Yves Saint Laurent zum Siebzigsten

Mein Mode-Magier

Von Gabriele Strehle

YSL wird siebzig - Laetitia Casta gratuliert

YSL wird siebzig - Laetitia Casta gratuliert

01. August 2006 Paris war Anfang der Siebziger noch aufregender als heute - besonders für uns Mode-Meisterschüler aus München. Das Prêt-à-porter emanzipierte sich von der Haute Couture. Die Studentenrevolte hatte einige Jahre zuvor hier ihren Anfang genommen und außer einem gesellschaftspolitischen Programm auch eine modische Revolution mit sich gebracht. Was von „rive gauche“ kam, von der anderen Seite des Flusses, veränderte mit dem rebellischen Charme des Studentischen die gesamte Modewelt. Die wichtigste Symbolfigur für diese Aufbruchstimmung in der Modewelt war Yves Saint Laurent - soviel hatten wir in München den großen Modezeitschriften schon entnehmen können. Nicht umsonst hatte er seine Prêt-à-porter-Linie „Rive Gauche“ genannt. So heißt sie noch heute, da die von Yves Saint Laurent gegründete Marke längst durch seinen Nach-Nach-Nachfolger Stefano Pilati vertreten wird.

Zum ersten Mal fuhr ich in die Hauptstadt der Mode mit meiner Münchner Klasse. Schon vorher war uns angekündigt worden, daß wir eine der Schauen besuchen könnten - entweder Chanel oder Yves Saint Laurent. Coco Chanel lebte damals noch. Sie war schon weit über achtzig und eine Legende. Ich wollte sie sehen. Coco war mein großes Vorbild, eine Frau, die sich als Modemacherin behauptete, eine Frau, die anderen Frauen mit radikal modernen Schnitten und dem Verzicht auf jegliche überflüssige Dekoration ein modernes Lebensgefühl vermittelt hatte. Man konnte sich in ihren Kostümen und Kleidern frei und selbstsicher fühlen. Und das war schließlich das, was wir damals wollten!

Los-Pech war ein großes Glück

Das Los sollte entscheiden. Ich zog „YSL“ und war schrecklich enttäuscht. Aber wie so oft im Leben war das vermeintliche Los-Pech doch ein großes Glück. Denn als ich mit den Mitschülern in der Schau von Yves Saint Laurent saß, ganz hinten, versteht sich, denn vorn saßen all die wichtigen Moderedakteurinnen und Einkäufer aus aller Welt, und hinten saßen eben die Studenten - als ich also dort saß, die Musik begann, der Laufsteg erleuchtet wurde und als ich den Kopf nach den ersten Modellen reckte, die da über den Laufsteg paradierten, war ich augenblicklich begeistert.

YSL - schon diese Abkürzung scheint mir typisch für die klare Aussage und den klassischen Anspruch – war aufregend, frisch und dynamisch. Seit diesem Besuch in Paris war ich nicht mehr dieselbe. Ich hatte große Mode gesehen. Yves Saint Laurent war für mich der neue Befreier der Frauen. Damals ging es ja um die erste große Phase der Emanzipation. Und der Hosenanzug war für mich das Kleidungsstück, das diesen Anspruch auf Selbstbestimmung der Frauen symbolisierte. Der Hosenanzug schien mir das rechte Outfit zu sein für eine Zukunft, in der Frauen endlich die Macht übernehmen, in der sie das Business bestimmen und nicht mehr nur die Anordnungen der Männer ins Werk setzen.

Herrenanzug verweiblicht

Das war ein bißchen naiv, wie ich im Rückblick sagen muß. Denn die Frauen zeigen natürlich auch gerade dadurch Selbstbewußtsein, daß sie sich weiblich kleiden, in Röcken zur Arbeit gehen, auf Farben und Muster und Applikationen nicht ganz verzichten – vielleicht beherrschen sie dadurch die Männer noch viel souveräner! Jedenfalls sieht es, wenn ich zum Beispiel von München nach Mailand fliege, doch sehr bescheiden aus, wie die Frauen in der Business Class die Männer in ihrem Grau-in-Grau nachahmen. Das, was man landläufig Business-Outfit nennt, ist doch eine ziemlich langweilige Veranstaltung. Man gönnt es den Frauen wirklich nicht!

Damals begeisterte mich die Idee Saint Laurents, den Herrenanzug zu verweiblichen. Und diese Idee schien mir auch die logische Fortsetzung der Errungenschaft Coco Chanels zu sein: Sie hatte männliche Formen für weibliche Zwecke genutzt, mit festen Bouclé-Stoffen und geraden Linien schon einmal ein männliches Element in die Damenmode gebracht. Aber die Hosenanzüge von YSL waren natürlich nicht Business-Hosenanzüge im heutigen Sinne. Er spielte so gekonnt mit Stoffen, Konturen, Proportionen, Details, daß er eben diesen Fehler vermied: die Frauen zu einer Art schlechterem Mann zu machen.

Der gute Stern YSL

Seit dieser Begegnung der Modestudentin mit der Mode-Ikone aus der Ferne steht Yves Saint Laurent wie ein guter Stern über meiner Arbeit. Die Firma Strenesse, in die ich ein paar Jahre nach dieser YSL-Schau als Designerin eintrat und wiederum ein paar Jahre später einheiratete, war eigentlich für Mäntel bekannt. Gemeinsam mit meinem Mann habe ich die Palette systematisch ausgebaut. Immer wieder bin ich dabei von Modeleuten auf den Hosenanzug als wichtigstes Stück meiner Kollektionen reduziert worden. Und nicht zufällig haben wir unsere Mode ja auch seit den neunziger Jahren vor allem in Mailand gezeigt, der Stadt, die noch mehr von Business versteht als Paris. Aber ebenfalls nicht zufällig zeigen wir seit einem Jahr unsere Kollektionen in New York. Und dieser Wechsel von der Business- in die Business-und-Glamour-Metropole zeigt sich auch in meiner Mode.

Wir von Strenesse sind auch bei der zweiten Emanzipation der Frau dabei, wenn es also darum geht, mehr Leichtigkeit, mehr Glamour, mehr Lebensfreude in die Damenmode zu bringen – und in die Herrenmode übrigens auch. Selbst das scheint mir nun unter dem guten Stern von YSL zu stehen, der die Frau als Frau schon verstanden hat, als wir alle noch in alten Klischees feststeckten. Wenn Yves Saint Laurent an diesem Dienstag seinen siebzigsten Geburtstag feiert, dann will das nichts sagen: In seinem Design war er schon immer jünger, als wir es jemals sein werden.

Gabriele Strehle, 1951 in Hawangen im Allgäu geboren, trat als Absolventin der Münchner Meisterschule für Mode 1973 ins Nördlinger Unternehmen Strenesse ein - und schuf mit Gerd Strehle, den sie später heiratete, eine der wichtigsten deutschen Modemarken. Seit 1996 zeigte sie ihre Kollektionen auf den Mailänder Schauen. Im September 2005 wechselte sie zur New York Fashion Week, wo die Marke nun zweimal im Jahr zur Erschließung des amerikanischen und internationalen Marktes präsentiert wird.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Reuters

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