Die Nachfrage boomt

Tibetische Flagge als Kultobjekt

Von Marie Katharina Wagner

21. April 2008 Er war einer der Ersten in Deutschland. Als Andreas Hahn vor sechs Jahren von einer Fahrradreise quer durch Tibet nach Leipzig zurückkam, wollte er allen zeigen, wie sehr ihn die tibetische Kultur beeindruckt hatte. „`Free Tibet` wollte ich auf meinem T-Shirt stehen haben“, sagt er.

Aber T-Shirts mit dieser Botschaft gab es damals nicht. „Die Leute haben mich ausgelacht.“ Niemand interessierte sich für Tibet. Hahn machte trotzdem ein Geschäft für Free-Tibet-Shirts im Internet auf.

Heute lacht keiner mehr. Seit zwei Wochen ist das T-Shirt mit dem Motiv der bunten tibetischen Flagge der „Top-Seller“ in Hahns Geschäft „Tibet-Shirts“. Die Sympathiewelle für Tibet konnte man schon immer vermarkten.

Die Tibet-Flagge verkauft sich am besten

Aber seit die chinesische Regierung mit Gewalt gegen teils randalierende Aufständische in der Autonomen Region Tibet vorgeht, kennt die Liebe zu dem Hochland im Himalaja kaum noch Grenzen. Im Internet finden Sympathisanten alles Nötige für ihre Solidaritätsbezeugung: Anstecker, Aufkleber, Kalender, Mousepads.

Beliebte Motive sind neben der tibetischen Flagge der Mount Everest, buddhistische Symbole und farbenfrohe Mandalas. Auch der Dalai Lama ziert das eine oder andere Accessoire.

Für fortgeschrittene Fans gibt es eine „Tibet Schatztruhe“, gefüllt mit bedeutenden Bergkristallen und dem metallenen Replikat einer Schädelschale, die von Tibetern bei tantrischen Ritualen benutzt wird. Aber nichts verkauft sich so gut wie die tibetische Flagge, die eine von blau-roten Strahlen umrahmte Sonne und zwei weiße Löwen vor einem Juwel zeigt, das den Buddhismus symbolisiert.

In China ist ihr Besitz verboten

Der Besitz dieser Fahne ist in China streng verboten. Nun erwägen Athleten sogar, in Free-Tibet-Shirts an den Olympischen Spielen teilzunehmen - was IOC-Vizepräsident Thomas Bach am Wochenende dazu veranlasste, eine solche Veränderung der Kleiderordnung als „nicht auf Olympia bezogen“ abzulehnen.

Die Tibet-Initiative Deutschland, eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin, war auf das plötzlich erwachende Interesse an Tibet-Flaggen nicht vorbereitet. Ihren Accessoire-Shop im Internet schloss sie vorübergehend wegen Überlastung.

Nachfrage verdoppelt sich wöchentlich

In Bonn brachte der FDP-Politiker und ehemalige Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff eine tibetische Flagge an seinem Haus an. Seitdem er vom Bonner „General-Anzeiger“ im grünen Pulli vor der am Fenster des ersten Stocks seines Hauses flatternden Flagge abgelichtet wurde, steigt die Nachfrage nach Tibet-Fahnen bei der ortsansässigen Flaggendruckerei „Bonner Fahnen“ wöchentlich um 100 Prozent.

Vorher hatte man das Modell dort gar nicht im Programm. „Das war ein totaler Exot“, sagt ein Sprecher der Bonner Fahnen. Die meisten Käufer seien Privatpersonen, aber auch Kirchengemeinden fragten immer häufiger an. Otto Graf Lambsdorff hat seine Fahne selbst nicht in Bonn gekauft.

Die Produkte seien dort sehr teuer, lässt sein Büro verlauten. Lambsdorffs Flagge stammt von der „International Campaign for Tibet“, die den Politiker wegen seines Engagements für den Dalai Lama schätzt.

Pop-Industrie entdeckt Tibet-Flagge

Noch hält sich das Ausmaß der Beflaggung in städtischen Wohngebieten in Grenzen. Eine Verbreitung, wie sie die italienische Regenbogen- und „Pace“-Fahne zu Beginn des Irak-Krieges im Jahr 2003 erfuhr und die deutsche Flagge zu Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, wird der Tibet-Fahne nicht vergönnt sein.

Aber am Sonntag konnte man in Berlin beobachten, wie die Fahne endgültig vom Exoten zum politischen Symbol wurde: Beim Friedensmarsch, zu dem Tibet-Unterstützergruppen aufgerufen hatten, wurden Hunderte Fahnen geschwenkt.

Auch die Pop-Industrie nimmt sich des Symbols an. Auf Internetseiten für Klingeltöne und Rockmusik steht die Free-Tibet-T-Shirt-Kollektion neben Tokio Hotel und Schnuffel, dem Hasen, dessen Kuschel-Song gerade die Klingelton-Hitparade anführt. Es habe viele Nachfragen junger Kunden gegeben, sagt ein Sprecher des Musikportals „Deutschrock“.

Tibet-T-Shirts aus China?

Das sei eine Generation, die sich positionieren wolle und eine T-Shirt-Kollektion unter dem Motto „Don't wear it in China“ „halt geil findet“. „Mit dieser Kollektion kannst du allen zeigen, was du von der chinesischen Regierung hältst“, verspricht „Deutschrock“. Auch die „Beijing Nightmare“-Kaffeetasse soll sich dafür eignen. Auf ihr halten sich zwei süße Pandabären mit ihren pelzigen Armen Augen, Mund und Ohren zu und prangern damit die eingeschränkte Meinungsfreiheit in China an.

Einige Händler bieten T-Shirt und Fahne im Paket für ein paar Euro an. Die Produktionskosten können in solchen Fällen nicht hoch gewesen sein. Dass die Billigwaren aus China stammen, will allerdings kein Händler zugeben.

Natürlich gebe es auf dem Markt noch viele in der Volksrepublik produzierte Fahnen, sagt Thomas Ruge. Aber nicht bei ihm. Ruge führt seit Mitte der neunziger Jahre den Internet- Flaggengroßhandel „Flaggen Online“. Bei ihm bestellt auch die Tibet-Initiative ihre Flaggen.

Fünfzig bis 100 Tibet-Flaggen am Tag verkauft

Früher habe er - mal hier, mal da - drei bis fünf Tibet-Fahnen pro Jahr an Privatpersonen verkauft. Seit Anfang vergangener Woche seien es zwischen 50 und 100 am Tag. Seine Firma importiere ausschließlich aus Taiwan, beteuert Ruge.

Sein Handelspartner in Taiwan freue sich sogar, den Chinesen so eins auszuwischen, sagt Ruge. Aber auch diese Zusammenarbeit ist nicht ohne Brisanz: Die neue taiwanische Regierung hat erklärt, die Beziehungen zur Volksrepublik China verbessern zu wollen.

Dafür dürfte der Export der Flaggen in den Westen nicht gerade dienlich sein. Inzwischen lasse der chinesische Zoll kaum noch etwas aus dem Land, was „nach Tibet stinkt“, sagt Ruge. Darum komme es auch zu Lieferschwierigkeiten.

Nur auf dem Ärmel steht „Free Tibet“

Bei Andreas Hahn kosten die T-Shirts zwischen 15 und 20 Euro. Sie werden in Deutschland mit Material aus den Vereinigten Staaten hergestellt. Einen Teil des Erlöses schickt Hahn nach Tibet, an Profit ist ihm nicht gelegen. „Protestgeschichten“ wolle er mit seiner Mode nicht fördern, er setze auf die „leisen Töne“.

Seine Kollektion soll jeden Tag getragen werden, nicht nur bei Demonstrationen. Besonders die T-Shirts mit tibetischen Gebets- und Schriftzeichen auf der Brust legt er seinen Kunden ans Herz. Die seien graphisch schön und so dezent, dass man sie auch in der Disco tragen könnte. Nur auf dem Ärmel steht ganz klein „Free Tibet“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa

 
Im Schatten Tibets: Das olympische Fackel Tibet-Flaggen sind Mangelware geworden Eine Kerze für das chinesische Konsulat in Sydney Daniel Cohn-Bendit: Solidaritätsbekundungen auch im Europäischen Parlament Die Tibet-Flagge ist zum politischen Symbol geworden Olympische Ringe als Handschellen: Protest in London Schon die Kleinsten zeigen Solidarität Der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck mit seinem Prot... Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt Zwei Flaggen, zwei Weltanschauungen: China und Tibet Es muss nicht immer eine Flagge sein:Tibetischer Protest in Nepal