüllten muskulösen Arme, gab die Einpeitscherin und die Discomaus. Bis ins letzte gibt sie der Mode Halt: nicht mit Knöpfen, sondern nur mit Plastikschnallen ließ sie die Sachen befestigen, so daß sie schnell zu wechseln sind. Die Hüte werden mit elastischen Bändern gehalten. Auch ihre Mittänzer müssen die Mode-Inszenierung mittragen - in Form eines Sattels. Madonna sitzt bequem darauf.
Text: kai. / F.A.Z., 22.05.2006
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