06. Mai 2009 Welcher Mythos einem Brautkleid anhaftet, das weiß man spätestens seit dem Film Muriels Hochzeit, in dem die Hauptfigur das seltsame Hobby pflegt, Brautmoden-Geschäfte zu besuchen. Dort probiert sie Hochzeitskleider an, führt mit den zwitschernden Verkäuferinnen süßliche Brautkleid-Dialoge (zauberhaft, ein Märchen, atemberaubend schön) und geht aus dem Geschäft mit dem Gefühl heraus, ihrem Traum von einer weißen Hochzeit ein Stück näher zu sein - obwohl sie nicht mal einen Freund hat.
Brautkleid bleibt Brautkleid. Man trägt es zwar nicht länger als einen Tag - dennoch ist es für viele Frauen das wichtigste Stück Stoff in ihrem Leben. Schon deshalb entscheidet sich ein Großteil für den opulenten Prinzessinnen-Look mit langen unterfütterten Röcken und engen Korsagen zum Schleier aus Tüll - so, als träfen sie am Traualtar nicht auf einen angehenden Steuerberater, sondern auf einen Prinzen aus dem europäischen Hochadel. Doch es geht auch anders. Moderner. Man könnte auch sagen: mittiger. Denn jetzt hat die Berliner Designer-Avantgarde das unschuldigste, altmodischste und romantischste aller Kleidungsstücke als Designobjekt entdeckt und ordentlich entstaubt.
Abendkleider aus weißem Stoff
Als Alexandra Fischer-Roehler vor neun Jahren selbst die Ehe schloss, war die Lage noch sachlich. Ich habe noch nicht mal in Weiß geheiratet, gesteht sie heute. Und weil sie damals kein Kleid gefunden hatte, das ihr gefiel, nähte sie es sich kurzerhand selbst. Heute, sagt die 34 Jahre alte Designerin, gebe es - zumindest gefühlt - mehr Hochzeiten in den Berliner Trendbezirken. Immerhin verzeichnet das Statistische Jahrbuch 2007, dass in Berlin-Mitte 4,4 Hochzeiten je tausend Einwohner stattfanden, während es über die gesamte Stadt hinweg nur zu 3,4 Eheschließungen je tausend Einwohner kam. Man traut sich also wieder in der Szene - aber anders als die anderen.
Unsere Kleider strahlen eine gewisse Lässigkeit und Zeitlosigkeit aus, sagt Fischer-Roehler, die zusammen mit Johanna Kühl 2003 in Berlin die Marke Kaviar Gauche gründete und unter anderem etliche Schauspielerinnen ausstattet. Ihre Kundinnen gehören eher zu den Bräuten, die sich von dem Ereignis nicht unter Druck setzen lassen. Sie wollen etwas Modernes tragen. Etwas, das man auch zu einem anderen feierlichen Anlass tragen könnte, sagt Fischer-Roehler. Die Silhouette ihrer Kleider ist weich und fließend, keiner muss sich ausstaffiert fühlen. Schnitte für den reellen Markt, nennt das die Designerin. Unsere Kundinnen wollen sich nicht von dem Kleid erschlagen lassen. Es sind Kleider, zu denen kein Schleier passt oder eine romantische Fahrt in der weißen Kutsche. Es sind im Grunde Abendkleider - aus weißem Stoff.
Ein Zugeständnis an das keusche Bild
Und genauso fing die Sache für Kaviar Gauche auch an: mit den Entwürfen für den roten Teppich. Schon vor drei Jahren meldeten sich die ersten Kundinnen und fragten an, ob man nicht ein bestimmtes Abendkleid auch als Hochzeitskleid bekommen könne, erzählt Fischer-Roehler. Kein Problem: gleicher Schnitt, weißer Stoff. Dann kamen immer mehr Anfragen. Seit dieser Saison haben die beiden Designerinnen ihre erste eigene Kollektion, die Bridal Couture (www.kaviargauche.com). Dazu gehört zum Beispiel das Venus Dress in Empire-Linie, das ursprünglich für den Laufsteg entworfen wurde - und jetzt als Hochzeitsversion auf dem Markt ist.
Damals waren es Ledercups, die den Brustbereich markierten, heute ist dieser nur mit Seide verstärkt - ein Zugeständnis an das keusche Bild, das man von der Braut hat. Man kann das Kleid auch zu anderen Anlässen tragen, wie die chinesische Schauspielerin Bai Ling bewies, die vor zwei Jahren mit dem weißen Venus-Kleid bei der Cinema for Peace-Gala in Berlin den roten Teppich betrat. Als Hochzeitskleid ist es allerdings nur begrenzt einsetzbar. Es ist eher ein Kleid, das fürs Standesamt taugt, sagt Alexandra Fischer-Roehler. Denn ärmellos vor den Altar zu treten - das gilt selbst in der Avantgarde als Fauxpas.
Kurz und knapp im Stil der sechziger Jahre
Auch die Kurzversion des Brautkleids ist nur bedingt kirchentauglich. Dennoch liegt darin ein Hochzeits-Trend. Die Hamburger Marke Garment zum Beispiel ist auf schlichte, tragbare Brautkleider spezialisiert. Dazu gehört das Modell Madeline, das kurz und knapp im Stil der sechziger Jahre daherkommt und in verschiedenen Stoffen bestellt werden kann (www.garment-online.de).
Die Berliner Designerin Mari Otberg hat sich ebenfalls auf die Short-Version des Klassikers konzentriert, aber präsentiert ihn nicht nüchtern-sachlich, sondern in der für sie typischen verrückt-verspielten Art. Brautkleider fertigte sie schon, als sie vor fünf Jahren ihr mittlerweile geschlossenes Geschäft in Berlin-Mitte eröffnete. Die Entwürfe folgen dem gleichen Prinzip wie ihre anderen Kollektionen - nur, dass sie weiß sind. Die Kleider von Mari Otberg, die auch als Illustratorin arbeitet, sind wie kleine Kunstwerke: manchmal puppenhaft verspielt aus Spitze, aber fast immer ironisch unterfüttert, wie die Jacke, die sie mit großen weißen Tauben besticken ließ. Jedes ihrer Kleider ist wie eine Projektionsfläche, auf der Bilder und Botschaften verbreitet werden.
Gestickte Botschaften auf dem persönlichen Kleid
Über die Braut zu reflektieren begann sie bereits in den neunziger Jahren. Damals jobbte Otberg als Studentin im Hamburger Literaturhauscafé und erlebte dort an die 200 Hochzeiten. Mari Otberg, Jahrgang 1969, hatte das Gefühl, dass es einen Mangel an originellen Brautkleidern gibt. Die meisten Bräute sahen so verkleidet aus, sagt sie heute. Am liebsten lässt sie deshalb persönliche Botschaften auf die Kleider sticken, die mit dem Paar zu tun haben - ob das nun Symbole, Daten oder Zitate aus einem Kafka-Roman sind. Das hat natürlich seinen Preis: Die aufwendigen Kleider, die meist handbestickt sind, kosten von 2000 Euro an aufwärts.
Ihren kleinen Laden an der Gipsstraße in Berlin-Mitte hat Mari Otberg im Februar geschlossen, kurz bevor sie ihn als Wedding Shop umdekorieren wollte. Bis dahin hieß ihre Marke noch Just MariOt - eine Anspielung auf ihren Namen, die sie schon nutzte, als sie noch in London lebte und unter anderem für Vivienne Westwood arbeitete. Weniger amüsant fand das die Hotelkette Marriott, die sich zwar anders schreibt, ihr aber trotzdem gerichtlich die Nutzung des Namens verbieten ließ. Für mich machte es keinen Sinn mehr, den Laden ohne diesen Namen weiterzubetreiben, sagt Otberg nüchtern. Heute kann man sie über das Internet kontaktieren (www.mariotberg.com). Oder auf Vernissagen treffen, denn sie will sich stärker ihrer Kunst widmen. Im vergangenen Jahr machte sie eine Ausstellung mit Wandteppichen zum Thema Sex Sells. Und illustrierte Kondomverpackungen. Man könnte es als prosaisches Pendant zu ihrer Brautmode interpretieren.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Christian Schwarzenberg, Hersteller