Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
22. Januar 2006 Wer es wagt, vor dem spanischen König oder dem französischen Präsidenten nicht im schwarzen Anzug, sondern in einem blau-weiß-rot gestreiften Pullover zu erscheinen, wer also das Protokoll mißachtet, kann nur ein Snobist sein.
Die chompa, der bolivianische Allerweltspullover, den Evo Morales, Boliviens Präsident, auf seiner ersten Weltreise als designiertes Staatsoberhaupt trug, konnte also nur aus Alpakawolle sein. Einige Beobachter glaubten sogar, einige der noch edleren Vicunahaare ausgemacht zu haben. Aber Nachforschungen der Presse ergaben, daß der Morales-Pullover zwar aus ein bißchen Alpaca besteht, aber ansonsten aus gemeiner Acrylfaser.
Kurz vor seiner Tournee hatte er die wärmende chompa für 70 oder 80 Bolivianos (knapp zehn Dollar) in einem Geschäft in La Paz oder in Cochabamba erstanden. Wie er darin aussieht, war ihm offenbar gleichgültig. Auf Äußerlichkeiten, so sagen die Leute in seiner Umgebung, legt er nämlich keinen Wert.
Furore im ganz normalen Outfit
Evo Morales, ein Abkömmling von Aymara- und Quechua-Indios, ist ein spontaner Mensch. Sein Arbeitsprogramm ändert sich bisweilen von Minute zu Minute. Er bleibt Terminen fern, die ausgemacht waren, dafür erscheint er an unvermutetem Ort und bleibt stundenlang, obwohl er nur mal kurz vorbeischauen wollte.
Am Programm seiner Weltreise wurde noch gestrickt, als er schon unterwegs war. Bei einem solchen Arbeitsstil ist nicht viel Zeit, um über passende Kleidung nachzudenken. Morales müßte sich bei soviel Spontaneität ständig umziehen und einen ganzen Kleiderladen mit sich herumschleppen. Einen Hofstaat hat er aber nicht.
So kam die chompa ins Reisegepäck. Sie war genau das Richtige, weil es in den europäischen Hauptstädten und in Peking im Winter tagsüber so kalt ist wie auf dem Altiplano, der bolivianischen Hochebene, in der Nacht, in der man sich gegen die bissige Kälte schützen muß. Evo Morales wunderte sich selbst darüber, daß er in seinem für bolivianische Hochlandverhältnisse ganz normalen Outfit Furore machte.
Nachfrage nach den Pullovern steigt
Nun wollen viele seiner Bewunderer auch eine chompa haben. Damit hat er schon begonnen, eine seiner dringendsten Regierungsaufgaben anzugehen, bevor er überhaupt im Amt war: Arbeitsplätze zu schaffen. Die Nachfrage in Bolivien nach den Pullovern steigt und steigt. Textilbetriebe wie Punto Blanco in La Paz haben plötzlich viel zu tun.
Sie bieten eine dem Morales-Pullover nachempfundene präsidiale chompa an, die wie das Original rund 80 Bolivianos kostet. Notfalls könne man die Produktion auf bis zu tausend Pullover am Tag steigern, sagt der Geschäftsführer Sergio Valda. Aus dem Ausland sei die Nachfrage bislang allerdings eher gering.
Kleine Garderobe - große Wirkung
Auch am Sonntag, dem Tag, an dem er den Eid als neuer Präsident Boliviens ablegte, blieb Morales seinem Stil treu. Im Schrank hat er auch eine kirschfarbene chompa, ein weiß-blau gestreiftes Businesshemd, ein kurzärmeliges weißes Hemd und die chamarra, die Lederjacke mit den geometrischen Mustern der Indios.
Aber was trug er, als er am Morgen mit dem chilenischen Präsidenten Ricardo Lagos, einem Anzugträger, seine Anhänger vom Balkon seines Hauses aus grüßte? Genau: Rot-weiß-blau. Am Samstag hatte sich Morales in der Kultstätte von Tiahuanaco nach Indio-Ritualen positive mystische Energie einflößen lassen.
Von den Aymara-Priestern wurde er zum Großen Kondor ernannt, dem Anführer sämtlicher Indiogemeinschaften des Andengebiets. Dabei erfüllte er die Protokoll- und Kleidungsvorschriften. Er trug den unku, den roten Ritual-Poncho, und er wurde mit dem chuku gekrönt. Die vier Spitzen dieses Huts repräsentieren die vier Regionen des vorinkaischen Staates Tawantinsuyo: Collasuyo, Antisuyo, Chinchasuyo und Contisuyo. Aber was blitzte, als er winkte, unter seinem Umhang hervor?
Text: F.A.Z., 23.01.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb