20. Februar 2006 Das Bild, das man von Raf Simons im Kopf hat, ist verschwommen. Es beruht auf einer Fotografie, die vor zwei Jahren in Luzern gemacht wurde. Er trug damals einen seltsamen weißen Anorak, blickte nach unten, hatte die Augen halb geschlossen und hantierte mit einem Mikrofon vor seinem Gesicht herum. Es war das erste Foto, das die Öffentlichkeit von dem belgischen Designer zu sehen bekam. Simons war damals 35 Jahre alt und seit gut acht Jahren im Geschäft. Man wußte so gut wie nichts über ihn. Er hatte den Ruf, talentiert zu sein, aber sein Aussehen kannten nur die, die mit ihm zusammenarbeiteten. Das konnte nur bedeuten, daß er besonders scheu ist. Oder ausgesprochen arrogant.
Das Treffen mit dem Phantom findet in Mailand statt. In einer Industriehalle im Osten der Stadt. Raf Simons hat gerade seine erste Herrenkollektion für Jil Sander (Designer ABC) präsentiert. Es lief alles glatt, der Beifall war groß, später wird man sagen, es sei das Beste gewesen, was auf der Mailänder Modewoche zu sehen war. Hinter dem Laufsteg knäulen sich die Gratulanten. Fast hätte man den blassen jungen Mann mit dem blauen Pullover, unter dem er ein weißes Hemd trägt, übersehen. Raf Simons steht wie ein Unbeteiligter da, die Arme vor dem Körper verschränkt, seine Miene verrät nichts über seine Emotionen, aber der Blick aus den dunklen Augen ist der eines Tieres, das in das grelle Licht eines Autoscheinwerfers starrt.
Sich konsequent dem Modebetrieb entzogen
Seit der Belgier im vergangenen Sommer zum Chefdesigner von Jil Sander ernannt wurde, dürfte für ihn die Welt aus den Fugen sein. Bislang hatte Simons ausschließlich unter seinem eigenen Namen entworfen und eine gewisse Exzentrik gepflegt. Er ließ sich nicht fotografieren, gab selten Interviews und zeigte sich nach der Präsentation seiner Kollektionen niemals auf dem Laufsteg. Er entzog sich konsequent dem Modebetrieb. Als Kreativdirektor von Jil Sander ist das nicht mehr möglich. Experimente kann sich das Unternehmen nicht leisten, seit mit dem Weggang der Namensgeberin die Marke ihr Gesicht verloren hat. Raf Simons muß ihr wieder Konturen verleihen. Dazu gehört auch, sie nach außen zu repräsentieren.
Am Tag nach der Schau sitzt Simons also in einem kahlen Raum an der Via Beltrami, dem Hauptquartier von Jil Sander. Das Understatement der Marke läßt sich an der Einrichtung ablesen: grauer Tisch vor weißer Wand. Simons spricht leise, fast tonlos, manches Wort schluckt das Rattern der Straßenbahn, die vor dem Haus im Zehnminutentakt vorbeifährt. Er ist zurückhaltend, aber liebenswürdig. Er erzählt von dem Lampenfieber, das ihn regelmäßig kurz vor den Schauen befällt und das diesmal besonders groß war. Ich spürte die Spannung und wußte genau, was die Leute denken. Man überlegt dann automatisch, ob man die Erwartungen erfüllen kann. Am Tag danach ist ihm die Erleichterung anzumerken - darüber, daß er den öffentlichen Auftritt überstanden hat, und darüber, daß die ersten Kritiken positiv ausgefallen sind. Man lobte ihn für die weiten, kastenförmigen Schnitte, für seinen Mut, eine neue Silhouette geschaffen zu haben in einer Zeit, in der sämtliche Anzüge eng und schmal ausfallen, dafür, daß er nicht versucht hat, Jil Sander umzukrempeln, und doch nach neuen Schnitten und Stoffen gesucht hat. Ein überzeugender Neuanfang, schrieb Suzy Menkes in der Herald Tribune.
Gewissenhaft und gründlich
Als bei Raf Simons im vergangenen Frühjahr das Telefon klingelte und er gefragt wurde, ob er Designer bei Jil Sander werden wolle, zögerte er keine Sekunde. Ich habe großen Respekt vor der Marke. Sie hat sich erfolgreich neben den großen Labels wie Gucci und Prada positioniert. Gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, daß Jil Sander sich nie verbogen hat, um in diese Riege hineinzupassen. Sie ging immer ihren eigenen Weg. Damals wollte man bei Jil Sander, daß er sofort an der nächsten Kollektion mitarbeitet. Simons aber entschied sich, noch ein halbes Jahr zu warten. Er wollte zunächst die Marke begreifen, sie analysieren, er tauchte in die Archive ab, befaßte sich mit der Vergangenheit, den Anfängen, als Jil Sander von Hamburg aus die Modewelt eroberte. Gewissenhaft und gründlich - vermutlich hätte man das am wenigsten von Raf Simons erwartet.
Denn das Bild, das man sich von ihm in den vergangenen zehn Jahren ausschließlich auf der Basis seiner Mode machen konnte, war ein anderes. Seine Entwürfe hatten etwas Trotziges und Rebellisches, waren meilenweit von der feinsinnigen Ästhetik einer Jil Sander entfernt. Simons bediente sich der manchmal kraftvollen, oft krassen Sprache von Jugendkulturen. Er zitierte Punk, New Wave, Hip-Hop. Er beschäftigte sich mit Gabba, einer von Arbeiterjugendlichen in den Niederlanden beherrschten Subkultur. Er ließ sich von Filmen wie Lost Highway oder Christiane F. inspirieren, er mochte die Fotos von Matthew Barney, wie eigentlich alles, was irgendwie verstörend und beunruhigend wirkte. Er tat kund, daß es ihm egal sei, wie seine Kleider sich verkauften, daß ihn mehr die philosophischen als die kommerziellen Aspekte interessierten. Er kritisierte die Globalisierung und den Konsum. Der Profit aus seiner Mode hielt sich folgerichtig in Grenzen. Zeitweise arbeitete er mit nur drei Angestellten - und trotzdem beeinflußte er mit seiner Männerkollektion, die er zum ersten Mal 1995 präsentierte, die gesamte Modewelt. Noch vor Hedi Slimane entwarf er Herrenanzüge in einer extrem schmalen Linie. Aber es war Slimane, der unter der Flagge des Luxusunternehmens Dior als Star gefeiert wurde. Simons blieb Avantgarde, ein Geheimtip, ein Sonderling, der mit dem Modeestablishment nichts zu tun haben wollte und Marketing für überflüssig hielt.
Beschauliches Leben in Antwerpen
Zum Phänomen Raf Simons gehört aber auch, daß er als Person so wenig dem Bild des Rebellen entspricht wie der belgische Thronfolger. Er führt ein beschauliches Leben in Antwerpen, besitzt eine Wohnung an der Küste, wo er mit Freunden die Wochenenden verbringt. Seine Jugend war so unspektakulär, daß er sie in fünf Sätzen referiert. Er wuchs in einem kleinen Dorf an der deutsch-holländischen Grenze auf. Der Vater war Berufssoldat, die Mutter Zugehfrau, Raf ein Einzelkind. Er ging auf eine Priesterschule und hatte keinerlei Berührungspunkte mit Mode oder Jugendkultur. Wir wußten damals einfach nicht, welche Möglichkeiten es noch gibt, daß Städte wie Paris oder New York existierten. Einzig die Musik der achtziger Jahre, die Lieder von Depeche Mode und anderen New-Wave-Bands bedeuteten kleine Fluchten für ihn und seine Freunde. Sehr viel später, als er in Antwerpen mit Mitte Zwanzig anfing, Mode zu machen - ohne entsprechendes Studium -, schien er diese verpaßten Chancen nachholen zu wollen. Er setzte sich damit auseinander, wie Jugendliche denken und wie sie Mode als Ausdruck ihrer selbst nutzen.
Heute, mit 37 Jahren, scheint er gereift zu sein. Er nickt kurz, als man ihn fragt, ob er nun erwachsen geworden sei. Die ersten Anzeichen gab es schon in den vergangenen zwei Jahren in seiner eigenen Kollektion. Die Zitate aus der Jugendkultur waren verschwunden, er entwarf keine Konzepte mehr, die als Reverenz an die Vergangenheit zu verstehen waren, er beschäftigte sich mit den Kleidern selbst, mit Formen, Stoffen und Silhouetten. Ich habe immer einen großen Haß empfunden, auch auf die Modewelt, deshalb wurde ich rebellisch oder politisch. Heute fühle ich mich besser, ich habe das Gefühl, langsam meinen Platz gefunden zu haben. Er spricht von Verantwortung. Dazu gehörten auch die Auftritte in der Öffentlichkeit. Er ist bereit, für eine Marke zu arbeiten, deren oberstes Ziel die Wirtschaftlichkeit ist.
Natürlich kenne ich seinen Ruf
Trotzdem braucht er seine eigene Firma als Gegenpol, als Refugium, in das ihm keiner reinredet. Wohl schon deshalb, weil es bei Jil Sander einen überaus unberechenbaren Faktor gibt - nämlich die Person Patrizio Bertelli. Der Chef des Prada-Konzerns, zu dem Jil Sander seit 1999 gehört, ist immerhin der Grund dafür, daß die namensgebende Designerin zweimal wegen Unstimmigkeiten das Unternehmen verließ. Bertelli gilt als unberechenbar und herrisch. Natürlich kenne ich seinen Ruf, sagt Simons. Aber unser Verhältnis ist bisher sehr gut. Als wir das erste Mal zusammengesessen haben, habe ich mich sehr wohl gefühlt. Er ist jemand, der sehr direkt ist, das finde ich gut.
Nach der Präsentation der Herrenkollektion in Mailand ist Bertelli einer der ersten, der Raf Simons gratuliert. Er steht breitbeinig vor dem Belgier, der wie ein Schüler wirkt, der seinem Lehrer Rede und Antwort steht. Einen Tadel hat es vermutlich nicht gegeben, denn Simons hat seine erste Bewährungsprobe mit Bravour bestanden. Jeder spricht über seine Kollektion. Auch bei der Party am Abend spielt Simons seine Rolle perfekt. Er läßt sich sogar von der Modekritikerin Suzy Menkes fotografieren, hält Smalltalk und verläßt als einer der letzten Gäste die Party. Für einen scheuen Menschen hat er viel von sich preisgegeben. Aber richtig ernst wird es Ende Februar: Erst dann, bei der Präsentation der Damenkollektion von Jil Sander, kann sich die Modewelt ein Bild davon machen, wie der talentierte Mr. Simons die Frau anziehen wird. Denn bisher hat Simons nur Herrenmode entworfen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.02.2006, Nr. 6 / Seite 57
Bildmaterial: AP, REUTERS, Rineke Dijkstra