Brautmode

Kleider machen Bräute

Von Florentine Fritzen

Wie im Bilderbuch: Brautkleid von Lilly

Wie im Bilderbuch: Brautkleid von Lilly

16. Mai 2007 Ein Brautkleid zu kaufen scheitert so: Die künftige Braut und ihre beste Freundin haben sich einen Tag frei genommen. Nicht so sehr deswegen, weil das Magazin „Braut“ in seiner aktuellen Ausgabe rät: „Genießen Sie den Tag als Event-Tag und nehmen Sie gegebenenfalls Urlaub - entspannt lässt es sich am besten auswählen“. Sondern weil Brautmodengeschäfte in der Regel erst um elf Uhr öffnen und schon um 18 Uhr schließen - und samstags meist hoffnungslos überlaufen sind.

Die Suche nach dem passenden Kleid, empfiehlt das „Braut“-Magazin, neben „Hochzeit“ übrigens die führende deutsche Zeitschrift zum Thema, sollte sieben bis neun Monate vor dem Fest beginnen. Die Frauen sind spät dran: Die Trauung ist schon im August. Die Tür des ersten Brautmodengeschäfts ist verschlossen. „Bitte klingeln“, verlangt ein Schild. Die Frauen schellen. Die mürrische Verkäuferin im roten Strickpulli fragt: „Haben Sie einen Termin?“ - „Nein, wir wollen nur mal schauen.“

Keine Cappuccino-Töne mehr

Mit Hose: Anzug von Amuleti J.

Mit Hose: Anzug von Amuleti J.

Dicht an dicht hängen auf den Chromstangen längs der Wände Dutzende von Brautkleidern in Zellophanhüllen. Die meisten davon sind cremefarben - es ist wie schon in den vergangenen Sommern die Farbe der Saison. Es gibt aber neuerdings auch wieder viele blütenweiße Modelle. Die Cappuccino-Töne des vorigen Jahres hingegen sind verschwunden. Die Braut versucht, ein Kleid herauszuziehen. Die Verkäuferin keift: „Keine Selbstbedienung!“ Die Frauen flüchten.

Das zweite Geschäft ist immerhin frei zugänglich. Die Verkäuferin wirkt freundlich und bedient die beiden auch ohne Termin. Ganz hinten im Raum strahlt eine korpulente dunkelhaarige Kundin ihr Spiegelbild an - schulterfrei, im üppig ausgestellten Reifrock. Die beste Freundin der Braut sagt: „Wir hätten gerne etwas Schlichtes.“ Die Verkäuferin bringt etwas „Romantisches“. Die Braut zeigt guten Willen und verschwindet in der Umkleidekabine.

Ein Stringtanga mit aufgestickten Perlen

Brautkleider, lernt sie dort, bestehen immer aus zwei Teilen: einem Rock, der hoch in der Taille sitzt, und einem Oberteil. Die Verkäuferin reicht wie selbstverständlich einen Stringtanga mit aufgestickten Perlen und ein wenig Spitze in die Kabine. Es folgt eine Korsage. Die Braut fragt: „Kann ich nicht einfach mit BH?“ Die Verkäuferin schüttelt den Kopf. Sie schiebt sich durch den Vorhang, legt der Braut die Korsage vor den nackten Oberkörper, zerrt sie hinten zusammen und beginnt, die etwa zwanzig Häkchen am Rücken zu schließen. „So was kriegt man ja alleine gar nicht zu“, staunt die Braut. „Und auch nicht wieder auf“, ergänzt die Verkäuferin. Ihre Stimme klingt verheißungsvoll. „Das ist dann ja auch ganz schön für die Hochzeitsnacht.“

Die Braut schlüpft in den Rock mit Schleppe und in das geraffte Oberteil. Die Verkäuferin fragt nach der Schuhgröße und bringt Brautschuhe in 39. Die Braut steigt auf einen Schemel vor der Spiegelwand und flüstert: „Ich sehe aus wie eine Torte.“ Die Freundin nickt. Die korpulente Dunkelhaarige schielt herüber. Die Verkäuferin steckt der Braut einen Schleier ins Haar, dann einen perlenbesetzten Reif. „Ist das ein Krönchen?“ fragt die Braut. „Nein, ein Diadem.“

„Ich wollte eigentlich ohne . . .“

Die Verkäuferin reicht ihr Satinhandschuhe und will wissen, welche Denier-Stärke der Strumpfhose sie wünsche. „Ich wollte eigentlich ohne . . .“, murmelt die Braut. „Ist doch Sommer.“ Die Verkäuferin erklärt: „Zu solch einem Kleid gehört aber eine Strumpfhose.“ Diesmal lächelt sie verschwörerisch. „Oder Sie nehmen Overknees und Strapse?“ Die Verkäuferin kramt in ihren Schachteln. Kurz darauf wedelt sie mit einem kobaltfarbenen Strumpfband. „Es gibt doch den Brauch, dass die Braut am Tag der Hochzeit etwas Blaues tragen muss. Das bringt Glück.“

Stille Größe: Brautkleid von Max Mara elegante

Stille Größe: Brautkleid von Max Mara elegante

Die beste Freundin fragt, was das alles in allem kosten würde, mit Schuhen, Schleier, Strapsen und so weiter. Die Verkäuferin rechnet: „1200 Euro.“ Sie habe aber auch ein „Schnäppchen“ für 600 Euro im Angebot. Die Braut sagt: „Wir überlegen noch mal.“ Das Kleid, erfahren die beiden Frauen noch, müsse im Ausland bestellt und dann wahrscheinlich noch geändert werden.

„Zeit für einen Salat“

Nach diesem Besuch im Brautmodengeschäft ahnt die Braut, dass sie gar kein echtes Brautkleid will. Die beste Freundin guckt auf die Uhr. Es ist halb zwei. „Zeit für einen Salat“, beschließt sie. Beim Milchkaffee danach hat die Braut noch einen schwachen Moment und jammert: „Aber Sara und Katrin hatten doch auch Glück!“ Ihre zweit- und ihre drittbeste Freundin hatten ursprünglich auch geplant, sich im Brautmodengeschäft nur zu informieren, um dann im schlichten weißen Sommerkleidchen zu heiraten.

Kurz: Seidenkleid von Strenesse

Kurz: Seidenkleid von Strenesse

Die Stimmen der beiden Freundinnen klingen der Braut im Ohr. Sara: „Aber dann stand ich da, und das Kleid saß einfach wie angegossen.“ Katrin: „Echt jetzt: Ich habe mich noch nie so wohl vor einem Spiegel gefühlt.“ Saras Kleid war vom dänischen Hersteller Lilly, leicht, weiß, ohne Schnickschnack. Katrins Kleid stammte von der belgischen Marke „Rembo Styling“, abgetönt weiß, ein paar verspielte Perlenschnüre, etwas Blümchenstickerei, aber sonst ganz schlicht.

Der zukünftige Mann der Braut ruft an

Die Braut schwört jetzt trotzdem, dass sie nie wieder ein Brautmodengeschäft betreten wird. Die beste Freundin bezahlt den Salat. Die beiden Frauen machen sich auf den Weg zur Fußgängerzone. Da ruft der zukünftige Mann der Braut an. Er ist mit seiner Mutter unterwegs und hat gerade einen Anzug gekauft. „Der wusste ja ganz genau, was er will und was nicht“, sagt die Braut ein bisschen neidisch. „Keinen Smoking, Frack oder Cut, sondern einen dunklen Anzug. Eine Krawatte, keine Fliege. Ein Hemd mit Manschettenknöpfen. Und natürlich Kniestrümpfe, keine Socken.“ Die Freundin sagt: „Ich habe gehört, dass das Hemd des Mannes dieselbe Farbe haben muss wie das Brautkleid. Also nicht etwa blütenweiß zu cremefarben.“

Luxus: Haute Couture von Chanel

Luxus: Haute Couture von Chanel

Die Frauen lachen leicht hysterisch und gehen zur Beruhigung erst mal zu Mango. Die Braut schlüpft in ein gestärktes weißes Kleid mit schwarzem Saum über dem Knie und einem schwarzen Gürtel. „Wäre das nicht was? Kostet nur 69 Euro!“ Die beste Freundin schüttelt den Kopf. Die Braut kauft das Kleid trotzdem. „Für alle Fälle.“

Nichts gekauft, viel Schönes gesehen

Am Ende des Tages hat sie sonst nichts gekauft, aber viel Schönes gesehen. Dieser Sommer bietet viele potentielle Brautkleider, die eigentlich gar keine sind. Denn Weiß ist Trend, nicht nur für die Hochzeit. Das knielange Seidenkleid aus der Strenesse Event Collection wäre mit seinen 799 Euro deutlich billiger als die Brautausstattung vom Vormittag. Ebenfalls für 799 Euro bekäme die Braut ein bodenlanges Kleid von Max Mara elegante. Für das langärmlige, kurze Kleid von Burberry müsste sie zwar 1765 Euro hinlegen, und für die cremefarbene Kombination aus Weste und Hose von Amuleti J. knapp 1800. „Aber das würde sich ja schon bei zweimaligem Tragen rechnen.“

Denn wer würde ein echtes Hochzeitskleid mehr als einmal anziehen? Außerhalb von Standesamt und Kirche sähe das nach Kostümball aus, und eine zweite Hochzeit in Weiß ist ohnehin tabu. Die Braut hat sich noch nicht entschieden, ihre beste Freundin aber schon zum abermaligen Anprobieren festlicher Sommerkleider verpflichtet. Ein Brautkleid zu kaufen geht wahrscheinlich am besten so.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.05.2007, Nr. 19 / Seite 57
Bildmaterial: Chanel, Hersteller

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verliebt, verlobt, verheiratet!Für alle die mehr suchen als einen Flirt - www.faz.net/partnersuche

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche