Berliner Fashion Week

Schwarz-Weiß-Stil im Roten Rathaus

Von Alfons Kaiser und Judith Lembke, Berlin

Passend zum Rathaus: eine rote Kollektion von Michael Michalsky

Passend zum Rathaus: eine rote Kollektion von Michael Michalsky

29. Januar 2007 Schon am ersten Abend standen all die Nachrichten des langen Berliner Modewochenendes leibhaftig zusammen. Designer Michael Michalsky ließ sich im Roten Rathaus nach seiner ersten Modenschau unter eigenem Namen feiern. Wolfgang Joop, der zum Gratulieren gekommen war, konnte verkünden, dass er neue Gesellschafter für seine Modemarke Wunderkind gewonnen hat. Und Fern Mallis von der Sport- und Entertainmentagentur IMG war aus New York angereist, um den Start einer Berliner Modewoche im Juli zu verkünden. Zum Einordnen der Nachrichten bedurfte es nur noch des Bürgermeisters: Klaus Wowereit freute sich über die Bewegung in der Berliner Mode. Die Zukunft der Stadt liege im Kreativen.

Die Bühne für diese Zukunft hatte der Hausherr jedenfalls schon einmal zur Verfügung gestellt. Der Große Saal des Rathauses - zu DDR-Zeiten tagte hier die Stadtverordnetenversammlung - war zum Laufsteg geworden. Unter den strengen Augen Bismarcks, der auf dem Gemälde „Der Berliner Kongress von 1878“ des Hofmalers Anton von Werner den Berliner Frieden besiegelt, zeigte Michalsky, früher bei Adidas, nun mit einem Atelier in Berlin selbständig, seine - nein, nicht Hip-Hop-, Club- und Sportswear. Der Designer, ganz Neu-Berliner, besann sich auf das Berlin der Zwanziger, auf einen reduzierten Schwarz-Weiß-Stil mit Blow-Up-Hahnentritt-Blousons für die Männer, robusten Wolljacken für die Frauen, tragbaren Anzüge für alle - und mit Ausflügen in couturehafte Perlen-Abendkleider. „Helmut Sander“, sagte der aus Paris angereiste Modekenner Godfrey Deeny ironisch.

Wenige Farben und Effekte

Nicht nur die klare Anmutung Jil Sanders und das avantgardistische Tailoring Helmut Langs war in den Entwürfen zu erkennen, die mit wenigen Farben (Koralle) und wenigen Effekten (Puffärmelchen am Lederkleid) aufgebauscht waren: Einige der schwarzen und anthrazitfarbenen Jacken und Mäntel erinnerten auch an die robuste und stilvolle Kluft der Figuren auf den Fotos August Sanders.

Die klassisch-deutsche Reduktion kam auch beim internationalen Publikum an. Sung-Joo Kim, die Modemanagerin, die das alte Münchner Label MCM mit Michalkys Designerhilfe aufbaut und allein in Südkorea schon einen Umsatz von 100 Milionen Dollar verzeichnet, spricht vom kommenden praktischen Luxus: „Wenn Luxus und Funktion zusammenkommen, sind Frauen keine Sklavinnen mehr.“ Dirk Schönberger, der frisch aus Antwerpen nach Berlin umgezogen ist und nun für „Joop!“ entwirft, sagt, ein solcher Auftritt helfe auch allen folgenden jungen Designern. Giovanna Battaglia, früher Muse von Dolce und Gabbana, für diesen Abend Michalsky-Stylistin, meint, das Einfachste sei am schwierigsten. Und Modeexperte Klaus Wowereit scheint überrascht, in seiner Stadt zur Abwechslung auch eine gar nicht so abgedrehte Linie zu beherbergen. „Das kann man sogar selbst tragen“, sagte er nach der Schau, bevor er zum Dinner im Atelier des Designers an der Charlottenstraße schritt.

Andere Quellen der Inspiration

Die folgenden Tage zeigten dann bis zum Sonntag, dass die Berliner Designer nicht allein aus der Tragbarkeit ihre Existenzberechtigung beziehen. Manche bedienen sich ganz anderer Quellen der Inspiration. Auf die Frage, wer Pate für ihre Kollektion stand, antwortet die Designerin Leyla Piedayesh von Lala Berlin zum Beispiel ganz locker: „Usama Bin Ladin“. Er habe „einen coolen Style“. Sie liebe die Kombination aus Kaftan und Turban, sagt Piedayesh, während ihr die Pressesprecherin verzweifelte Blicke zuwirft. Für die ehemalige Musikredakteurin sind Politik und Mode zwei verschiedene Welten. So will sie auch den von ihr entworfenen Palästinenser-Schal aus Kaschmir, das wohl am häufigsten gesichtete Accessoire des Mode-Wochenendes, nicht als politische Aussage verstanden wissen. Ihr habe einfach das Muster gefallen.

Ebenso eigenwillig wie ihre Winterkollektion, die Pumphosen aus grauem Flanell mit Sweatshirts in orientalischen Mustern kombiniert, ist der Werdegang der Berlinerin iranischer Herkunft. Als sie vor vier Jahren arbeitslos wurde, begann sie zu stricken, „um mich selbst zu beschäftigen“. Die Pulswärmer, die sie zunächst an Freunde verschenkte, fanden auch in Geschäften Anklang. Im Jahr 2004 präsentierte Piedayesh eine erste Kollektion von Schals und Mützen auf der Modemesse Premium und gewann sofort Kunden bis in New York und Tokio. Ihre internationale Bekanntheit verdankt sie jedoch einem Paparazzo, der Claudia Schiffer in einem blockgestreiften Oversize-Wollpulli von Lala Berlin ablichtete. „Auf einmal wollten alle diesen Pulli. Was dieses Foto bewirkt hat, hätte keine Werbung geschafft.“ Piedayesh sieht ihren Erfolg so gelassen wie das Verhältnis von Mode und Politik: „Ich freue mich über den Erfolg, aber wenn es Lala morgen nicht mehr gibt, geht meine Welt auch nicht unter.“

Mit Fotos bedruckte T-Shirts und Taschen

Auf der Suche nach ihrer Heimat schienen viele der jungen Berliner Designer zu sein, die ihre neuen Kollektionen auf der Premium ausgestellt haben. „Volksmarke“ zum Beispiel spiegelt den Blick der Designerin Louisella Ströbele auf Deutschland und Berlin. Die mit Fotos bedruckten T-Shirts und Taschen zeigen Momentaufnahmen, die für die Stadt und ihr Lebensgefühl stehen. So zeigt ein Motiv ein Hinterhaus am Hackeschen Markt, das lebendig ist und trotzdem langsam verfällt. Vor allem während ihrer Zeit in Amsterdam und New York habe sie sich mit ihrer deutschen Herkunft auseinandergesetzt, sagt Ströbele. Wobei die Beziehung zwischen Designerin und Land nicht immer ganz einfach zu sein scheint: Ein Motiv zeigt ein brennendes Auto, ein anderes hat die Designerin zerschnitten und wieder zusammengefügt. Das Motto von Volksmarke sieht's positiver: „Ich bin ein Berliner“ steht auf T-Shirts und Taschen, die vor allem an Touristen und Zugereiste verkauft werden und damit im Einklang mit der Tradition dieses Satzes stehen.

Dass die Beschäftigung mit der eigenen Herkunft nicht unbedingt bedeutungsschwer sein muss, beweisen die Designer von Lucid 21, die ebenfalls im Rahmen der Designplattform „Berlinomat“ auf der Premium ausstellen. Die Kollektion der Designer Esther Melhorn und Luis Gunsch sind stoffgewordene Kindheitserinnerungen. Auf Bügeln hängen ironisierte Versionen von Muttis feiner Schlupfenbluse, ihrer bedruckten Küchenschürze sowie einer erwachsenen Version des eigenen Spielanzuges. „Die Kleidung soll kuschelig sein und ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln“, sagt Gunsch. Das Bedürfnis nach der neuen Spießigkeit scheint sich also wirklich durchgesetzt zu haben. Den entpolitisierten Kaschmir-Palästinenserschal hätte wohl nicht einmal Gunschs Schürzen-Hausfrau als Rebellion empfunden.

„Berlin Fashion Week“ im Sommer

Wie viele von all den Marken die „Berlin Fashion Week“ sehen werden, die erstmals vom 12. bis zum 15. Juli stattfinden wird? Fern Mallis, die für IMG auch die Modewoche in New York organisiert, ist jedenfalls zuversichtlich - und verpflichtet sich gleich auf mehrere Saisons für Berlin. Am Pariser Platz, direkt vor dem Brandenburger Tor, wird ein Zelt aufgebaut, in dem internationale Designer ihre Kollektionen präsentieren. 600 Zuschauer können dann die „Mercedes-Benz Fashion Week“ verfolgen - die so etwas wie ein Ersatz für die fast vollständig nach Barcelona abgewanderte Sports- und Jeanswear-Messe Bread & Butter werden könnte und von der Stadt mit einer halbe Million Euro gefördert werden soll. Nach Jahren des Wartens und Lamentierens und Arbeitens kommt Berlin dann endlich in der internationalen Mode an.

Bislang war nämlich nicht viel von modischem Anspruch zu entdecken, der über die Stadtgrenzen hinausginge. Da nun Labels wie Sisi Wasabi, Kaviar Gauche, Pulver oder von Wedel & Tiedeken größere Verbreitung finden, da Designer wie Kostas Murkudis, Frank Leder, Dirk Schönberger und Michael Michalsky nach Berlin gezogen sind, könnte sich der hausgemachte Provinzialismus ins Internationale drehen. Übervater dafür bleibt Wolfgang Joop. Er hat für die Wunderkind GmbH & Co. KG mit Sitz in Potsdam Hans-Joachim und Gisa Sander als neue Gesellschafter gewinnen können. Die Wella-Erbin und der Kunstsammler wollen durch erhebliche Investitionen die Internationalisierung des Unternehmens vorantreiben. Der Wunderkind-Store am Gendarmenmarkt ist schon eröffnet, weitere Läden sollen folgen. In vier Wochen wird Joop beim Prêt-à-porter in Paris seine Herbst-Winter-Kollektion zeigen. Warum sollte er nicht im Juli in Berlin seine Frühjahr-Sommer-Ideen verbreiten? Michael Michalsky wird auch dabei sein. Am Samstag war er allerdings zunächst einmal auf dem Weg nach Los Angeles: „Vintage-Shopping“. Passt auch ganz gut zu Berlin.

Text: F.A.Z., 29.01.2007, Nr. 24 / Seite 9
Bildmaterial: ddp, dpa, F.A.Z. / Thiel

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