New Yorker Modewoche

Young Americans

Von Alfons Kaiser

Glamour plus Schnitttechnik: Zac Posen

Glamour plus Schnitttechnik: Zac Posen

12. Februar 2007 Zac Posen bewegt Männer und Frauen. Kaum ist seine Schau vorüber, kaum ist die Parade der Cocktail- und Abendkleider noch einmal vorbeigerauscht, erscheint der rundliche, gelockte Junge auf dem Laufsteg - und alles im Publikum diesseits der Dreißig springt auf und schreit. Zac Posen, schon seit Jahren stets der jüngste Star der New Yorker Mode, hat auch diesmal seine Spezialmischung aus amerikanischem Glamour und europäischer Schnitttechnik mit Tempo über die Bühne gebracht. Anna Wintour, die „Vogue“-Chefin, ist von ihrem Schützling angetan. Und die Mädchen der Gesellschaft lieben diesen Modemacher, der keine von ihnen erhören wird, was ihre Raserei nur steigert.

Es war eine der letzten Schauen der New Yorker Modewoche, und sie hat gezeigt, wie weit es die nicht mehr ganz neuen jungen Designer gebracht haben. Nach dem 11. September 2001 wurden viele Talente im Alter zwischen 20 und 35 Jahren in New York zu „upcoming stars“ ausgerufen. In der Krise der Jahre 2002 und 2003 nahmen sich Powerfrauen wie Anna Wintour und Glenda Bailey von „Harper's Bazaar“ vor, systematisch junge amerikanische Designer zu fördern. Es galt, nach dem Rückzug Helmut Langs, dem Vorruhestand Calvin Kleins und dem kreativen Niedergang Donna Karans der Konkurrenz aus Mailand und Paris die Stirn zu bieten. Anna Wintour, die schon John Galliano (Dior) und Marc Jacobs (Louis Vuitton) groß gemacht hat, nimmt die Nachwuchsförderung äußerst ernst. Die meisten der jungen Milden des neuen Jahrtausends - Zac Posen, Derek Lam, Thom Browne, Peter Som, Behnaz Sarafpour sowie Jack McCollough und Lazaro Hernandez (“Proenza Schouler“) - hat sie mit persönlichem Einsatz in der Szene durchgesetzt.

„Ich habe hier jemanden“

In der „New York Times“ beschrieb die Modekritikerin Cathy Horyn in der vergangenen Woche, wie dieses System der „Citizen Anna“ genannten „Vogue“-Chefin funktioniert. „Ich habe hier jemanden“, habe sie vergangenes Jahr zu Claudio del Vecchio gesagt, dem Chef des Herrenausstatters „Brooks Brothers“. Es kam, wie es kommen sollte: Wintours Schützling Thom Browne, bislang ein unbekannter Männermodeschöpfer, schloss einen Vertrag mit dem Haus. Von Herbst an werden seine Entwürfe in neunzig Läden der Stange hängen. Nur, weil Wintour, wie del Vecchio bekennt, „ziemlichen Druck auf mich ausgeübt hat“. Die „Vogue“ macht sich ihre Mode heute eben gleich selbst. Das System konnte sich nur deshalb etablieren, stellt Horyn fest, weil in der Luxusindustrie fachfremde Manager wie LVMH-Chef Bernard Arnault die Macht übernahmen, die für jeden Hinweis dankbar sind.

Allerdings ist die Unterstützung tatsächlich nötig. Aus eigener Kraft ein selbständiges Label aufzubauen ist heute kaum noch möglich. Der Markt ist mit großen Namen verstopft, die wichtigen Häuser kaufen junge Talente früh auf, und Billigketten wie „H&M“ oder „Target“ machen den echten Designern das Leben schwer. Die New Yorker Modemacher reagieren pragmatisch. Derek Lam ist zum Chefdesigner von „Tod's“ geworden, arbeitet aber weiter an seiner eigenen Linie. Zac Posen lässt sich von Rap- und Mode-Mogul Puff Daddy fördern und setzt in der Kollektionsbeschreibung hinter jedes zweite Kleid das Logo von Lycra. Jack und Lazaro von Proenza Schouler haben eine Kollektion für die Target-Kette entworfen, die reißenden Absatz findet und ihnen bei der Finanzierung der eigenen Kollektion hilft. Und bei Peter Som saßen in dieser Woche zwei Herrschaften der Beteiligungsgesellschaft „NRDC Equity Partners“ in der ersten Reihe. Som, mit einem Umsatz von gut fünf Millionen Dollar ein Leichtgewicht, könnte den Investoren, die allein hundert Einkaufszentren ihr Eigen nennen, zu einem modischen Image verhelfen.

Mit schöner Mode einen Namen machen

Für ein solches Image muss man sich in Amerika erst einmal mit schöner Mode einen Namen machen - also im Zweifel nicht avantgardistisch, sondern sportlich-clean arbeiten. Da passt es gut, dass viele Nachwuchs-Designer bei Michael Kors in die Lehre gegangen sind. Der nämlich wurde - welch ein Zufall - ebenfalls durch Wintour gefördert. Peter Som hat in seiner Schau am Mittwoch gezeigt, was er bei Kors gelernt hat: Seine weiten Trapez-Kurzmäntel, die Stufenröcke mit Raffungen, die wie aufgeplustert wirkenden Schultern, die Schößchenjacken, die Empire-Linie und natürlich Glitzer und Glamour für den Abend geben der Kollektion den entscheidenden Dreh - und bewahren sie vor der Beliebigkeit, wie sie in New York allzu oft zu sehen ist.

Auch Proenza Schouler kombinieren amerikanische Coolness mit Pariser Raffinement. Die beiden setzten in einer der schönsten Schauen der Woche auf so viel Volumen mit breiten Jacken aus einem Pelz-Strick-Wolle-Patchwork und dickem Grobstrick, dass die Magermodels in der Übergröße zu versinken drohten. Aber das war nur ein kleiner Gruß an das aktuelle Spiel der Herbst-Winter-Kollektionen mit dem Volumen. Ihre herrlich bestickten, teils mit dicken Glaskristallen besetzten Kleider in Charleston-Anmutung, die mit plissierten Bahnen mäandernd umrundeten, wunderbaren Changeant-Kleider und ihre Anspielungen auf die Spezialität des Hauses, das knallenge Bustier - das alles zeigt: Sie können's einfach! Mit der neuen Einnahme- und Publizitätsquelle namens Target werden Proenza Schouler, mehr noch als Zac Posen, die Generation nach Marc Jacobs bestimmen.

Aber Zac Posen, gerade einmal 26 Jahre alter Darling der Gesellschaft, muss nicht traurig sein. Schließlich waren am Donnerstagabend alle begeistert. Die Olsen-Schwestern, nur noch ein Schatten ihrer selbst und zwischen den Schauen apathisch in einer VIP-Ecke herumsitzend, sammelten ihre Kräfte für die nötige Begeisterung. Und die vielen Abendkleider? Kein Zufall - schließlich steht die Oscar-Verleihung bevor. „With a little help from his friends“ wird Zac Posen auch an dem Hollywood-Abend glänzen.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.02.2007, Nr. 6 / Seite 58
Bildmaterial: F.A.Z. / Fricke

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Wenig Ein- und Ausblicke bietet diese Kombination aus Kleid und HutDrängt die Haar- und Lippenstiftfarbe gekonnt in den VordergrundDie Modewelt schaut begeistert zuZac Posen drängt mit seiner Mode alles andere in den HintergrundUnd da kommt die helle VarianteNew Yorker Coolness plus Pariser RaffinesseDie Young Americans halten sich zurück mit farblichen Akzenten... oder etwa doch?Der Körper geht in diesem Mantel etwas unterProenza Schouler definiert, was cool und raffiniert ist Farblose EleganzDie jungen Milden des neuen Jahrtausends mögen amerikanischen Glamour... die Fotografen ebensoSchlicht und schickAmerikanischer Glamour und europäische SchnitttechnikBlonde UnschuldSchlichter geht es kaum nochDie Strickjacke ist zurückViel Volumen mit breiten Jacken