09. Februar 2008 Warum vertrauen wir einander? Die simple Antwort lautet: Weil das Leben dadurch einfacher wird. Wer nicht vertraut, kann nur im Bett liegen bleiben, sagt der Kölner Max-Planck-Forscher Guido Möllering. Und selbst dann muss er darauf vertrauen, dass die Decke nicht gleich einstürzt. Eine Vorliebe fürs Vertrauen ist also irgendwie vernünftig, um passabel durchs Leben zu kommen.
Was passiert, wenn Vertrauen zusammenstürzt, ließ sich in den vergangenen Monaten an den Finanzmärkten beobachten. Erst wurden amerikanische Banken ihre Kreditrisiken nicht mehr los, weil Zweifel an der Bonität der Schuldner aufkam. Dann haben die Banken rund um die Welt aufgehört, sich untereinander Geld zu leihen, weil sie plötzlich nicht mehr sicher waren, ob sie es je wieder verzinst zurückbekommen werden. Schließlich flüchteten die Anleger aus ihren Aktien, weil ihnen angesichts zunehmender Rezessionsgefahren der Glaube an steigende Kurse abhandengekommen war.
Das Vertrauen ist das ganze Kapital der Banken
Die Welt erlebt gerade in großer Beschleunigung eine Kaskade von Vertrauenszusammenbrüchen, ohne dass sich in der Zwischenzeit in der realen Wirtschaft irgendetwas geändert hätte: Bei Daimler laufen immer noch die Bänder, bei Google brummen die Werbeeinnahmen, und in Asien wurde die Wachstumsmaschine keine Sekunde angehalten. Scheinbar wie aus heiterem Himmel ist uns das Vertrauen in das Funktionieren der Märkte weggerutscht.
Für die Banken ist das besonders dramatisch. Denn Vertrauen ist ihr ganzes Kapital. Bricht den Banken das Vertrauen weg, haben die Kunden keinen Grund, ihnen ihr Geld zu überlassen. Dann stünde die Bank nackt da und müsste das Geschäft schließen.
Was ist eigentlich Vertrauen?
Umso dringlicher stellt sich die Frage: Was eigentlich ist Vertrauen? So viel steht fest: Märkte und Gesellschaften sind auf Vertrauen angewiesen, um zu funktionieren. Aber Vertrauen selbst ist kein Gut, das es in Fabriken zu kaufen oder von Beratern als Dienstleistung zu beziehen gibt (auch wenn immer wieder Scharlatane auftauchen, die dies behaupten). Diese eigenartige ökonomische Struktur der Ressource Vertrauen hat als Erster der Ökonomienobelpreisträger Kenneth Arrow beschrieben: Vertrauen ist das wichtigste Schmiermittel eines sozialen Systems. Es ist extrem effizient, es spart viele Probleme und bietet ein faires Maß der Verlässlichkeit auf das Wort anderer Menschen.
Vertrauen und vergleichbare Dinge wie Loyalität und die Wahrheit sagen sind Beispiele für das, was die Ökonomen Externalitäten nennen. Sie haben einen realen und praktischen ökonomischen Nutzen, erhöhen die Effizienz und tragen dazu bei, dass die Menschen mehr Güter produzieren können. Aber Vertrauen ist keine Rohstoff, für den ein Handel auf dem offenen Markt möglich oder nur sinnvoll wäre, meint Ökonom Arrow.
Wer mit dem Vertrauen anfängt macht sich verletzlich
Das hat, wie alles im Leben, seinen Preis. Denn Vertrauen impliziert zwingend eine riskante Vorleistung (Niklas Luhmann), verbunden mit der Hoffnung auf Gegenleistung. Ob der andere das ihm von mir entgegengebrachte Vertrauen erwidert, ist ungewiss. Gerade deshalb macht jedermann sich verletzlich, der von sich aus mit dem Vertrauen anfängt. Das Risiko der Enttäuschung lässt sich nicht vertreiben. Es bleibt die Unsicherheit und die Angst, getäuscht und hintergangen zu werden.
Vertrauen ist ein Mechanismus zur Stabilisierung unsicherer Erwartungen. Es gestaltet Risiken - wie eine Versicherung, freilich ohne jenes Entschädigungsversprechen im Unglücksfall, welches die Versicherung per Vertrag ihren Kunden einräumt. Vertrauen kann niemand erzwingen. Ökonomische Anreize zur Erwiderung von Vertrauen sind schwer vorstellbar.
Vertrauen erzeugt Vertrauen
Wird das Entgegenkommen aber erwidert, zahlt sich das aus. Denn dadurch minimiert sich mit jeder Wiederholung das Risiko der Vorleistung ein klein wenig. Wer das erste Mal nicht enttäuscht wurde, darf begründet hoffen, dass es das nächste Mal auch gutgeht. Trust breeds trust (Vertrauen erzeugt Vertrauen). Oder auf gut Kölsch: Et hätt noch immer jot jegange.
Vertrauen verbessert die Effizienz, weil es Transaktionskosten reduziert. In einer vertrauensvollen Umgebung erhöhen sich die Erträge des Wirtschaftens, da wenige Kosten für dessen Ermöglichung anfallen. Kontrolle wäre teurer. Weil Vertrauen seinen Verpflichtungscharakter in die Zukunft entwirft, sichert es den Marktteilnehmern stabile Beziehungen über einen gewissen Zeitverlauf. Nur dann werden sie es wagen, zu sparen und zu investieren. Denn nur dann können sie darauf setzen, dass sie nicht hintergangen werden. Kapital und Arbeit reichen nicht aus, um Märkte am Laufen zu halten. Es braucht auch ein großes Maß an Vertrauen.
Fremde wecken Misstrauen
In einer bekannten Umgebung wächst die Chance des Vertrauens. Anonymität schwächt es. Besonders eindrucksvoll ist, dass im Diamantenhandel in Midtown-Manhattan bis heute die wertvollen Steine unkontrolliert von Hand zu Hand gehen, weil das Vertrauen innerhalb der Gruppe orthodox-jüdischer Händler eine solche Prüfung nicht nötig hat. Jegliche Täuschung würde auf der Stelle sanktioniert. Diesem Risiko will sich keiner aussetzen.
Gute Kenntnis von Personen ist deshalb in der Regel vertrauensfördernd. Fremde dagegen wecken Misstrauen. Deshalb kann in kleinen Gruppen leichter Vertrauen entstehen als in großen Gruppen. Die Zugehörigkeit zur gleichen Gruppe - Familie, ethnische Gruppe, Nation, Religion, Verein - wird, zumal in der Fremde, die persönliche Bekanntschaft als Basis des Vertrauens ersetzen. In der Fernbeziehung wird das Vertrauen schon schwieriger.
Reputation ist ein wesentlicher Indikator
Doch ist den Menschen im Lauf ihrer Geschichte einiges eingefallen, um die Fernhindernisse zu beseitigen und Misstrauen und Täuschungsgefahren einzudämmen. Dem virtuellen Auktionshaus Ebay gebührt das Verdienst, ein Bewertungsverfahren zur Fernherstellung von Transparenz entworfen zu haben, welches Vertrauen auch in virtueller Distanz zu stabilisieren vermag: Reputation der Marktteilnehmer ist ein wesentlicher Indikator von Vertrauenswürdigkeit. Das bewertende Erfahrungswissen früherer Auktionsteilnehmer erhöht die Vertrauenswürdigkeit von Käufern und Verkäufern. Facebook, Xing oder StudiVZ, die neuen Internetcommunities, verstehen es vorzüglich, Verfahren zur Umwandlung von Anonymität in Vertrautheit anzubieten: Es sind Kontaktmaschinen zur Vertrauensbildung in Zeiten des Internets.
Was passiert, wenn Vertrauen in einer Gesellschaft nicht vorausgesetzt werden kann, und warum es zugleich gut ist, dass es Vertrauen nicht auf Märkten zu kaufen gibt, lässt sich an der Mafia in Italien studieren. Die Mafia nämlich ist ein Unternehmen, welches Vertrauen als privates Gut anbietet (und die Nachfrage nach diesem Gut durch Schutzgelderpressung sanft zu unterstützen versteht). Das mafiose Unternehmen kann so lange auf rege Nachfrage rechnen, als ein fundamentales Misstrauen in der Gesellschaft herrscht und konkurrierende Schutzanbieter (Polizei oder Gerichtsbarkeit) unsichtbar oder schwach bleiben.
Aus einer mafiosen Gesellschaft entsteht ein kollektives Desaster
Dass es zu einer solchen mafiafreundlichen Misstrauenswelt kommen konnte, hat historische Gründe: Jahrhundertelange Fremdherrschaft vermittelte den Eindruck, weder der Obrigkeit noch anderen Wirtschaftsakteuren sei zu trauen. Weil Vertrauen als gesellschaftliche Ressource fehlt, ist es rational, wenn die Menschen Schutz bei dafür spezialisierten Familienunternehmen kaufen. Die Folgen sind katastrophal: Die Mafia schafft sich ihre Gebietsmonopole und beherrscht die wichtigsten Branchen. Anstelle des Wettbewerbs dominieren Einschüchterung und die Reputation der Familie.
Das aus einer mafiosen Gesellschaft entstehende kollektive Desaster ist dramatisch: hohe Kriminalitätsraten, hohe Transaktionskosten, aufgrund fehlenden Wettbewerbs geringe Anreize zu technischer Innovation (mit Ausnahme von Waffen und Methoden des Bandenkriegs), Migration des besten Humankapitals, hohe Betrugsraten, schlechte Qualität der Waren und Dienstleistungen. Mit anderen Worten: Eine Welt, der das Vertrauen abhandenkommt und in welcher persönlicher Schutz als privates Gut angeboten werden muss, erleidet erhebliche Wohlstandsverluste.
Rational wird es erst im Nachhinein
Sollte Vertrauen derart lebenswichtig sein, stellt sich umso dringlicher die Frage: Wie entsteht es? Und wie kann es wiederaufgebaut werden, wenn es erst einmal zusammengebrochen ist? Wer macht den ersten Schritt?
Denken wir an Robinson Crusoe auf seiner Insel. Sein Leben ist, wie wir wissen, ziemlich unsicher und riskant. Solange Robinson allein ist, braucht es noch kein Vertrauen. Erst als er Freitag trifft, muss er sich entscheiden. Doch das klassische Instrumentarium zur Vertrauensprüfung - welche Vorleistung will Robinson riskieren und wie vertrauenswürdig ist Freitag? - fallen hier aus. Dass Robinson nicht gerade risikoavers veranlagt ist, wissen wir, seit er sich gegen den ausdrücklichen Wunsch des Vaters auf See davongemacht hat.
Aber Freitag? Von ihm wissen wir gar nichts. Wir wissen nicht, nach welchen Regeln er, ein Wilder, sein Spiel spielt. Und wir wissen nicht, wie er mit Unsicherheit umgeht. Er könnte leben nach der Devise Töten oder getötet werden. Er könnte aber auch handeln nach dem Grundsatz Leben und leben lassen. Erst als beide miteinander vertraut werden, stellt sich heraus, dass der Wilde zur Kooperation bereit ist. Und im Maße der Vertrautheit wird beiden jeder neue Kooperationsgewinn zum Beweis gereichen, dass Vertrauen sich auszahlt. Dass es aber gut ausgeht, kann man vorher nicht wissen. Und rational wird es erst im Nachhinein.
Spring doch einfach
Aber wie kommt man ins Vertrauen hinein, wenn es dafür keine rationalen Gründe gibt? Spring doch einfach, lautet die Devise des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard. Just do it, heißt salopp der Slogan des Turnschuhherstellers Nike. Tatsächlich kommt die Rekonstruktion des Vertrauens ohne dieses existentialistische, man könnte auch sagen irrationale, Moment schwerlich aus. Denn Verletzlichkeit und Unsicherheit, die das Vertrauen konstituieren, lassen sich nicht austreiben. Sie lassen sich nur überspringen. William James, der Begründer des philosophischen Pragmatismus, nennt das den Willen zum Glauben (Will to Believe). Wer den Sprung wagt, so die existentialistische Terminologie (oder gar Theologie?), wird erfahren, dass das Vertrauen erwidert wird. Dass es sich bewährt, wird erst dem bewusst, der es wagt. Erst im Vertrauen lässt sich Vertrauen herstellen. Es setzt das, was es ausmacht, bereits voraus.
Hier zeigt sich die fragile Situation, in welcher sich die Weltwirtschaft und das Finanzsystem derzeit befinden. Denn zur Rückeroberung von Vertrauen, Voraussetzung von Wachstum und Wohlstand, gibt es keinen Masterplan. Ob die Anschubhilfen der Notenbanken funktionieren, ist zweifelhaft. Denn zum Vertrauen fassen lässt sich nicht per Appell blasen, weder durch die Notenbanken und schon gar nicht durch eine notorisch planwirtschaftlich eingestellte Politik.
Transparez, ein leeres Wieselwort
Fast hilflos mutet es an, wenn jetzt allenthalben Transparenz, ein leeres Wieselwort, gefordert und die Illusion genährt wird, Frühwarnsysteme an den Kapitalmärkten könnten künftig das Vertrauen zur risikolosen Dauerinstitution machen. Dieselben wortgleichen Rituale gab es schon vor zehn Jahren als Reflex der Asien-Krise. Es mag sein, dass solche Beschwörungsformeln von Ökonomen, Politikern oder Bankern symbolisch und rituell einem künftigen Vertrauen den Boden bereiten. Aber Vertrauen lässt sich auf diesem Weg nicht zurückgewinnen.
Schlimmer noch handeln freilich jene, die Vertrauen jetzt durch Regulierung ersetzen wollen - im vermeintlichen Vertrauen auf das Sprichwort, wonach Kontrolle allemal die bessere Strategie sei. Eine solche Strategie brächte zugleich ein Kosten-, ein Wissens- und ein Logikproblem mit sich: (1) Die hohen Kosten der Kontrollsysteme müssten das Wachstum dämpfen. Denn Vertrauen ist im Vergleich zu kontrollierender Regulierung eine billige Ressource. (2) Woher weiß der Kontrolleur, ob er an der richtigen Stelle kontrolliert? Es könnte sein, dass er die Schleichwege der Scharlatane und Schwindler übersieht. (3) Die Kontrolleure müssten selbst wieder überwacht werden. Sonst hat das System eine empfindliche Lücke. Wenn wir dauerhaft den Akteuren an den Finanzmärkten misstrauen, gibt es auch keinen logisch zwingenden Grund (schon gar nicht die demokratische Legitimation), den Kontrolleuren zu vertrauen.
Es bleibt dabei: Ins Vertrauen kommt man nur durch Vertrauen. Einer muss wieder anfangen (Aktien handeln, Geld verleihen, Firmen kaufen, Banken gründen). Wird das Vertrauen erwidert, kommt der ganze Prozess in Schwung. Und bald schon läuft die Finanzwelt wie geschmiert. So lange, bis das nächste Mal wieder einer misstrauisch geworden ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.02.2008, Nr. 5 / Seite 48
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Bettelei ist schließlich kein Verbrechen
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