Bread & Butter

Aschenputtels Aufstieg

Von Anke Schipp und Alfons Kaiser, Berlin

Gut geschnürt

Gut geschnürt

25. Juli 2005 Langsam setzt sich die Berliner Mode in Bewegung. Adidas zeigt seine Kollektion am Donnerstag nachmittag in einem fahrenden S-Bahn-Zug. Einmal von Jannowitzbrücke nach Charlottenburg und zurück. Vom Osten in den Westen fährt der Zug, durch den Mittelgang laufen die Models, am Rand sitzen die Zuschauer. "Nächster Haltebahnhof: Peace" steht in den Leuchtanzeigen. Die Adidas-Original-Kollektion für den Sommer 2006, die aus der Vergangenheit des Unternehmens lebt, spielt mit Ironie. Das weiße Trikot mit dem DFB-Logo trägt am Rücken die Aufschrift "Der Kaiser".

Man kombiniert's modern mit heller Lederhose. Die klassischen Trainingsanzüge kommen mit ungewöhnlichen Drucken in Fahrt. Auf einem liegt eine Frau lasziv auf einer Luftmatratze im Swimmingpool. Draußen klatscht der Regen an die Zugtüren der S-Bahn, drinnen ist es sommerlich. "Nächster Haltebahnhof: Happiness". Trainingsjacken im Farbgemisch aus Rosa, Gelb und Grün. Station Charlottenburg. Alle einsteigen, Türen schließen, zurückbleiben bitte. Zurück zur Jannowitzbrücke. Das war's. Dieser Zug endet hier.

„Strenesse Blue“

Zur Bewegung gehört Musik. Puma lädt zu einem Charity-Abend in die St.-Elisabeth-Kirche in Mitte und untermalt die Szenerie afrikanisch. Der Bundespräsident ist nicht da, er muß noch eine Rede halten, aber seine Frau ist gekommen und Berliner Prominenz von A wie Alfred Biolek bis Z wie Udo Walz. Begeistert sind die Zuschauer von Bisrat Negassi, der afrikanischen Modedesignerin im Vorprogramm. Die Puma-Schau dagegen dauert lange, zu sehen sind viele sportliche Shirts. Aber es ist für einen guten Zweck: die Kampagne "Gemeinsam für Afrika". Zur gleichen Zeit, auch in Mitte, noch ein großes Unternehmen aus der Provinz. Strenesse aus Nördlingen verspricht einen Abend unter der Stadt mit Musik und Mode. "Strenesse Blue", der jungen Zweitlinie, steht der Tunnel mit den Betonwänden gut. Die Band Monika Enterprise müht sich mit sphärischen Klängen und wehmütigem Gesang in spanischer Sprache. "Mir ist kalt", übersetzt eine Besucherin einen der vorgetragenen Verse. Nach vielen traurigen Tönen kommen die Models aus der Tiefe des Raums. Die Musik wird freundlicher, die Sommermode ist es ohnehin - mit Blumendrucken, Faltenröcken, Bermudas, Volantblusen, kurzen Blazern und hellen Farben. Schön und schlicht, gar nicht wie diese Stadt.

„Premium“-Messe

Gleich tritt Wolfgang Clement auf. Anita Bachelin und Norbert Tillmann warten am Freitag nachmittag auf der Messe "Premium" auf den Wirtschaftsminister. Clement will sich den alten Postverladebahnhof zwischen Technikmuseum und der U-Bahn-Station Gleisdreieck ansehen. Bachelin und Tillmann sind in Kaufverhandlungen mit der Post. Etwa 20 Millionen Euro wollen sie in die denkmalgeschützten Hallen von 1902 investieren. Ein Restaurant soll dauerhaft einziehen. Tagungen, Kongresse, Messen sollen außerdem Geld bringen. Vor sechs Saisons haben die beiden "Premium"-Macher mit 70 Labels begonnen, heute stellen sie 480 aus. Wolfgang Clement ist beim Rundgang beeindruckt, nicht nur vom Label "Elemente Clemente". So groß hatte er sich die Modemesse nicht vorgestellt. Im Ruhrgebiet, sagt er, sage man: "Wir tragen den Pelz nach innen." Das müsse nicht mehr so sein. Die Hauptstadt könne einen Rang als Modestadt für sich beanspruchen: "Berlin hat auf die jungen Kreativen große Anziehungskraft." Clement gibt sich locker. Als ihm ein Vintage-T-Shirt überreicht wird, sagt er: "Das ist ja kaputt!" Bei der Abfahrt setzt sich eine Frau versehentlich in seinen Wagen, weil sie annimmt, es handele sich um den Limousinen-Shuttle-Service. Als sie schnell wieder aussteigt, ruft er ihr nach, man könne sie gerne ein Stück mitnehmen.

„Sisi Wasabi“ und „Josef Leder“

Auf den drei Messen "Premium", "B-in-Berlin" und "Bread & Butter" leben auch kleine Berliner Marken auf. Frank Leder folgt der Mode seines Vaters, nennt sein Label daher dieses Mal "Josef Leder" und irritiert die Besucher mit formalen Experimenten wie einem Ledermantel im Schnitt eines Laborkittels. Carolin Sinemus und Zerlina von dem Bussche, die sich Sisi Wasabi nennen, bereichern ihre kürzer geschnittenen Armeejacken mit Lodenapplikationen, nehmen die Hauer von Keilern als Accessoires, verwenden Schnürungen wie beim Dirndl und bringen Trachten so ernsthaft in Mode, daß man es inzwischen auch bei Loden Frey in München kaufen kann. Auch die Provinz ist wieder da. Hannes Roether, Strickspezialist aus Freiburg, präsentiert zum zweitenmal seine wachsende Herrenkollektion. Anja Gockel aus Mainz zieht Frauen mit ihren opulent dekorierten Entwürfen an. Vielleicht schon im nächsten Jahr eröffnet sie ein eigenes Geschäft - aber nicht in Berlin, sondern in Dubai.

„Sai So“

Aus der Ferne kommt die Mode von Martin Brem, einem Österreicher in Berlin. Kimonos, die in Japan häufig nicht im Secondhandladen weiterverkauft werden, weil die Seele des Trägers ins Kleid übergeht, kauft er über Händler auf. Zwanzig bis dreißig Kimonos importiert er am Tag. Inzwischen hat er mehr als zehn Jahre Erfahrung. Drei Festangestellte nehmen die Stoffbahnen in seinem Berliner Atelier auseinander und verarbeiten sie zu Kleidern und Jacken. Jedes Stück ein Unikat - da kostet ein Mantel leicht 2300 Euro. Die Stoffreste gehen in die Accessoires, in Taschen, Gürtel, Schals und Nackenrollen. Seine Marke "Sai So" ("wieder zusammenfügen") hat vermutlich als erstes Modeunternehmen in Berlin einen Kredit von Banken für weitere Investitionen bekommen. Sicherheit gibt ihm der große Zuspruch. Wo er den findet? "Nicht in Berlin!" In Kuweit, bei Harrod's in London und im Geschäft des Designers Tomas Maier in Miami ist er erfolgreicher. Vorgestellt wird er auch in der aktuellen japanischen "Vogue": Denn neuerdings liefert er sogar zurück nach Nippon.

„Boss“

"Verkehrslast 500 kg/qm": Der Sicherheitshinweis an der Bühne der Deutschen Oper ist gar nicht nötig. Denn nicht Pavarotti steht am Freitag abend auf dem Programm - die dürren Models von Boss defilieren. Es ist die Schau des Jahres in Deutschland, denn auf Defilees von internationalem Rang wartet man ansonsten in Düsseldorf und Berlin vergebens. Das Metzinger Unternehmen will die ganz große Oper. Bruno Sälzer, der Vorstandsvorsitzende, sieht zufrieden aus. Die Damen der klassischen Hauptlinie "Black" hat er aus der Verlustzone geholt und nach vorne gebracht. Auch das experimentelle "Hugo" ist für beide Geschlechter da. Nun soll auch die junge Linie "Orange", bei Männern schon etabliert, für Frauen dasein. Miniröcke, Hot pants, bauchfreie Ringelshirts, verwaschener Vintage-Look: Paßt das zu Boss? Ja, meint Bruno Sälzer. Boss dürfe auch freakig, innovativ, phantasievoll, verspielt sein - wenn die Marke denn eine feste Basis habe. Für die Zukunft kündigt er an, die "Orange"-Modelle auch in fünf verschiedenen Größen für Mädchen zwischen zwei und zwölf Jahren zu liefern, also keine Kindermode "mit Bärchen drauf" zu machen, sondern schon die Kleinen ans richtige Boss zu gewöhnen. Mit so vielen Modelinien könnte man den Kunden fast überfordern. Sälzer, mehr Marken- als Modefachmann, hält daher die Welten fein getrennt: "Black" wird vor dem Essen in der Oper, "Orange" danach gezeigt. Eine Marke ist wohl so etwas wie ein Boss-Anzug: Es muß sitzen, und es muß gut aussehen.

Veranstalter Karl-Heinz Müller

Erst mit Karl-Heinz Müller ist die Mode wieder so richtig nach Berlin gekommen. Die Messe "Bread & Butter" nennt er aber nur eine "messeähnliche Veranstaltung", weil sie mit Urban-, Street- und Jeanswear vor allem ein Lebensgefühl verkaufen soll. Berlin ist ihm schon zu klein geworden. Vor zwei Wochen hat er daher in Barcelona die gleiche messeähnliche Veranstaltung abgehalten. Der Erfolg dort mit 710 Ausstellern nimmt aber Berlin mit nur noch 500 Ausstellern viel. Kamen im Januar noch 42000 Besucher ins alte Spandauer Siemens-Kabelwerk, sind es jetzt gerade einmal mehr als 25.000. Das stürmische Berliner Wachstum flacht also ab. Modemessen, sagt Müller am Samstag nachmittag, seien keine nationalen Veranstaltungen mehr, sondern müßten große Regionen abdecken. Die klassische Einteilung nach Damen und Herren sieht er verschwinden. Und statt Produktgruppen will er in Zukunft Milieus abbilden, also vielleicht eine eigene Halle für Skater einrichten. Ist Müller mit 48 Jahren noch jung genug für junge Mode? "Ja! In unserer Firma mit 65 Mitarbeitern haben die Praktikanten etwas zu sagen. Wir machen ein Trendmagazin. Wir haben Scouts, die alles in Musik, Graphik, Fotografie und Mode mitbekommen." Außerdem hat Müller zwei Söhne von 24 und 27Jahren, die schon mitredeten, als er noch einen Modeladen in Köln führte. Nur für Osteuropa bekommt er nicht das rechte Gefühl, obwohl er in Berlin sitzt. "In Moskau sieht man alles von Gucci bis Prada. Aber Urbanwear haben sie noch nicht entdeckt."

Hauptdarstellerin: Jeans

Die Jeans ist die Hauptdarstellerin der "Bread & Butter". Denim verkauft sich weiter gut. Klaus Hang, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Sportswear", deren 30.Geburtstag in Berlin gefeiert wird, meint: "Die Jeans ist heute wie das kleine Schwarze." In drei Jahrzehnten ist viel passiert mit den Hosen, die einst einfach nur blau eingefärbt waren. In den Siebzigern, als überall Jeans-Stores eröffnet wurden, begann die Metamorphose. Erst warf man Steine in die Waschmaschine für einen unregelmäßig verwaschenen Look ("stone-washed"). Dann bleichte man die Hosen mit Säure ("acid-washed") und traktierte sie mit Sandpapier und Bürsten, bis sie abgetragen aussahen - das nannte man "used" oder sogar "destroyed". Heute werden sie mit Stickereien, Kristallen, Nieten aufgeputzt. Die Premium-Jeans für mehr als 200 Euro sind die erfolgreichsten. Sie kommen aus Los Angeles, verdanken ihren Erfolg den Hollywoodstars und ihren Nachahmerinnen. In Berlin zu sehen: eine Jeans mit rundherum applizierten Kristallen für 1200 Euro. Vom nächsten Sommer an im Handel.

„Pulver“

Es war einmal in Suite Nummer 839 des Hotels Ritz-Carlton. Elisabeth Schotte, Franziska Schreiber, Therese Pfeil und Franziska Piefke, die seit zweieinhalb Jahren unter dem Namen "Pulver" in Mitte zusammenarbeiten, laden zur Märchenstunde. Sechs Gäste dürfen hinein und unter Büffelhörnern sitzen. Bis zum Samstag abend werden zwölf Aufführungen gegeben. Aschenputtel, das modeaffine Mädchen, verwandelt sich. Die Kleider sind aus mattem Seidenkrepp, aber mit vielen Details: schönen Biedermeier-Siebdrucken, Bändern mit Muschelkante, dicken Flechtungen auf der Taille, die Struktur und Volumen geben. Dazu spielen die Künstler der Gruppe Szpilman das Märchen durch mit beschriebenen Karten wie in dem Video von "Wir sind Helden". Und wie Judith Holofernes spiegeln die Pulver-Frauen das neue Berlin, das noch an sich glaubt, das alles aus der Stadt gewinnt und dafür nicht nach Istanbul oder Schanghai gehen muß. Aschenputtels Aufstieg, inszeniert in einer Suite mit Blick auf den Potsdamer Platz: Das sind die Märchen, von denen die Modestadt Berlin träumt.

Text: F.A.Z., 25.07.2005, Nr. 170 / Seite 9
Bildmaterial: dpa/dpaweb, REUTERS

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