Mailänder Modemesse

Blümchen auf der Lederjacke

Von Alfons Kaiser

25. Juni 2008 Gucci näht den Männern tropische Blumen auf die Lederjacke. Bei Dolce & Gabbana schlurfen die Jungs in Pantoffeln und in Pyjama-Hosen über den Laufsteg. Miuccia Prada nimmt ihnen den Kragen ab und lässt sie im riesigen Rundausschnitt nackt aussehen. Was vom Mann noch übrig ist? Fürs nächste Frühjahr jedenfalls kein gedeckter Look mehr, keine ordentlichen Schuhe und am Hemd nicht einmal ein Kragen. Das starke Geschlecht wird seiner letzten Symbole beraubt – und sieht ziemlich schwach aus.

Man muss in den Mailänder Herrenmodeschauen nicht den Untergang des Mannes sehen. Denn natürlich kann er sich noch Anzüge kaufen bei Armani und Brioni und Zegna, natürlich kann er sich noch mit all den Statussymbolen von der Tag-Heuer-Uhr über die Gucci-Sonnenbrille bis zum Tom-Ford-Duft schmücken, kann er mit den Ferrari jaulen und mit den Azzurri heulen. Aber wer als Mann ganz vorne mit dabei sein möchte in der Mode, der muss sich umgewöhnen – und sich fürs kommende Frühjahr umziehen.

Zerschlissenes Understatement

Beispiel Burberry. Im Glassaal an der Via Venezia erreichen die Temperaturen fast 40 Grad – und die Jungs auf dem Laufsteg tragen einen Mehrlagen-Look mit hängenden Schultern und Karottenhosen, aus lockerem Leinen, mit einem zerknitterten Gartenhut. Die britische Luxusmarke sucht das zerschlissene Understatement des Edel-Clochards. Erinnern die Outfits nicht auch an Schäfer? „Ja, das stimmt“, sagt Chefdesigner Christopher Bailey backstage: „Thomas Burberry, der Gründer der Firma, hat seinen Gabardine-Stoff schließlich auch entwickelt, als er Schäfer sah, die der Witterung ausgesetzt waren. Dazu passt der Lagenlook.“

Beispiel Bottega Veneta. Die Luxusmarke der Gucci-Gruppe, vor allem bekannt durch die Taschen aus geflochtenen Lederriemen, laut aktuellem Luxury Brand Status Index die nobelste Modemarke der Welt, hat um neun Uhr morgens zur Schau geladen. Trotz mehrerer Espressi im Hof reiben sich die Schauengäste bei den ersten Entwürfen die Augen: Wie bei Dolce & Gabbana – und später auch bei Emporio Armani – laufen die ersten Jungs im längsgestreiften Pyjama à la Julian Schnabel vorbei, mit Kaschmirjäckchen, falls es kühl wird. Leichter wird man kaum ins nächste Frühjahr kommen. „Essentiell ist die Jacke – von der Anzug- bis zur lockeren Pyjama-Jacke“, sagt Chefdesigner Tomas Maier, der gerade nach einem Standort für einen Laden in Berlin sucht – damit er nicht nur Geschäfte in Kuweit, Bahrein und Schanghai eröffnen muss.

Tropenblumen auf den Schuhen

Ob ihm der Auftritt dort mit den mehrfarbig-clownesken Kalbslederschuhen gelingen wird? Das einzige rätselhafte Element seiner Schau jedenfalls findet auch bei anderen Marken von Armani über Dsqared bis Gucci Freunde: Der „two tone shoe“ läuft offenbar super – zumindest in den Augen der Designer. Munter werden die Farben am Fuß kombiniert, bei Brioni haben die Budapester sogar Einsätze aus Denim oder Leinen. Und für Gucci-Chefdesignerin Frida Giannini reichen zwei, drei Farben nicht mal aus. Ihre bunten Tropenblumen hat sie sogar auf die Schuhe genäht. Sieht das nicht sehr weiblich aus? „Nein“, sagt sie, als sich nach der Schau all die schmalen Jungs um sie herum wieder ins Alltagszeug werfen, sich mit einem Kuss verabschieden und zur nächsten Schau laufen. „Nein, die Männer sollen einfach nur Freude haben! Das hat nichts mit den Geschlechtern zu tun!“

Die stilistischen Lockerungsübungen mit leichten Stoffen verdanken sich nicht nur dem Kimawandel. Wenn man für Hosen nur Hemdenstoffe braucht und aus einer langen eine kurze Hose macht, spart man Material und erhöht die Margen. Die Leichtigkeit soll der schweren Herrenmode, die sich meist in der Debatte um zwei oder drei Sakkoknöpfe und dicke oder dünne Nadelstreifen erschöpft, Flügel verleihen. Die verkaufsfördernde Botschaft: Auch Männer können sich schön kleiden! Am Ende sehen sie dann aber meist doch armseliger aus: Bei der trendsetzenden Marke Marni lässt Designerin Consuelo Castiglioni die Damen immer opulent auftreten. Ihre ephebischen Knaben hingegen sehen aus wie glattgestriegelte Internatszöglinge in grau-braun-schwarzer Minimalismusuniform.

Der Duft zählt

Damit das alles nicht allzu harm- und zahnlos wirkt, hat der Gott der Herrenmode Miuccia Prada auf die Erde herabgeschickt. Sie lässt die Unterhemden zwar so tief hängen, dass sie als Transgender-Minikleid dienen. Aber sie gibt ihnen auch halbtransparentes bernsteinfarbenes Kautschuk in Form übergroßer Regenjacken mit auf den Weg: Immerhin die englischen Einkäufer zeigen großes Interesse. Die anderen werden sich zurückhalten, aber darauf kommt es nicht an. Mit diesen Jacken ist Prada im Gespräch. Und das ist wichtig. Denn die Marke nutzte die am Mittwoch zu Ende gegangene Modewoche – wie Gucci, Armani und Tom Ford – vor allem dazu, einen neuen Duft vorzustellen.

Bei den Farben immerhin können Alexander McQueen und Raf Simons mithalten. So knallig wie andernorts die Werbung setzte Alexander McQueen die Zuschauer seinen Grellkontrasten aus. Sie zogen sich in Einsätzen von Oberteilen auf die Hosen und von einem Stück der Schau auf das nächste. Um McQueens Leuchtfarbe Orange gruppierten sich Raf Simons’ Blau-Rot-Blockkontraste für Jil Sander und die Neonfarben in der ansonsten äußerst minimalistischen Calvin-Klein-Kollektion von Italo Zucchelli. Da immerhin – und bei Missonis Streifenhippies, Westwoods politisch überkorrektem Roma-Look sowie den Indien-Phantasien von Etro und Ferragamo – zeigt der Mann mal Farbe und versteckt sich nicht nur in den unauffälligen Armani-Pastelltönen.

Normalo wird James Bond

Der formale Dresscode ist aber unter den ganzen Weichmachern nicht ganz verlorengegangen: Das Dinnerjacket ist wieder da! Als ob sie gemeinsam in der Kleidertruhe nach einem Traditionsteil gesucht hätten, erheben die Modemacher den Normalo zum James Bond. Und damit man es nicht allzu ernst nimmt, sind Dean und Dan Caten (Dsquared) sowie Domenico Dolce und Stefano Gabbana (D&G) intelligent genug, das Modemotiv fortzuspinnen. Bei Dsquared ziehen sich zwei Galonstreifen über die Außennähte der Hose – so hält man die Mitte zwischen dem einzelnen Smoking-Zierstreifen und den drei Adidas-Streifen. Und bei D&G verlängert sich der Galon als schwarzer Streifen auf die weißen Schuhe – so bringt man die zwei Megatrends Dinnerjacket-Zierstreifen und Two-Tone-Schuhe zusammen. Die Trends werden also schon weitergedreht. In Paris sollten sich die Designer von heute an also schnell etwas neues einfallen lassen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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