09. Mai 2009 Wie das so ist bei Müttern: Sie schauen nur mal kurz um die Ecke ins Kinderzimmer, halten sich am Türrahmen fest, als ob sie rein zufällig vorbeigekommen wären, lächeln, als ob nichts gewesen wäre, und schon sind sie wieder weg. Bei Miuccia Prada dauert dieser Aufritt nach ihren Modenschauen in Mailand nur zwei Sekunden.
Aber in diesem Augenblick liegt ihr alles zu Füßen. Sie ermisst die Reaktionen all der Kleinen auf ihre Vorschläge - besser jedenfalls als all die Vaterfiguren der Mode wie Lagerfeld, Lauren, Lacroix, die Kusshände werfen, im Applaus baden und Zwischentöne nicht hören.
Ein Weihespiel erhabener Demut
Signora Prada, die ein Weihespiel erhabener Demut zelebriert, zurückhaltenden Glamour pflegt und nicht so gern das große Wort führt, obwohl sie es bei den Kommunisten in den siebziger Jahren gelernt hat - diese Mamma der italienischen Mode hält es lieber bescheiden bis zur Schüchternheit. Und so ist ihre Mode. Speist sich aus bäuerlichen Traditionen, ändert Uniformschnitte um, und bettet damit den (am besten italienischen) Menschen immer auch in seine Familie und sein Land ein.
Miuccia Prada fügt Materialien, Farben und Schnitte neu zusammen, setzt Natur- und Kunstfasern provozierend gleich, bringt Tapetenmuster in Mode, übertrumpft It-Bag-Kreateure mit Techno-Tarn-Look, kehrt mit ihrer Zweitlinie Miu Miu“ ihre verspielte Seite nach außen, lässt Silikon für Kleider im Ofen backen oder Leinenkleider per Hand mit Sepiafarbe bemalen.
Wenn sie Models in graugrünen Strick-Jumpsuits auf die Bühne schickt, ist in der nächsten Saison der Overall überall zu sehen. Wenn sie Seiden-Pyjamas bringt, laufen bald alle im Julian-Schnabel-Look herum. Und wenn sie Männer mit Grobstrick-Socken in Jesuslatschen zwängt, dann ist eine weitere No-go-area der Mode betreten.
Ciao, Mamma! Tanti auguri!
Nein, mit so großen Schritten kommen all die Armanis, Versaces, Ferres, Ferragamos, Dolces und Gabbanas nicht voran. Miuccia, die von den meisten beim Vornamen gerufen wird, obwohl sie gerade das Oma-Alter erreicht, hat nicht nur mit dem Erbe ihres Großvaters Mario Prada gearbeitet, der in der Galleria neben dem Dom das berühmte Geschäft eröffnete.
Sie gibt südländischer Lebensart, lombardischem Fleiß, familialer Geborgenheit, italokommunistischen Irrungen und modischen Wirrungen Sinn und Form. Daher werden ihr an diesem Sonntag, wenn sie ihren 60. Geburtstag begeht, nicht nur ihre beiden Söhne, sondern auch all die kleinen Wesen aus dem großen Publikum zurufen: Ciao, Mamma! Tanti auguri!
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP