Philippe Schaus von Louis Vuitton im Interview

„In China haben wir die größten Schaufenster“

10. April 2008 Seit viereinhalb Jahren ist Philippe Schaus als „Directeur International“ bei Louis Vuitton für die größte Luxusmarke der Welt zuständig. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Online-Shopping, Allover-Muster und Luxusmärkte.

Herr Schaus, seit Donnerstag verkauft Louis Vuitton auch in Deutschland Luxusprodukte über das Internet - wie Dior, Hermès, Gucci und andere. Ruiniert der demokratisierte Zugang nicht das elitäre Image Ihrer Marke?

Nein, jeder soll von zu Hause aus bei uns hereinschauen und einkaufen können - so wie in unseren elf bestehenden Geschäften in Deutschland auch.

Philippe Schaus: “Die Marke lebt von der Spannung zwischen Tradition und Mode... Viel Volumen: Seit zehn Jahren entwirft Marc Jacobs die Louis-Vuitton-Kollekt... Louis Viutton will seine Herrenmode maskuliner machen
Fast so populär wie Mao Tse-tung: Louis Vuitton Luxus auch im Inland: Laden von Louis Vuitton in Hanoi

Aber wenn man das meistgefragte Produkt anklickt, die „Jokes“-Taschen, die Ihr Designer Marc Jacobs mit dem Künstler Richard Prince gestaltet hat, kommt die Meldung „ausverkauft“.

Das Internet wird eben behandelt wie jeder andere Laden, ist also gewissermaßen unser zwölftes deutsches Geschäft. In den richtigen Läden muss man sich auch auf Wartelisten setzen lassen.

Und Sie werden weiterhin auch richtige Läden eröffnen?

Ja, allein in diesem Jahr 22.

In wie vielen der 393 Vuitton-Geschäfte in 57 Ländern waren Sie denn schon?

In gut drei Vierteln.

Und wann waren Sie zuletzt in China, dem Hoffnungsland des Luxus?

Vor drei Wochen. Nächste Woche fahre ich wieder hin.

Dort dringen die Luxusgeschäfte immer weiter ins Hinterland vor.

Ja, wir haben schon 20 Geschäfte in China und eröffnen dieses Jahr sechs weitere, auch in Städten wie Shenyang, Wuhan oder Chengdu.

Kennt man dort überhaupt Ihre Marke?

Noch vor zehn Jahren hätten dort viele auf die Frage nach ihrem größten Wunsch gesagt, sie hätten gern ein Motorrad, würden gerne mal nach Peking fahren oder in einem Restaurant essen. Es gibt also keine Kultur des Luxus. Das wird alles neu entdeckt. Deswegen müssen wir die Kunden zum Luxus erziehen.

Und wie macht man das?

Wir müssen die Mitarbeiter gut schulen und Shops errichten, die mehr als Weltklasse sind. Wir bauen die größten Geschäfte mit den größten Schaufenstern in China. Weil man dort die Luxusmarken noch nicht so gut kennt, ist das äußere Erscheinungsbild entscheidend. Mit gutem Service schafft man sich zudem treue Kunden, die dann auch auf Reisen zu uns kommen. Der Luxusboom der Achtziger war ja stark auf den japanischen „travel retail customer“ zurückzuführen. Schon heute bringen uns aber die chinesischen „travel retail customers“ mehr Umsatz als die japanischen.

Sind die Kunden dort auch so trendorientiert wie in Europa?

Ja, denn sie sind über das Internet bestens informiert.

Und gibt es besondere Kundenwünsche?

Wir verkaufen das gleiche Sortiment in Peking wie in München oder Panama. Die kleinen Unterschiede: Farbenfrohe Produkte gehen in China besser, in Japan sind unsere Monogramm-Muster die Favoriten, und im Mittleren Osten verkaufen wir größere Schals. Aber insgesamt gleichen sich die Konsumgewohnheiten an.

Gibt es auch Märkte, die gesättigt sind?

Sättigungseffekte gibt es höchstens in Japan. Dort ist die Durchdringung sehr groß, die Demographie verspricht nicht viele neue Kundengruppen, und es gibt zurzeit wenig Shopping-Tourismus.

Wird Ihr Muster dort nicht langsam etwas langweilig?

Nein. Wir sind als populäre Luxusmarke aber sehr sichtbar. Daher verschieben wir generell mit neuen Markeninhalten den Punkt nach hinten, an dem man sagen würde: Jetzt ist kein Interesse mehr da. Übrigens sind wir zwar bei Lederwaren und Taschen Marktführer, aber nicht in anderen Kategorien. Unser Schuhgeschäft wächst zum Beispiel sehr stark, wir bauen gerade unsere Fertigung in Fiesso d'Artico bei Venedig aus. Ähnliches gilt auch für Schmuck oder Damenmode.

Unter so manchen aufwendigen Taschenkreationen von Marc Jacobs werden die Fertigungsstätten ächzen.

Wir steigern die Kapazität stark, wir erhöhen den Lagerrückstand, und wir stellen viele neue Mitarbeiter ein.

Die EU plant, den Energieaufwand bei der Produktion von Kleidung zu überprüfen. Da haben Sie keine Sorgen?

Nein. Wir haben moderne Werke mit viel natürlichem Licht und guter Energieeffizienz. Wenn die menschliche Energie nicht mitgerechnet wird, sehe ich da keine Probleme.

Was neue Markeninhalte angeht: Lohnen sich eigentlich die Kooperationen mit Künstlern wie Takashi Murakami oder Richard Prince?

Selbst Louis Vuitton hat schon Kontakte zu Künstlern gepflegt, zu den Impressionisten. Seit der Einführung der Mode bei uns vor gut zehn Jahren wird diese Zusammenarbeit weiter gepflegt. Denken Sie nur an die Schaufenster-Gestaltung von Olafur Eliasson! Eine seiner Bedingungen war, dass in den von ihm gestalteten Fenstern kein einziges Vuitton-Produkt zu sehen war. Das war neu für uns. Aber die Kunst bereichert die Marke.

Und sie dient dazu, vom allzu bekannten Allover-Muster wegzukommen?

Das Monogramm-Muster wurde von Louis Vuittons Sohn George um die Jahrhundertwende als Markenzeichen kreiert, um die Produkte vor dem Kopieren zu schützen. Das Muster hat also Tradition - und ist weiter sehr erfolgreich.

Spannender sind aber die Marc-Jacobs-Entwürfe.

Die Marke lebt von der Spannung zwischen Tradition und Modernität. So findet man ein Produkt, das ewig währt und gleichzeitig im Trend der Zeit liegt.

Und wie entwickelt sich die Mode im Vergleich zu Lederwaren?

Sie hat einen wachsenden zweistelligen Anteil am stark wachsenden Umsatz.

Aber Männermode ist ein Sorgenkind?

Nein, ein strategischer Entwicklungsbereich. Vuitton war ursprünglich eine maskulin geprägte Marke, die sich in den letzten Jahren sehr feminisiert hat. Jetzt entwickeln wir den Herrenbereich weiter. Anfang Januar haben wir in Osaka das erste Geschäft eröffnet, das nur Herrenartikel bietet, und es ist sehr erfolgreich. Das Potential bei den Herren ist enorm.

Jeden Montag sitzen Sie mit LVMH-Chef Bernard Arnault und Vuitton-Chef Yves Carcelle zusammen . . .

. . . und ab und zu ist auch Marc Jacobs dabei.

Dabei liegen die Listen mit den Umsätzen der Länder, Geschäfte, Produktkategorien auf dem Tisch. Wie stark belästigen Sie den Designer mit den Zahlen?

Marc Jacobs und die anderen Designer werden regelmäßig darüber informiert, sofern das für ihre kreative Arbeit notwendig ist. Aber insgesamt wird er sehr wenig mit Zahlen belästigt.

Und das ist wohl auch besser so!

Ja. Wir kümmern uns um die Zahlen, er kümmert sich um die Produkte.

Die Fragen stellte Alfons Kaiser.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Christian Thiel, dpa, Helmut Fricke, reuters

 
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