„Germany's Next Topmodel“

Das große Drück-Heul-Freu-Spektakel

Von Peer Schader

Tränenreich war die Urteilsverkündung in Köln

Tränenreich war die Urteilsverkündung in Köln

22. Mai 2009 Es kann natürlich sein, dass Heidi Klum dann demnächst den Friedensnobelpreis bekommt, zusammen mit Dieter Bohlen. Für ihre Verdienste um die Kandidatenaussöhnung in deutschen Castingshow-Finals, wird die Begründung des Komitees lauten. Diese Anstrengungen sind schließlich nicht von der Hand zu weisen: Vor zwei Wochen ging „Deutschland sucht den Superstar“ mit einem Kandidatenpärchen zu Ende, das sich so gern hatte, dass vor lauter Drücken und Umarmen gerade noch so nebenbei gesungen werden konnte. Und jetzt dasselbe bei „Germany's Next Topmodel“!

Am Donnerstagabend entschied sich in der ehemaligen Kölnarena vor rund 15.000 Zuschauern, wer Siegerin der vierten Staffel wird und bald günstige Pullover einer Modehauskette zu Werbezwecken spazieren tragen muss. Vorher allerdings versicherten sich die drei Finalistinnen Mandy, Marie und Sara noch mal, wie sehr sie sich liebgewonnen haben in Heidis dreimonatigem Girlscamp: „Du bist keine Konkurrentin mehr für mich - sondern eine gute Freundin“, sagte die eine. „Ich bin stolz, dass wir uns so gut verstehen“, jubelte die nächste. Und die dritte: „Ich wollte mich bedanken, dass du mir immer zur Seite gestanden bist.“ Hoffentlich hat die „Super-Nanny“ nicht zugesehen, sonst meldet sich die arme Frau am Montag arbeitslos.

Mädchenknäuel nach der Verkündung

Als zum Schluss nur noch eine übrig blieb, stürzten die übrigen 17 Kandidatinnen der zu Ende gegangenen Staffel auf die Bühne, um der 19-jährigen Sara aus München so wild zu gratulieren, dass man zuhause vor dem Fernseher ein bisschen Angst hatte, die könnten sich so sehr ineinander verhaken, dass die Feuerwehr kommen muss, um das Mädchenknäuel wieder zu entwirren. Es ging dann aber auch ohne fremde Hilfe. Und nebendran stand ja auch schon Pro-Sieben-Moderatorin Annemarie Warnkross, die im Anschluss an die Show die ersten Interviews für ihr Lifestyle-Magazin „red!“ führen wollte, das sonst Woche für Woche nach „Germany's Next Topmodel“ die vermeintlichen Höhepunkte der vorangegangenen zwei Stunden wiederholt.
In der Live-Version funktionierte das eher mittelprächtig - obwohl Heidi Klum gleich „exklusiv“ für ein Gespräch zur Verfügung stand, in dem die wichtigste Frage geklärt werden musste: Warum Sara? „Super Figur, super Ausstrahlung - und sie ist auch noch nett dabei“, antwortete Klum gerade heraus. Ach, das wilde Topmodel-Leben.

Immerhin musste sich Pro Sieben auf diese Weise die Feierlichkeiten mal nicht von Stefan Raab versauen lassen, der bis zum vergangenen Jahr die Aufgabe hatte, die Siegerin samt Jury nach der Show in „TV total“ zu empfangen und ein bisschen auszufragen. Seit es „red!“ gibt, spart sich der Sender das. Dabei war die Entspanntheit, mit der Raab das ganze Spektakel auf den Boden der Tatsachen zurückholte, meistens ganz angenehm. Promi-Reporterin Warnkross blamierte sich am Donnerstag stattdessen eine Dreiviertelstunde damit, in jedem Satz und jeder Frage alles an diesem Abend „sensationell“ zu finden: die Jury, die Kandidaten und das Publikum, das offenbar nicht aus der Halle gelassen wurde, bevor auch noch die letzte dämliche Befindlichkeitserkundigung zum zehnten Mal wiederholt worden war. Das passte wenigstens ganz gut zum Abend, an dem einfach alles „perfekt geklappt“ hat, „unglaublich toll“ war - oder zumindest „eine superschwere Entscheidung“.

4,61 Millionen Zuschauer

Für Pro Sieben war die Veranstaltung natürlich ein voller Erfolg: 4,61 Millionen Menschen sahen das „Topmodel“-Finale, das der Sender erstmals nicht im Fernsehstudio, sondern eben in einer großen Halle veranstaltet hatte. Das war eine gute Entscheidung, allein schon der Atmosphäre wegen: Tausende jubelnder Zuschauer und rasante Kamerafahrten über den langen Laufsteg vor einer riesigen LED-Leinwand machen einfach was her.

Dass das, was es in den fast drei Stunden bis zur Entscheidung zu sehen gab, eigentlich keiner weiteren Erwähnung bedarf, weiß jeder, der bereits in den Vorjahren ein „Topmodel“-Finale gesehen hat, weil jedes immer demselben Ablauf folgt. (Von einer Dramaturgie zu sprechen, wäre übertrieben.) Die Kandidatinnen dürfen noch einmal zeigen, was sie auf dem Laufsteg gelernt haben, nach der Hälfte der Zeit wird die erste Finalistin verabschiedet, dann gibt es ein letztes improvisiertes Fotoshooting und dazwischen massig Rückblicke mit den besten Szenen aus der zu Ende gehenden Staffel. Das ist so spannend wie eingeschlafene Füße.

Aber es geht vermutlich gar nicht anders: Im Gegensatz zu „Deutschland sucht den Superstar“ ist die Klum'sche Modelsuche nicht als Liveshow angelegt, sondern lebt bis zur letzten Woche davon, dass die Zuschauer einen möglichst unverfälschten Eindruck der Castings bekommen, die als Dokusoap zusammengeschnitten werden. Da darf jeder so plappern wie er will, kleine Missgeschicke sind nicht weiter schlimm, sondern sogar erwünscht. Im Finale gelten andere Regeln: Da muss plötzlich alles perfekt aussehen. Zumal die Entscheidung in diesem Jahr das erste Mal live übertragen wurde und nicht wie bisher einige Stunden vor der Ausstrahlung aufgezeichnet.

Heidi Klum ist also doch nur ein Mensch

Das war auch Heidi Klum anzumerken, die für ihre Moderationen so starr in die Kamera schaute als wollte sie gleich in den Teleprompter hineinklettern, ohne den das alles nicht möglich gewesen wäre. Aber was soll's, die Frau ist eben keine Moderatorin. Und einmal mitzuerleben, wie jemand, der sonst als abgebrühter Vollprofi auftritt, vor Aufregung schlottert und sich immer mal wieder verhaspelt, war geradezu beruhigend: Heidi Klum ist also doch nur ein Mensch! Und gestand: „Ich hatte manchmal keine Spucke mehr im Mund.“
Gewinnerin Sara darf sich, wie versprochen, im Spätsommer nun das erste Mal selbst auf einem Modezeitschriftentitel bewundern, das zum Ende der Show eingeblendet wurde - eingerahmt von den Geschichten „Welcher Machttyp sind Sie?“ und dem großen Special: „Was Männer Ihnen nie verraten - aber uns“. Ihren ersten Werbespot für eine Fastfoodkette hat Sara auch schon abgedreht. Wenn das mal kein toller Karrierestart ist.

Oder wie's Jurymitglied Peyman Amin kurz vor Schluss formulierte: „Wenn man Spaß hat, kommt man ganz weit hoch. Um nicht zu sagen: ganz weit nach oben.“

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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