Jil Sander

Weniger ist mehr Luxus

Von Alfons Kaiser

Zupackend - Jil Sander

Zupackend - Jil Sander

27. November 2003 Seitdem sie in diesem Jahr in die Mode zurückgekommen ist, wirkt Jil Sander entspannter als früher. Und dennoch gilt ihr zweiter Blick stets der Kleidung des Gegenübers. Diesem Blick der Modeschöpferin, den man auch noch nach jahrelanger Pause als streng empfinden könnte, hält bis heute wohl kaum jemand stand. Denn obwohl Jil Sander, die an diesem Donnerstag sechzig Jahre alt wird, seit mehr als dreißig Jahren Mode entwirft und damit so gut wie alles sagt, hat noch immer nicht jeder ihre Botschaft verstanden: Daß es schlicht und einfach besser aussieht, wenn man sich schlicht und einfach kleidet.

Nicht einmal der Modefachmann, der ihren Namen drei Jahre lang als Marke ohne die dazugehörige Person führen zu können glaubte, hatte diese Botschaft begriffen. Patrizio Bertelli, der Mann der Modeschöpferin Miuccia Prada und geschäftstüchtige Chef der Prada-Gruppe, die im August 1999 zu großen Teilen die Jil Sander AG übernahm, ersetzte sie Anfang 2000 einfach durch etwas Neues. Das Neue hieß Milan Vukmirovic, war ein guter Designer, aber eben nicht schlicht und einfach Jil Sander. Er experimentierte mit der Marke, explodierte in Farben und Lebendigkeit - so lange, bis selbst Jil Sander bei "Jil Sander" kaum noch etwas zum Anziehen fand und das dringende Bedürfnis empfand zurückzukehren.

Triumphzug und Befreiungsschlag

Man könnte sagen, diese Rückkehr - im Juni mit der zum Teil von ihr fertiggestellten Herren- und am Tag der deutschen Einheit mit der vollständig von ihr verantworteten Damenkollektion - war ein Triumphzug und ein Befreiungsschlag. Doch schon hätte man zwei falsche Metaphern gewählt. Jil Sander kostete den Moment der Wiederkehr, mit Patrizio Bertelli brav lächelnd in der ersten Reihe, in reifer Zurückhaltung aus. Vielleicht können eine so attitüdenlose Selbstgewißheit nur Menschen aufbringen, die nach einem langen Arbeitsleben und drei Jahren Pause mit fast 60 Jahren noch einmal von vorn anfangen.

Heidemarie Jiline Sander, am 27. November 1943 in der Friedrich-Hebbel-Stadt Wesselburen geboren (so unkompliziert ist sie: man kennt sogar ihr Geburtsdatum), wuchs als Scheidungskind bei ihrer Mutter in Hamburg auf. Nach einer Ausbildung zur Textilingenieurin in Krefeld und zwei Jahren am University College in Los Angeles arbeitete sie bei "Constanze" und "Petra", bevor sie 1968 in Pöseldorf ihre erste Boutique eröffnete. Die feine Umgebung des Hamburger Stadtteils machte es ihrem Altersgenossen Wolfgang Joop leicht, sich über den "Pöseldorfer Etepetismus" lustig zu machen. Jil Sander sprach lieber und leider von "Pureness" und vom "magic meines Stils". Das erleichterte es Sprachschützern, ihr Denglisch zur kritisieren. Aber für jemanden, der bei der Arbeit vor allem englisch spricht (in ihrem Designteam sind neben Deutschen Engländer, Japaner und Italiener) und der in der Modebranche arbeitet, spricht sie klares Deutsch. Zum Trost: In englische Interviews streut sie gern italienische Brocken.

Strenges Aussehen, zurückgenommene Farben und gerade Linien

Am besten Deutsch spricht sie freilich noch immer durch ihr Design. Denn mit dem strengen Aussehen, den zurückgenommenen Farben, den geraden Linien ihrer Modelle entwirft sie geradezu das Gegenteil des sich gern üppig gebenden Pret-a-porter. Kein Wunder ist es daher auch, daß Sander nicht in Paris bekannt wurde, sondern in Mailand. Mit Giorgio Armani, der die Männer von ausgestopften Schultern und englischer Steifheit befreite, verbindet sie wohl am meisten. Den von Coco Chanel herrührenden hundert Jahre alten Versuch, die reduzierte Formensprache salonfähig zu machen, sich zu kleiden statt zu verkleiden, auch in ungefütterter Jacke in Gesellschaft zu bestehen, hat kaum jemand so konsequent verwirklicht wie sie. "Queen of less" hat man sie deshalb genannt. Doch auch diese Metapher, weil viel zu pompös, geht fehl.

Wer die Kollektionen oft genug gesehen hatte, dem konnte die klare, schöne, gute Ware denn auch manchmal angestrengt reduziert vorkommen. Insofern war der Streit mit Bertelli und die erzwungene Auszeit nach Jahrzehnten großer Anspannung und ungestümen Wachstums (Damen, Herren, Taschen, Schuhe, Brillen, Parfums, Kosmetik) das beste, was Jil Sander passieren konnte. Sie segelte durch die Karibik, ging auf Partys, reiste durch Rußland und Iran, pflegte ihr Privatleben, kümmerte sich um die Kunst - und ihre Mode wirkte wie belebt: verspielter, romantischer, farbiger, variabler. An diesem Donnerstag wird sie einmal nicht die disziplinierte Macherin geben: Sie hat sich freigenommen. Aber die Herrenkollektion und die Damen-Vorkollektion, die im Januar gezeigt werden, nehmen sie von morgen an wieder in Beschlag. Mit der Frische aus drei Jahren kann sie noch lange an ihrem Mythos arbeiten.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. November 2003, Nr.276, Seite 11
Bildmaterial: AP, dpa, FAZ.NET

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