17. November 2009 Es war heiß in Mailand an diesem Junitag 2008, sehr heiß. In einer Halle an der Via Tortona warteten Hunderte bei 38 Grad auf die Herrenmode-Schau von Alexander McQueen. Und nichts geschah, zwanzig, dreißig, vierzig Minuten lang. Die Fotografen begannen zu pfeifen und zu rufen. Veranstalter Ed Filipowski schrie zurück, mit Betonung auf dem letzten Wort: We are waiting for her!
Die freundliche Dame, die schließlich unter dem Johlen der Fotografen auf ihren Platz in der ersten Reihe huschte - heute kann sie lächeln über die Verspätung von damals. Ich hatte schlimme Computerprobleme, erzählt Suzy Menkes. Ich saß in einem Taxi und versuchte mal wieder verzweifelt, einen Text zu versenden. Normalerweise ist sie pünktlich. Während die Damen der Magazine und die Prominenten aus der ersten Reihe gerne die Aufmerksamkeit der letzten Minute genießen, sitzt die Modekritikerin von der International Herald Tribune oft schon früh auf ihrem Platz, tippt noch schnell die Kritik der letzten Schau in den Laptop, und im bläulichen Schimmer des Bildschirms wippt ihre Tolle.
Suzy Menkes könnte sich noch viel mehr erlauben. Denn von niemandem sind die Modemacher so abhängig wie von ihr. Sicher, Anna Wintour von der Vogue kann gelangweilt dreinschauen. Klar, all die Kritiker von style.com und
Kaum jemand hat ein so treffsicheres Urteil
Women's Wear Daily entscheiden ebenfalls über Schicksale. Und nicht zuletzt geht es ja ums Geschäft, also um die Einkäufer. Aber kaum jemand ist so lange dabei, hat ein so treffsicheres Urteil, sieht so viele Schauen wie sie - nämlich etwa 600 im Jahr. Und erst recht schreibt niemand über einen Schauentag blitzschnell und ohne einen Fehler zwei Seiten voll. Noch nie hat es eine Modekritikerin mit mehr Macht gegeben. Und noch nie war sie so wertvoll wie heute: Die Vervielfältigung der Meinungen durch Blogs lässt ihre messerscharfen Texte doppelt erstrahlen.
Das Understatement der freundlichen älteren Dame steht in krassem Gegensatz zu ihrer Über-Urteilskraft - wie sie selbst das wohl nennen würde, denn außer schönen deutschen Wörtern wie Zeitgeist oder Wunderkind liebt sie auch die Vorsilbe über, um all die Superlative der Mode ironisch zu brechen. Diese Frau ist so eitel in ihrer Uneitelkeit, dass sich nicht einmal ihr Markenzeichen, die eigenwillige Haartracht, ästhetischem Kalkül verdankt: Dank meiner Tolle fallen die Haare beim Schreiben nicht ins Gesicht.
Ihren Vater lernte sie nie kennen
Von sich selbst macht sie nicht viel Aufhebens. Ihr Weg in die Mode war wohl durch die Mutter vorgezeichnet, eine elegante Londonerin, die es nach dem Krieg mit ihren Töchtern Suzy und Vivienne nach Rottingdean bei Brighton verschlug - weil man glaubte, Kinder seien auf dem Land besser durchzubringen. Ich bin nicht aus East Sussex, ich habe dort gelebt, sagt Suzy Menkes spitz. Ihren Vater lernte sie nie kennen. Drei Monate vor ihrer Geburt war der belgische Offizier, den ihre Mutter im Krieg geheiratet hatte, als Pilot der Royal Air Force vor Malta verschollen.
Die Augen für die Mode wurden dem neugierigen Mädchen durch die Mini-Revolution der Sechziger geöffnet: Es war der große Durchbruch für uns Frauen. Ein Beispiel: Als Studentin wollte sie unbedingt weiße Courrèges-Stiefel haben. In Cambridge durfte man damals das College nur mit Erlaubnis verlassen. Also nahm ich morgens um vier Uhr den Milchzug nach London, kaufte mir meine Stiefel und war pünktlich wieder zurück, um mich im College zu registrieren. Das Freiheitsgefühl prägte sie. England war eine konventionelle und von Klassengegensätzen bestimmte Gesellschaft. Und in Umbruchzeiten ist Mode am spannendsten. Bis heute hat sie eine Aversion gegen Kleidung, die Frauen erniedrigt. Und ich finde auch die Schuhe schlecht, in denen Frauen nicht laufen können. Wie kann sie dann John-Galliano-Fan sein? Er ist ein Künstler! Und es wäre eine traurige Welt, in der es nur vernünftige Kleidung gäbe.
Ist also alles meine Schuld?
Die Michael-Kors-Schau im April 1991 in einem New Yorker Loft an der 24. Straße war ein Schock, nicht wegen der goldenen Pullover, sondern wegen des Deckenstücks, das auf den Laufsteg fiel und ihre Tolle noch streifte. Eleanor Lambert, die Erfinderin der Best-Dressed-Liste, 87 Jahre alt, rannte hinaus. Suzy Menkes klopfte sich den Staub ab und rückte etwas zur Seite. Am nächsten Tag schrieb sie, dass sie für die Mode lebt - und nicht unbedingt für sie sterben möchte.
An die Szene erinnert sie sich gut. Zum ersten Mal während dieser Stunde in ihrem winzigen Büro bei der International Herald Tribune in Neuilly, zwischen dem Pariser Triumphbogen und La Défense, lacht sie laut auf. Fern Mallis vom Verband amerikanischer Designer las damals ihren Artikel und beschloss, eine Modewoche mit Sicherheitsstandards zu gründen. Suzy Menkes meint ironisch: Ist also alles meine Schuld? Ja, wegen ihres Textes gibt es nun all die Modewochen. Denn Fern Mallis hat das Konzept des New Yorker Schauenmarathons vervielfacht, in Los Angeles, Miami, Bombay, Sydney, Moskau und Berlin.
Jetzt sind sie aufgewacht
Berlin! Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr kommt sie für ein paar Tage in die deutsche Hauptstadt. Beim ersten Mal setzte sie sich Anfang Juli ins Modezelt am Bebelplatz und bedauerte, dass von der funky club scene in Kreuzberg so wenig auf dem Laufsteg zu sehen sei. Nun wird sie von Montag an auf der von ihr organisierten Konferenz Techno Luxury Start-up-Multimillionärinnen wie Natalie Massenet (Net-a-porter) und Designer-Wunderkinder wie Christopher Bailey (Burberry) von der Luxustauglichkeit der Szene überzeugen. Auch Tomas Maier (Bottega Veneta), Jochen Zeitz (Puma), Claus-Dietrich Lahrs (Boss) und Claudia Schiffer folgen ihrem Ruf. Kommen die alle aus Zuneigung? Respekt? Angst? Die Frage beantwortet Suzy Menkes, indem sie auf ihrem Bürostuhl hin und her ruckelt, aus dessen abgewetztem Stoffbezug an der Sitzkante graubrauner Schaumstoff hervorquillt.
Das Thema Techno Luxury, so hebt sie dann an, liegt der Modewelt am Herzen. Lange hat man die sozialen Netzwerke ignoriert. Jetzt sind sie aufgewacht. All die Mitarbeiter von Christopher Bailey haben ein iPod auf dem Schreibtisch! Und ich?! Der Blick in die alte Welt zeigt Papierberge auf ihrem Schreibtisch, Bücher in vollgestopften Regalen. Kein Wunder, dass sie angesichts der miefigen Newsroom-Enge so viel unterwegs ist. Nicht nur in Berlin sucht sie die Zukunft. Immer wieder fährt sie zu Modenschauen jenseits von London, New York, Mailand und Paris. Aber es gibt so viele! Allein in Indien schon drei! Irgendwie ist das eben auch ihre Schuld.
Suzy Menkes ist ungemein jung geblieben
Die Diesel-Schau im Februar 2005 im Hammerstein Ballroom in Manhattan war schwer erträglich. Jeans-Miniröcke, Saloon-Modelle, schlechte Gags, ewige Wiederholungen: Minutenlang bog sich Suzy Menkes in der ersten Reihe vor Lachen.
Na ja, sagt sie nun. Die Diesel-Idee ist ja eigentlich nicht schlecht. Und so redet sie nicht nur, weil sie mündlich stets im diplomatischen Dienst ist. Nein, es gibt kaum eine Fünfundsechzigjährige, die offener ist für neue Ideen und Konzepte, die den Spaß an der Mode geradezu fordert und die an dem Dokumentarfilm September Issue über Anna Wintour nur auszusetzen hat, dass sie nicht die Freude am Thema vermittelt. Ja, man darf sich noch wundern über diese Frau, die das gesetzliche Rentenalter schon an Heiligabend vergangenen Jahres erreicht hat und gerade stolz die Druckfahnen ihres netten historischen Stücks über den Schmuck der Maharadschas hervorzeigt. Suzy Menkes ist ungemein jung geblieben. Nicht mal die Katastrophenschau von Lindsay Lohan für Emanuel Ungaro Anfang Oktober, die sie natürlich verriss, sieht sie nun in schlechtem Licht. In der Blogosphäre sieht man, wie wichtig Prominente sind. Ungaro hätte sogar mehr twittern und Klatschseiten füttern müssen. Viele Leute in diesen Medien hätten die Entwürfe geliebt. Aber stört all das Brimborium nicht die Mode? Gucken Sie sich Karl Lagerfeld an: Der weiß beim Laptop nicht, wo vorne oder hinten ist, aber er trifft den Zeitgeist. Als Lily Allen mit ihrer Band bei der Chanel-Schau aus dem Bühnenboden hervorkam: Das ist es doch! Da hat man doch Millionen Klicks, bevor man atmen kann!
Sie saß längst in der ersten Reihe
Marc Jacobs, die Schau vom September 2007: 122 Minuten Verspätung! Eine schlechte, traurige Schau, die alles symbolisiert, was in der Mode gerade falsch läuft, schrieb Suzy Menkes. Marc Jacobs war stinksauer.
Selten wird sie so hart. Dieses Mal bleibt sie aber auch mündlich dabei: Wenn man etwas zu sehen bekommen hätte, dann hätte man gerne lange gewartet. Die meisten Designer wissen, wie weit sie gehen können. Auf Gaultier habe ich früher gerne drei Stunden gewartet. Aber Marc Jacobs musste ein Zeichen bekommen, für die Mode und fürs Leben. Ihm hat es gutgetan. Und aus kleiner Rache an der Szene macht er es nun andersherum und beginnt absolut pünktlich. Es war lustig bei Louis Vuitton, wie die Leute heranstürmten, und die Schau war längst vorbei, sagt Suzy Menkes. Auch auf diese neue Mode hat sie sich schnell eingestellt: Sie saß längst in der ersten Reihe.
Chronistin für den letzten Schrei
Wenn man ungnädig rechnet, ist Suzy Menkes seit fast einem halben Jahrhundert in der Mode. Denn als das am 24. Dezember 1943 geborene Mädchen ihre Schule in Brighton beendet hatte, zog sie für ein Jahr nach Paris. Dort lernte sie nicht nur das Nähen an der Schule der Chambre Syndicale. Sie gelangte auch in eine Nina-Ricci-Couture-Schau - und war begeistert. Zunächst studierte sie allerdings Geschichte und Literatur in Cambridge, wo sie 1966 bei der Universitätszeitung Varsity das erste weibliche Redaktionsmitglied wurde. Dann begann sie - erst im Nachrichtenressort, dann auf der Frauenseite - als Junior reporter bei der Times. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann David Spanier kennen, den diplomatischen Korrespondenten des Blattes. Anna Wintours Vater Charles Wintour (ein genialer Chef) holte sie als Modekritikerin zum Evening Standard. Seit 21 Jahren schreibt sie nun für die International Herald Tribune. Sie verfasste Bücher unter anderem über The Royal Jewels (1985) und The Windsor Style (1987). Suzy Menkes, deren Mann im Jahr 2000 starb, hat drei Söhne und vier Enkel.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP