Wolfgang Joop

Champagner in den Venen

Von Alfons Kaiser

Unters Knie gestellt: Wolfgang Joop mit Kompressionsstrumpf

Unters Knie gestellt: Wolfgang Joop mit Kompressionsstrumpf

03. November 2009 Am liebsten würde er sie gar nicht mehr ausziehen: Wolfgang Joop trägt Stützstrümpfe! Das liegt aber weniger an dem verflixten halbrunden Geburtstag in zweieinhalb Wochen. Denn was hat ein durchtrainierter Preuße, dessen Mutter noch mit 93 Jahren zäh ist, mit dem Renteneintritt zu tun? Nein, es liegt vor allem am Geschäft. Das muss laufen wie das Blut in den Adern. Deshalb arbeitet Wolfgang Joop nun mit Medi zusammen, dem bisher nur subkutan bekannten Weltmarktführer für Kompressionsstrümpfe. Und deshalb steckt er nun selbst in den hautsympathischen Hochleistungsfasern. Die Wirkung ist jedenfalls enorm: „Ich habe keinen Energieabfall, und die Bündchen schmerzen nicht“, erzählt Joop gut gelaunt. „Jetzt hab ich Champagner in den Venen.“

Was für ein Kreislauf! Joop, der ein Faible hat für deutsche Marken und ein guter Chefdesigner für Escada gewesen wäre, redet plötzlich mehr von Thromboseprophylaxe und Osteoporose als von Doubleface und Seidenchiffon. Als er in Paris seine „Wunderkind“-Kollektion fürs nächste Frühjahr präsentiert hatte und backstage alle staunend an der ästhetisch verfeinerten funktionalen Kompressionstechnologie herumzupften, rief er aus: „Wir stehen vor einer Venen-Revolution!“

Venen sind noch unglamouröser als Arterien

Zeigt Bein - und Kompressionsstrumpf: Wolfgang Joop mit Model bei der Präsentation der Kollektion

Zeigt Bein - und Kompressionsstrumpf: Wolfgang Joop mit Model bei der Präsentation der Kollektion

Miniröcke sind für diese Mode-Revolution zu kurz gedacht, und über Plateau-High-Heels setzt sie sich mit demographischer Kennerschaft hinweg. Was sind die Themen der Saison im Vergleich zur wohltuenden Wirkung des innovativen Zweizugmaterials, das die Vibration der Muskeln lenkt und sie bei Beanspruchung stabilisiert! Medi-Geschäftsführer Michael Weihermüller, der die Stützstrümpfe nicht nur im Flugzeug, sondern auch im Büro trägt, spricht vom „definierten Druck, der die Venenfunktion optimal unterstützt“. Die Unterstützung durch Joop wiederum freut Weihermüller. Denn bisher sind Venen ja sogar noch unglamouröser als Arterien.

Der Vertrag des Modeschöpfers aus Potsdam mit dem Hersteller medizinischer Hilfsmittel aus Bayreuth hilft nicht nur den Adern. Er führt auch der Marke Wunderkind Sauerstoff zu, die bisher vor allem von Joops Erspartem und der schönen Investition der Wella-Erbin Gisa Sander und ihres Ehemanns Hans-Joachim Sander lebt. Die Zusammenarbeit mit Medi zeigt aber auch, dass Joop wie nie zuvor die Fäden zieht. Er selbst sagt das prägnanter: „It's my time.“

Als Exot fühlt er sich vielleicht noch am besten verstanden

Die Rundumbeschäftigung des nach eigenen Worten mit „revolutionären Hormonen“ gesegneten Designers, Malers und Autors symbolisiert auch ein 5,2 Kilogramm schwerer Klotz, der in den Buchhandlungen liegt. 150 Euro sind für 560 Seiten zwar viel Geld. Joop bekommt sogar Briefe von Frauen, die ankündigen, dafür jetzt sparen zu müssen - was ihn ernsthaft ins Grübeln bringt. Aber 150 Euro sind wenig für die aus dem Buch „Wunderkind 14467 Potsdam“ zu gewinnende Erkenntnis, dass der von der Autorin Inga Griese gut enttarnte selbstzweiflerische Charakter des beredten Schweigers mit biographischen Brüchen der deutschen Katastrophe zu erklären ist. Der Konflikt mit dem aus dem Krieg heimkehrenden Vater ist wohl auch mit dessen Tod im vergangenen Jahr nicht ausgestanden: „Die Ähnlichkeit mit ihm auf den Bildern hat mich erschreckt.“

Dank des ersten Modebuchs seit langem, das neben Coffeetable-Tauglichkeit auch Content bietet, traf Joop sogar mal ungewohnte Interessenten. Auf der Buchmesse, über die ihn Griese „wie eine Sklaventreiberin“ schob, sah er nicht Tussen „mit dem unsäglichen Stück Fleisch zwischen Rocksaum und Overknee-Stiefel“, sondern erstaunte Studis und Studienräte. Als Exot fühlt er sich vielleicht noch am besten verstanden. Gelegenheit dazu gibt es in nächster Zeit genug. Joop wird für die Neuen Wiener Werkstätten arbeiten. Er wird auf einer Ausstellung in Seoul als deutscher Glamourkünstler entdeckt werden. Und nach der lebensverlängernden widmet er sich in Zukunft auch der lebensverkürzenden Mode. „30-06 WJ“, eine komplette Jagd-Kollektion, wird nach einem beliebten Kaliber benannt. Auch für größeres Wild geeignet!

Text: F.A.S.
Bildmaterial: ©Helmut Fricke, ddp, dpa

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