Von Anke Schipp
31. August 2005 Die erste Frau, die im kleinen Schwarzen auf sich aufmerksam machte, war Virginie Avegno Gautreau. Die Amerikanerin heiratete im ausgehenden 19.Jahrhundert einen französischen Geschäftsmann. Das hielt sie nicht davon ab, fürderhin mit gelegentlichen Seitensprüngen in der Pariser Gesellschaft für Aufsehen zu sorgen. Die ganze Stadt tuschelte über Madame Gautreau. Ihr Ruf war bereits angeschlagen, als sie für den Maler John Singer Sargent Modell saß. Auf dem Bild "MadameX", das später weltberühmt werden sollte, trug sie ein schwarzes, tiefdekolletiertes Kleid mit diamantenbesetzten Trägern. Eine Aufmachung, die 1884 zum Skandal führte, denn Schwarz trugen damals nur Witwen, und die Kleider hatten züchtig und hochgeschlossen zu sein, wollte man nicht als gefallenes Mädchen gelten. Das Bild wurde aus der Ausstellung entfernt, und der Ruf von Madame Gautreau war endgültig ruiniert.
Nach diesem bemerkenswerten Start dauerte es noch eine Weile, bis das kleine Schwarze tatsächlich auf dem Modeparkett heimisch wurde. Aber schon damals zeigte sich, was das Geheimnis des schlicht geschnittenen Kleids ohne Muster und Verzierung ist: Es ist einfach, fast androgyn und ausdruckslos, steht aber gleichzeitig durch seine Farbe für Sinnlichkeit. Mit dieser spannungsvollen Kombination entstand ein neuer Frauentyp, der nicht die Femme fatale spielte, sondern eher eine unterkühlte Erotik ausstrahlte.
Schwarz galt für Witwen oder verheiratete Frauen
Diese Aura ist es, die das Kleid bis heute interessant macht. Es hat zwar mal mehr und mal weniger Beachtung gefunden, aber letztlich alle Moden überlebt. In diesem Herbst jedoch, der modisch sehr dunkel und geheimnisvoll sein wird, hat das kleine Schwarze seinen großen Auftritt.
Es ist eines der Kleidungsstücke, die die moderne Zeitrechnung in der Mode eingeleitet haben, denn es war der Gegenentwurf zu den schweren, unbequemen Roben, die noch zu Beginn des 20.Jahrhunderts getragen wurden. Noch vor dem Ersten Weltkrieg galt schwarze Kleidung für eine junge Frau als unschicklich, weil es ihr eine Aura von Erfahrung gab, die sie besser nicht haben sollte, wie Amy Holman Edelman in ihrem Buch "Das kleine Schwarze" schreibt. Schwarz war Angelegenheit von Witwen oder verheirateten Frauen, die schon sexuelle Begegnungen hinter sich hatten. Junge Frauen sollten deshalb am besten Weiß, die Farbe der Unschuld, tragen. Nach dem Ersten Weltkrieg gestand man den Frauen mehr Freiheiten zu: Die Kleider wurden bequemer, die Röcke kürzer, und die Korsette verschwanden.
Im kleinen Schwarzen zum Frühstück bei Tiffany
So wurde der Siegeszug des kleinen Schwarzen erst möglich. Er begann 1926, als eine Zeichnung der französischen Modedesignerin Coco Chanel in der amerikanischen "Vogue" abgedruckt wurde: ein knielanges, schlichtes, untailliertes Kleid in der Farbe Schwarz. Die "Vogue" prophezeite damals ganz richtig, daß das Kleid eine Uniform für alle Frauen mit Geschmack werden würde, und verglich es mit einem Auto der Marke Ford, denn es war schnittig und für die breite Masse gedacht.
Seinen größten Auftritt hatte das Kleid in den fünfziger Jahren. Den hätte es nicht gegeben, wenn Truman Capote in seinem Roman "Frühstück bei Tiffany" nicht eine bestimmte Frau vor Augen gehabt hätte: "Es war ein warmer Abend, fast schon Sommer, und sie trug ein schmales, schlichtes, schwarzes Kleid, schwarze Sandalen, eine halsenge Perlenkette. Sie war nie ohne eine dunkle Brille unterwegs, sie war stets untadelig angezogen, es lag unweigerlich ein guter Geschmack in der Schlichtheit ihrer Kleidung, was dafür ihr selbst so viel Glanz verlieh." Eigentlich sollte Marilyn Monroe diese Rolle in der gleichnamigen Verfilmung spielen, aber es war die Zweitbesetzung Audrey Hepburn, die es schaffte, in einem ärmellosen schlichten Kleid von Hubert de Givenchy Modegeschichte zu schreiben und den Mythos des Little Black Dress, wie es in Amerika heißt, zu begründen.
Schwarz kann man zu (fast) jedem Anlaß tragen
Seitdem gehört es in den Kleiderschrank jeder Frau. "Man kann Schwarz tragen zu jeder Tages- und Nachtzeit, in jedem Alter und zu jedem Anlaß", sagte Christian Dior, der das kleine Schwarze mühelos in seinen "New Look" integrierte. Tatsächlich übersteht man mit ihm jede gefährliche Gratwanderung zwischen "overdressed" und "underdressed". Außer bei einem Ball und einer Beerdigung ist man fast immer richtig angezogen: Es trägt sich gut zur Cocktailparty, zum Sektempfang, zur Hochzeit und zum abendlichen Geschäftsessen. Gerade dort paßt es dank seiner Schnörkellosigkeit. Donna Karan war es, die Anfang der neunziger Jahre für die amerikanische Business-Frau eine sachliche Version des ursprünglich sehr französischen Kleidungsstücks schuf. Mit ihren schwarzen Jersey-Kleidern machte sie sich die Analysen von Farbpsychologen zunutze, die erkannt hatten: Schwarz steht auch für Macht und Ehrgeiz.
In diesem Herbst mögen die Designer weniger an eine kühl berechnende Geschäftsfrau gedacht haben. Sie legen den Schwerpunkt auf die mysteriöse Seite des Little Black Dress und machen sich die Stoffe und Schnitte der Saison zunutze. Karl Lagerfeld interpretiert für Chanel mit viel Tüll den Klassiker im leicht morbiden "Gothic"- Stil, bei Prada zeigt er sich in durchsichtigem Chiffon, ohne vulgär zu wirken, und Loewe bläht ihn zum Ballonrock auf. Es sind allesamt leicht veränderte Versionen des Ursprungsmodells aus den zwanziger Jahren. Aber der Kern bleibt bestehen: Es ist klein, schwarz und stark, wie ein Espresso ohne Zucker. Und der kommt auch nie aus der Mode.
Buchtip: Das kleine Schwarze von Amy Holman Edelman; erschienen 2000 bei dtv; 12,50 Euro.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.08.2005, Nr. 34 / Seite 53
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