Von Alfons Kaiser, Düsseldorf
20. September 2005 Die ersten Schuhe, die er in seinem Leben gefertigt hat, waren für Cartucho. Damals sammelte man in Manolo Blahniks Vaterhaus noch das Silberpapier aus Schokoladenverpackungen.
Also paßte er Cartucho, seinem ersten Hund, zwei Paar silberner Schuhe an. Blahnik, inzwischen der wohl berühmteste Schuhmacher der Welt, kann sich nicht daran erinnern, wie alt er war, als er seinen Foxterrier mit Bändern und Silberpapier drangsalierte und drapierte.
Vielleicht sechs, fünf, sieben Jahre alt - ich weiß es nicht. Wichtiger als die Zahlen war ihm schon bei diesem Defilee auf sanften Pfoten die Ästhetik: Er sah darin ziemlich schön aus!
Wie ein englischer Lord
Manolo Blahnik, der zu einer Schuh-Ausstellung im NRW-Forum und zur Schuhmesse GDS nach Düsseldorf gekommen ist, die in diesen Tagen zum hundertsten Mal stattfindet, kann sich an jedes einzelne Paar erinnern, das er geschaffen hat. Aber man sollte ihn nicht nach Daten fragen.
Ich kann mich immer nur erinnern, was ich damals trug oder womit ich spielte. Seine Leidenschaft fürs Schuhdesign gründet jedenfalls - wie sich an den von ihm verwendeten natürlichen Stoffen, Motiven, Formen zeigt - in der artenreichen Flora und Fauna der Kanaren: Auch die Affen, die sich auf der Bananenplantage der Eltern tummelten, versah er mit Schuhwerk. Das war wie eine zweite Natur für mich.
Manolo Blahnik ist ein freundlicher graumelierter Herr im karierten Anzug, der seine hispanischen Wurzeln in seinem gepflegten britischen Englisch kaum verrät. Bis hinein in die etwas fahrige Gestik und die stotternde Diktion eines Hugh Grant könnte er als englischer Lord durchgehen.
Die Diplomatenlaufbahn schlug er aus
Seine Jacke legt er, nachdem er um Erlaubnis gebeten hat, im Gespräch schnell ab, weil es ihm zu warm wird. Über dem weißen Hemd trägt er aber noch immer eine ärmellose cremefarbene Kaschmirweste. Die blau-weiß-rote Krawatte verweist mit ihrer radikalen Kürze auf die Herkunft des Kleidungsstücks aus dem Halstuch und mit ihrer Machart - sie ist gestrickt - auf die robuste Herstellung: Die Natur ist Blahniks Kunst sogar in seiner persönlichen Erscheinung vorgelagert.
Blahnik, der von seiner künstlerisch und modisch interessierten Mutter immerhin gelernt hatte, wie man aus Stroh und leichtem Stoff Espandrillos fertigt, ging als junger Mann nach Genf, um Jura und Politik zu studieren. Studieren ist das falsche Wort - ich war da ein Semester. Für ein solches Leben war ich nicht bestimmt.
Dann studierte er Literatur und Architektur. Nur ein Semester. Ich mochte es nicht! Bis zum Alter von 23 Jahren wußte er nicht, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Eine Diplomatenlaufbahn, wie sie durch einen Onkel vorgezeichnet und von seinen Eltern vorgesehen war, schien ihm nicht lohnend. Seitdem er auf einer Konferenz in Montreux als jugendlicher Helfer Papiere an Delegierte hatte verteilen dürfen oder müssen, wußte er: Das ist schrecklich! All seine Jobs auf Konferenzen: Sterbenslangweilig!
Stylisten sind der Ruin der Mode
Manolo Blahnik, der im Gespräch gerne abschweift, erzählt, daß Jugendliche in den Sechzigern bereitwilliger ihren Eltern gefolgt seien. Deshalb habe er diese Karriereversuche unternommen. Heute sind die Kinder viel reifer. Schon mit zwölf oder vierzehn wissen sie ja, was sie werden wollen: Popstar und Celebrity. Blahnik, der durch Prominente erst bekannt wurde, meint lachend: Ich weiß gar nicht, was ein Celebrity ist.
Damals hätten sich Prominente noch durch Fähigkeiten als Schriftsteller oder Schauspieler ausgezeichnet. Heute wollten Jugendliche schon früh einfach berühmt und reich werden. Celebrities würden geradezu maschinell produziert. Schon Kandidaten der Sendung Big Brother hätten Stylisten: Und diese Stylisten sind der Ruin der Mode.
Heute herrsche fast eine Tyrannei des Konsums. Auch er allerdings ging mit glamourösen Ideen durch sein junges Leben: Ich wollte damals alles machen, Theater, Filme - ich wußte nur nicht, wie. Aber ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht.
Verschandelung der Kanaren
Schnell schreitet Blahnik, der im Gespräch immer wieder einen Fuß hebt, als ob er mit ihm in inniger Konversation stünde, vom Wandel der Prominenz zur Verschandelung der Kanarischen Inseln fort. Als ich noch ein Junge war, sahen die Inseln ganz anders aus. Heute seien sie von Touristen überlaufen.
Ich liebe diese Inseln, aber ich hasse, was mit ihnen passiert ist. Die Deutschen, so Blahnik, verführen dabei wenigstens so liebevoll, Häuser zu kaufen, zu renovieren und sie in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Aber die anderen! Fast jeden Monat fährt er trotzdem zurück, um seine Mutter zu besuchen, die, 90 Jahre alt, noch immer dort lebt, während er meist in London oder in seinem Haus im südwestenglischen Bath weilt.
Der mäandernde Fluß seiner Rede führt ihn von der Umweltzerstörung auf den Kanaren über die Belastung französischen Mineralwassers mit Schadstoffen bis zu den Gletschern am Montblanc, die schrumpfen und aus der Luft grau aussehen.
Durch die Vogue zu den Schuhen
Die Zerstörung der Umwelt scheint ihm die Kehrseite all der Beeren, Blüten und Blätter zu sein, die den von ihm entworfenen hohen und schmalen Schuhen natürliche Fülle und Lebendigkeit verleihen. Der Natur ausgesetzt zu sein und sie gleichzeitig künstlerisch zu gestalten - dieses Gefühl wird er mitgebracht haben von der Insel, auf der er geboren wurde, auf die Insel, auf der er zu Hause ist.
Erst auf einer dritten Insel namens Manhattan hatte er mit seinen Lebensentwürfen durchschlagenden Erfolg. Nach dem Studium der Malerei und der Bühnenbildnerei an der Ecole des Beaux-Arts und der Ecole du Louvre in Paris ging er Ende der Sechziger nach London, um sein Englisch zu verbessern und als Zeichner, Fotograf und Designer zu arbeiten.
Paloma Picasso, die er in Paris kennengelernt hatte, verwies ihn 1971 an die damalige Chefin der amerikanischen Vogue, Diana Vreeland, in New York. Seine Mappe mit Zeichnungen von Hüten, Kleidern und Schuhen stellte er der Chefredakteurin vor, die er noch heute dafür verehrt, wie sie sich - mit dem Blick eines Habichts - für den Nachwuchs einsetzte. Vreeland, von seinen Zeichnungen begeistert, empfahl ihm, doch Schuhe zu entwerfen.
Ein Herz für den Nachwuchs
Diese Zeit scheint ihm davongelaufen zu sein. Es gibt solche Leute nicht mehr. Auch Anna Wintour von der amerikanischen Vogue, die er, vor der italienischen Vogue, für die beste Modezeitschrift hält, helfe Designern und Fotografen. Sie hat aber nicht dieses Verrückte an sich.
Überhaupt wird ihm die Modewelt zu eindimensional. Noch nie seien Anzeigen- und Redaktionsteile der Magazine so stark verquickt gewesen wie heute. Werbung für eine Marke und Texte zu dieser Marke würden genau abgewogen. Noch vor zehn Jahren hat man das nach vorne gebracht, was einem gefiel. Weil er die Nachwuchsarbeit auch dadurch gefährdet sieht, führt er selbst in Vorlesungen am Royal College Studenten in die Modewelt ein.
Am Wochenende besuchte Blahnik die Ausstellung Schuhe im NRW-Forum, auf der auch Werke von Andy Warhol, Charles Jourdan, Guy Bourdin, Halston und Israel Miller gezeigt werden. Er fühlt sich geehrt, in eine Reihe mit Andy Warhol gestellt zu werden, der in den Fünfzigern Werbeanzeigen für Schuhfirmen zeichnete und in dessen Nachlaß noch Kartons mit Hunderten gesammelter Schuhe lagern.
Vorbild Andre Perugia
Blahnik erinnert sich, wie Warhol 1978 zur Eröffnung seines Geschäfts an der Madison Avenue kam und den entsprechenden Glamour mitbrachte, wie er seitdem auf seinen vielen Spaziergängen immer wieder vorbeischaute und krächzend rief: Hi! Wie läuft das Geschäft? Du solltest mal die Farbe wechseln - der Laden wirkt so langweilig!
An Vorbildern nennt er Andre Perugia, dessen Schuhe er noch immer für modern hält. Roger Vivier hingegen, der als Erfinder des Pfennig-Absatzes gilt, ist ihm zu sehr 18. Jahrhundert, zu sehr auf seine Zeit bezogen. Und warum treten selbst Blahniks in den Siebzigern entworfene Schuhe heute noch aktuell auf?
Sie waren nie zeitgebunden. Sie drücken der Zeit nicht ihren Stempel auf, sagt Blahnik und tritt mit dem Absatz seines rechten Schuhs auf den Teppich. Heute sieht man viele häßliche Keil- und Blockabsatzschuhe von gestern. Das ist nicht meine Sache.
Plagiate verwässern die Originalität
Manolo Blahnik kann sich nicht erinnern, welche seiner stets von ihm persönlich entworfenen 11.000 Paare nun aus dem Jahr 1982 oder 1987 stammen. Ihm kommt es auf die Motive an - und auf die Konstruktion. Mit dem großen Spanier der Mode, Cristobal Balenciaga, dessen architekonische Disziplin und reduzierte Funktionalität die Haute Couture der Nachkriegszeit bestimmte, mit der spanischen Tradition, Kleider mit klaren Konturen zu konstruieren, fühlt er sich trotz seiner dynamischen Linienführung verwandt:
Ich habe es in dreißig Jahren geschafft, die Balance eines Schuhs zu finden. Und warum nur kompliziert zu konstruierende Damenschuhe? Immer, sagt Blahnik und schaut auf seine Füße, schaut man auf seine Füße. Entweder man liebt oder man haßt seine Schuhe. Als Mann trage er langweilige Modelle. Aber bei Damenschuhen kann ich meine ganze Phantasie ausleben.
Die Markenpiraten sind ihm trotz des eigenwilligen Designs auf den Fersen. Es sei zwar schwieriger, Schuhe nachzumachen als Kleider. Aber sie sind schnell heute. Meine Silhouetten werden im Nu kopiert. Wenn man genau hinschaue, sehe man den Unterschied. Aber Originalität werde wegen der schnellen Verbreitung der Bilder und der immer besseren Technik in Ländern wie China verwässert.
Ein eigenes Haus für die Sammlung
Da ist sie wieder, die schnelle Zeit, die Blahnik mit seinen Entwürfen zu überwinden sucht. Dem Druck der Aktualität widersteht er mit ausufernder Kreativität, großer Disziplin, sturer Überzeitlichkeit und gleichzeitig fieberhafter Wechselstimmung: Jede Sekunde ändere ich meine Richtung.
Weil er sich immer wieder auf Neues einstellt, blickt er ungern zurück. Seine Sammlung eigener Modelle hat er - der Ledergeruch! der fehlende Platz! - in ein zweites Haus in Bath ausgelagert. Wegen seines fotografischen Gedächtnisses trägt er sie ohnehin im Kopf mit sich herum. Noch stärker will er sich nicht damit belasten. Die Sammlung läßt er von Archivaren aufarbeiten. So kann er, ohne zu stolpern, durch seine Phantasie in die Zukunft schreiten.
Sex and the City and Manolos
Manolo Blahnik, der am 28. November 1942 im Städtchen Santa Cruz auf der Kanareninsel La Palma als Sohn eines Tschechen und einer Spanierin geboren wurde, wuchs auf einer Bananenplantage auf. Er begann Jura und Politik in Genf zu studieren, wandte sich dann in Paris und London immer stärker dem Zeichnen, der Fotografie und dem Modedesign zu und arbeitet mittlerweile seit dreieinhalb Jahrzehnten als Designer. Seine erste Kollektion entwarf der Schuhmacher, von dem Frauen sagen, er mache sogar häßliche Füße zu schönen, im Jahr 1972 für den Modemacher Ossie Clark. In den folgenden Jahrzehnten gab er auch Kollektionen von Yves Saint Laurent, Calvin Klein, John Galliano und Michael Kors ein Fundament. Berühmt wurde er aber erst durch die Fernsehserie "Absolutely Fabulous", durch die Eingangsszene der Modesatire "Der Teufel trägt Prada" (2003), in der die Hauptfigur ihre 700-Dollar-Stöckelschuhe bei einem Bremsmanöver ruiniert, und vor allem durch die 1998 bis 2004 produzierte amerikanische Serie "Sex and the City". Hauptdarstellerin Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) lief in den Nebendarstellern, den "Manolos", wie die Schuhe seitdem nur noch heißen, drei Jahre lang auch im deutschen Fernsehen zur Höchstform auf. Seit dem Erfolg dieser Serie gilt Blahnik, für dessen Kreationen Frauen durchaus mehr als 500 Euro pro Paar bezahlen müssen, als der Designer filigraner Schuhkreationen schlechthin - mit einer Kundenliste, die von Paloma Picasso über Bianca Jagger bis zu Madonna reicht. Blahnik selbst, dem schon zahlreiche Ausstellungen und Bücher gewidmet wurden, bleibt aber bescheiden: "Ich würde sterben, würde mich jemand Celebrity nennen." (kai.)
Text: F.A.Z., 21.09.2005
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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