Von Anke Schipp
23. August 2004 Glamour-Fernsehen beim Shopping-Sender HSE24: Designer Harald Glööckler trägt einen schwarzweißen Anzug im Leoparden-Look. Das Studio ist in goldener Marmor-Optik gehalten. Man führt Verkaufsgespräche, glamouröser Art. Im Angebot: eine beigefarbene Tasche in Velours-Schick für 49,98 Euro. "Elegant, vornehm, nicht aufdringlich", sagt die Moderatorin. "So butterweich - zum Knuddeln", sagt der Designer. Du, Harald", fragt die Moderatorin schließlich, "wann kommen dir eigentlich so glamouröse Ideen?" Glööckler blickt kurz in die Kamera. "Eigentlich ständig", antwortet er und legt glamourös nach: "Gina Lollobrigida hat mal zu mir gesagt: ,Harald, du bist ein Vulkan voller Ideen.'"
Mehrmals im Monat präsentiert Harald Glööckler seine Kollektion beim Münchner Verkaufssender HSE24. Glööckler ist Modedesigner und der Mann, über den gesagt wird, er sei die "deutsche Antwort auf Gianni Versace". Oder er werde "Nachfolger von Karl Lagerfeld". Oder er mache Mode wie "Vivienne Westwood in ihren kreativen Bestzeiten". Oder wie "Coco Chanel auf LSD".
Mode für Frauen, die gerne Prinzessinnen wären
Die deutsche Antwort auf Gianni Versace empfängt im Showroom am Mariendorfer Damm in Berlin. Hinter einem schweren Vorhang öffnet sich das Reich des Harald Glööckler. Es hat zweifelsohne monarchische Züge: Die Sessel sind mit rotem Stoff überzogen, der graue Bürofilz wird mit Perserteppichen veredelt, an der Wand hängen goldene Spiegel und Selbstbildnisse in Öl, an den Büsten hängen seine Kleider: reich verziert und aus teuren Stoffen. Mode für Prinzessinnen oder Frauen, die gerne welche wären. Für den Alltag ungeeignet.
Der Mode-König, der sich auch mal Mode-Künstler nennt, sitzt im Sessel und spreizt die Hände, an denen kastaniengroße Ringe funkeln. Er trägt einen schwarzen Blazer mit goldenen Ornamenten und lächelt. "Sie werden sich wundern", hatte sein Geschäftspartner und Lebensgefährte Dieter Schroth zuvor am Telefon gesagt, "Harald Glööckler ist ganz anders, als man ihn aus der Öffentlichkeit kennt."
Oft wird er belächelt, meistens ignoriert
Der öffentliche Harald Glööckler ist nicht zu übersehen. Er findet allerdings nicht dort statt, wo Designer in der Regel anzutreffen sind: in Modemagazinen. Glööcklers Bühne ist der Boulevard. Dort, wo Ariane Sommer und Verona Feldbusch mit kleinem Talent ziemlich groß wurden, weil sie die wichtigste Boulevard-Disziplin, die der Selbstinszenierung, bestens beherrschten. Ein Spezialgebiet - auch von Glööckler. Fotografen mögen ihn, ähnlich wie den Kollegen Mooshammer, weil sich schrille Motive in der Regenbogenpresse gut verkaufen lassen.
Glööckler gibt den Mann im Leoparden-Look, tritt mal wie ein Maharadscha, mal wie ein Sonnenkönig auf, trägt mehr Schmuck als jede europäische Monarchin und bunt lackierte Fingernägel in der Ausführung extra-large. Einige halten seine Auftritte für glamourös. Andere nicht: Das Berliner Stadtmagazin "Tip" hat ihn einmal unter die "100 peinlichsten Berliner" gewählt. Zeitschriften wie "Elle" und "Vogue" halten Distanz. Im System Mode, wo sich ein Designer nicht auf Partys, sondern mit seinen Entwürfen auf den Laufstegen in Mailand und Paris bewähren muß, ist Glööckler ein Außenseiter. Oft wird er belächelt, meistens ignoriert.
Seriöser, aber nicht unbedingt bescheidener
Das soll sich ändern. Glööckler bastelt an dem neuen Glööckler. Und hofft darauf, daß seine Leistungen auch außerhalb der Klatschspalten wahrgenommen werden. "Ich kann es nicht mehr hören, daß ich schrill bin oder ein Paradiesvogel sein soll. Ich arbeite jeden Tag 15Stunden", sagt er leicht empört. Der neue Glööckler tritt daher seit Anfang des Jahres anders auf. "Früher trug ich sechs Reihen Perlen - das ist vorbei." Im Brokat-Jackett zur schwarzen Hose - ohne Schmuck - erscheint er beim Ball des Sports. Im schlichten T-Shirt mit Pompöös-Schriftzug zur Pressekonferenz. Für die Tierschutzorganisation "Peta" hat sich der einstige Pelzträger nackt abbilden lassen mit dem Slogan: "Menschen tragen Mode, Tiere tragen Pelz." Auf den roten Teppichen der Hauptstadt-Partys zeigt er sich nur noch selten. "Sonst geht es einem wie Ariane Sommer - die will auch keiner mehr sehen."
Glööckler ist seriöser geworden, aber nicht unbedingt bescheidener. Er nennt sich in einem Atemzug mit John Galliano und Salvador Dali (schließlich malt Glööckler auch). "Ein Jahrhunderttalent" nennt ihn sein Lebensgefährte. Größenwahn? Das Paar weist prominente Expertisen vor: ein Brief von Liz Taylor, eine Widmung von Gina Lollobrigida. Nebenbei werden die Kundinnen aus dem Hochadel erwähnt und die zahlreichen Galas und Events, die sie in den vergangenen Jahren mit großem Pomp veranstaltet haben. "Alles im Alleingang", sagt Schroth stolz. Ohne Marketingabteilung und Werbebudget. Das Werk von Autodidakten.
Eine Legende wird geboren
Tatsächlich steckt hinter dem Produkt Glööckler ein Zwei-Mann-Betrieb - der Designer und der Geschäftsmann. Mit unermüdlicher Energie haben Glööckler und Schroth die Marke in gut zehn Jahren aufgebaut. Angefangen hatte es Anfang der neunziger Jahre in Stuttgart, als sich Harald Glöckler ein zweites "ö" zulegte und seinen Kleidern den wenig bescheidenen Namen "Pompöös" gab. Der Gegenentwurf zu einem Leben, das bis dahin ganz und gar nicht glamourös verlaufen war. Glööckler wuchs als Sohn eines Gastwirts in der Nähe von Pforzheim auf. Im Alter von 14 Jahren mußte er mit ansehen, wie der Vater seine Mutter im Streit die Treppe herunterstieß - sie starb kurze Zeit darauf. Harald, ein stilles Kind, zimmerte sich seine Traumwelt und kanalisierte seine Phantasie. Er dekorierte seine Umgebung, trug Leopardenhosen mit Plateauschuhen und hatte, als er auf dem Traktor seiner Tante saß, eine Eingebung: "Ich will Couturier werden."
Zunächst arbeitete Glööckler in der Herrenabteilung eines Modehauses. Dann traf er den um einiges älteren Dieter Schroth, mit dem er einen Jeans-Laden in Stuttgart eröffnete. Glööckler begann schnell, eigene Sachen zu machen, zunächst verbrämte er Jeans mit Bordüren und Jacken mit Pelz-Applikationen. Dann griff er direkt nach den Sternen: "Die hohe Kunst der Schneiderei - ich wollte sie wieder ins Leben rufen", schreibt er in seiner Biographie im Kapitel mit dem bescheidenen Titel "Eine Legende wird geboren".
Barocke Motive statt Purismus
Fortan beschäftigte er sich mit Entwürfen, die nicht üppig genug sein konnten. In einer Zeit, als Purismus angesagt war, suchte er nach barocken Motiven. Er verarbeitete Stoffe wie Samt und Seide, applizierte Perlen und Pailletten, und wenn man glaubte, ein Entwurf sei schon ziemlich übertrieben, setzte er noch eins drauf, bis die Schmerzgrenze erreicht war. Sein Markenzeichen: Korsetts mit Schößchen und tiefe Dekolletes. Seine Kundinnen: kurvige Frauen jenseits von Größe36. "Hungerhaken sind nicht meine Klientel", sagte sich Glööckler. "Manche mochten es Kitsch nennen, aber ich liebte diese üppigen Kleider."
Mit einer pompös-barocken Schau im Stuttgarter Schloß wurde er 1994 zunächst zur schillernden Figur des schwäbischen Gesellschaftslebens. Begleitet von der entsprechenden Skepsis örtlicher Medien. Glööckler traf nicht den allgemeinen Geschmack - aber immerhin denjenigen reiferer, solventer Diven. Gina Lollobrigida wurde auf ihn aufmerksam ("Harald, du bist ein Genie"), die Sängerin Chaka Khan und die Dänin Brigitte Nielsen, die für ihn 1999 bei der Düsseldorfer Modemesse "cpd" über den Laufsteg ging - mit Kleidern für tausend Euro und mehr.
Berlin ist hungrig nach Glamour
Vor dreieinhalb Jahren zogen Glööckler und Schroth nach Berlin - mit dem Vorsatz, etwas Gutes zu tun: "Die Stadt ist hungrig nach Glamour." Seither wird er gebucht für Veranstaltungen, die nach Opulenz verlangen. Er präsentierte eine Modenschau zur Eröffnung des Ritz-Carlton am Potsdamer Platz mit Kleidern aus den Dekorationsstoffen des Hotels und stattete die Tänzerinnen im Friedrichstadtpalast für eine Weihnachtsrevue aus. Am nächsten Samstag inszeniert Glööckler, der sein Alter nicht verrät, im Garten des Jüdischen Museums Berlin das orientalische Märchenspiel "L'Haareem".
Und doch bleibt er Außenseiter in der coolen bis unterkühlten Designer-Szene Berlins, deren Herz in Mitte und am Prenzlauer Berg schlägt. Stolz verweist er dann darauf, im vergangenen Jahr den Kulturpreis der Berliner Boulevardzeitung "B.Z." erhalten zu haben, mit der Begründung, "daß er der Modestadt Berlin wieder zu Eleganz und Stilempfinden verholfen" habe. Nach Karl Lagerfeld und Vivienne Westwood ist er der dritte Modemacher, der diese Auszeichnung erhielt. Jetzt, sagt Geschäfts- und Lebenspartner Schroth, setze Harald zum Sprung an, um den internationalen Markt zu erobern.
Glamour fürs kleine Geld
Stellt sich nur die Frage, in welcher Form. Mit seiner bodenständigeren Kollektion für den Massenmarkt, die er für den Shopping-Sender HSE24 entwirft, ist er nach Angaben der Fernsehmacher überaus erfolgreich - der Glamour fürs kleine Geld trifft den Nerv der Kundin jenseits der Vierzig, die Modelle seien nach jeder Sendung nahezu ausverkauft. Aber wie paßt das zusammen mit seinem erklärten Ziel, der "Luxuspapst" mit internationalem Renommee zu werden? "Bestens", argumentiert Schroth: "Denken Sie nur an Karl Lagerfeld, der entwirft jetzt auch für H&M."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.08.2004, Nr. 34 / Seite 52
Bildmaterial: dpa, ZB