Von Martin Wittmann, München
29. Oktober 2009 105 Tage sind es nur noch bis zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Vancouver, nicht mehr lange also bis zur größten Modenschau der Welt“, wie der Willy den Einlauf der Athleten nennt. Am Donnerstag hat der Willy in der Event-Arena des Münchner Olympiaparks schon mal die Kollektion gezeigt, welche die Deutschen im kühlen Kanada wärmen soll. Der Willy, das ist Willy Bogner, und sein Nachname mag Laien geläufiger sein – seine Modemarke heißt schließlich auch so –, aber hier unter Profis geht es freilich familiärer zu. So wird die Werbeveranstaltung auch von Wolfgang Nadvornik moderiert, der eigentlich für das Öffentlich-rechtliche Fernsehen arbeitet, aber sympathischerweise nichts davon hält, eine im kumpelhaften Sportjournalismus unübliche Distanz vorzutäuschen.
Willy also hat wieder einmal die Kleidung der deutschen Athleten entworfen, es ist das 17. Mal in Folge, dass er offizieller Ausstatter der deutschen Mannschaft ist. Bei so viel Tradition gehen den Werbetextern schon mal die Gäule durch, und deswegen heißt es im Info-Heft: ‘Die beste Idee aller Zeiten!‘ – Bogner und Olympia.“ Neben dem ehemaligen Ski-Rennfahrer präsentieren noch Adidas und der Schuhhersteller Sioux (mit eleganten Schnürslippern“ im Sortiment) ihre Kreationen. Vorgeführt werden diese von den Sportlern selbst – gestern noch in der Bobbahn, heute schon auf der Showbühne. Als einzige Gemeinsamkeit etwa von Skispringern und Models wähnte man bisher den Hang zu Esstörungen, und so ist es wenigstens konsequent, dass die Veranstalter am Donnerstag nicht die muskulösen Haxen kräftiger Athleten in die hautenge Thermohose stecken, sondern die dünnen Beinchen von Martin Schmitt. Die Sportlerinnen hingegen werden in Daune gepackt und so aufwendig geföhnt, dass man den Eindruck gewinnen konnte, die Skiläuferinnen seien gerade die Streif ohne Helm hinabgeschossen. Kurz: Die Chose wirkt so stimmig wie Eva Padberg in einem Eishockeytor.
Der Willy mag halt, dass wir auffallen
Dabei können die Sportler noch am wenigsten dafür, dass die Schau denkbar unschick daherkommt. Der Willy mag halt, dass wir auffallen“, sagt Skisportlerin Susanne Riesch auf die Farben angesprochen, mit denen Bogner die Sportler offenbar prophylaktisch für eventuelle Misserfolge zu bestrafen sucht: Hellblau für die Buben und rosa für die Mädels. Das ist Camouflage-Kleidung für alle, die für eine Weile unauffällig im Kindergarten untertauchen wollen. Dazu wurde ein Emblem entworfen, das ein protziges, schwarz-rot-goldes Ahornblatt hinter einem Bundesadler zeigt, dessen Gefieder aus Handschuhfingern besteht. Großflächig auf den Rücken der rosa Daunenjacke gestickt sieht das Ganze aus wie die Kutte einer tuntigen Rockergang, die sich Ed Hardy nicht leisten kann.
Auch Adidas pfeift auf Dezenz und schickt die armen Sportler lieber in megafetten Schwarz-Rot-Gold-Streifen vor das Publikum. Sich einfach in eine Deutschlandfahne einzuwickeln wäre von ähnlicher ästhetischer Güte, aber wohl etwas kühler. Und darum geht es ja eigentlich auch: um den Urgedanken von Kleidung, um Funktionalität, die im Winter weitaus wichtiger (aber weitaus unsexier) ist als im Sommer. Dass die Ausrüster bei der Präsentation dennoch alles auf Form statt auf Funktion setzen, hilft der Show ebenso wenig wie die musikalische Untermalung. Zu verstaubter Motivationsmucke wie aus einem Rocky-Film schreiten die Athleten über den Laufsteg und hören den Kiss-Sänger Paul Stanley sie mit Live to win `till you die“ anfeuern (bisher dachte man immer, gerade bei Olympia gehe es nicht ums Gewinnen, sondern ums dabeisein).
Der Vormittag endet glücklicherweise nicht ohne ein paar nette Missverständnisse – Nadvornik will Bogner kurioserweise mit den Worten loben, die Athleten fänden dessen Kleidung so gut, dass sie sie nach den Olympischen Spielen im Schrank ließen, woraufhin der Designer kurioserweise sagt, dass sei das größte Kompliment – und Momente der Wahrheit – Nadvornik bekommt vom Adidas-Mann eine Pelzhaube geschenkt, und obwohl diese tatsächlich unansehnliche Mütze keineswegs als Scherzartikel gedacht ist, meint der Moderator vor der Anprobe zu Recht, jetzt gebe es was zu lachen. Dafür sorgt dann zu guter Letzt auch der Vertreter der Schuhfirma, der das neue olympische Motto einwirft: Den Adler auf dem Rücken und den Sioux an den Beinen.“ Mit so einer Mannschaft kann in Kanada eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS