22. Mai 2006 Das jüngste Werk Elinor Ostroms von der Indiana University, Bloomington, reiht sich ein in die lange Folge ihrer Schriften. Ostroms langjähriges Hauptarbeitsgebiet ist die Analyse von Problemen bei der Nutzung von "Common Pool Resources" oder Allmendegütern wie beispielsweise gemeinschaftlich genutzten Fischgründen, Grundwasservorkommen, Weiden oder Waldgebieten. Die Autorin, obwohl Politikwissenschaftlerin, gehört zu den international führenden Forschern im aufstrebenden Zweig der Institutionenökonomik.
In der ökonomischen Theorie stehen Allmendegüter in gewisser Weise zwischen den sogenannten öffentlichen Gütern und den rein privaten Gütern. Mit ersteren haben sie gemeinsam, daß es unmöglich oder zumindest sehr schwierig ist, einzelne Individuen von ihrer Nutzung auszuschließen. Zugleich besteht allerdings wie bei privaten Gütern Rivalität im Konsum, das heißt, der Ressourcenverbrauch eines Individuums beschränkt die Konsummöglichkeiten der anderen. Aus dieser Konstellation erwächst das grundsätzliche Problem, daß unkoordiniertes eigeninteressiertes Handeln der Individuen unweigerlich zur übermäßigen Nutzung der Ressource führt. Dies wird auch als die "Tragik der Allmende" bezeichnet.
Elinor Ostrom untersucht auf der theoretischen Ebene, in Experimenten und in empirischer Feldforschung die Möglichkeiten, wie Individuen diesem Problem durch Selbstorganisation und Selbstverwaltung dezentral entgehen können. Dabei kooperiert sie mit Forschern aus verschiedenen Disziplinen wie Politikwissenschaft, Ökonomie, Psychologie und Anthropologie oder nimmt deren Erkenntnisse in ihre Arbeiten auf. Einen Zwischenstand ihrer Forschungen hatte Ostrom bereits mit dem Buch "Governing the Commons" von 1990 vorgelegt, das dann 1999 in deutscher Übersetzung mit dem treffenden Titel "Die Verfassung der Allmende: Jenseits von Markt und Staat" erschien.
In ihrem neuen Werk wird nun insbesondere der theoretische Bezugsrahmen weiter ausdifferenziert, den die Wissenschaftlerin als "Institutional Analysis and Development Framework" bezeichnet. Institutionen werden dabei sehr breit verstanden als jene Regelmäßigkeiten, anhand derer Menschen ihr Zusammenleben organisieren und strukturieren - keineswegs nur bei der Nutzung natürlicher Ressourcen, sondern auch in familiären Zusammenhängen oder auf Gütermärkten. Im Grunde genommen geht es um nicht weniger als um eine universelle Theorie, mit der menschliches Verhalten in den verschiedensten Kontexten erklärt, verstanden und möglicherweise sogar vorhergesagt werden kann. Die Überwindung komplexer sozialer Dilemma-Situationen bei der Nutzung von Allmendegütern stellt dafür nur noch ein, wenn auch zentrales Anwendungsgebiet dar. Entscheidend ist vielmehr die Möglichkeit der Erfassung von sozialen Interaktionen in ihrer ganzen Vielfalt.
Dazu ist wiederum der Rückgriff auf eine Vielzahl theoretischer Ansätze notwendig. Das in der Ökonomie verbreitete Rational-Choice-Modell des wohlinformierten, eigeninteressierten Nutzenmaximierers stellt für Ostrom lediglich den Extremtyp eines Handlungsmodells dar, der sich für die Analyse des Verhaltens auf wettbewerblichen Märkten mit vertrauten, sich wiederholenden Handlungssituationen eignet. Je nach Zusammenhang können Modelle adaptiven Verhaltens und eingeschränkter Rationalität besser geeignet sein. Ebenso gebe es eine Vielzahl potentiell relevanter Handlungsmaximen wie bedingte Kooperation, Vertrauen, Reziprozität, Gerechtigkeit, (prozedurale) Fairness oder ein gewisses Maß an Altruismus. Macht schon allein diese Vielfalt die Analyse kompliziert, so kommt noch erschwerend hinzu, daß sogar ein und derselbe Akteur je nach Kontext verschieden handeln kann. So kann der Betreffende beispielsweise im Beruf ein rein von äußeren Anreizen gesteuerter, rationaler Entscheider sein und sich gleichzeitig nach Feierabend altruistisch in Vereinen oder seiner Nachbarschaft engagieren.
Man ahnt, welche Probleme aus dieser Vielfalt und Variabilität für die konkrete Forschung und die Ableitung von praktischen Handlungsempfehlungen erwachsen, um die es auch Ostrom letztlich immer geht. Das stört die Autorin indes wenig - im Gegenteil: Ihr Anliegen ist es, auf die Vielfalt menschlicher Interaktionen und auf die zahlreichen, älteren ebenso wie neueren Erkenntnisse dazu aus der Psychologie, der experimentellen Wirtschaftsforschung und anderen Bereichen hinzuweisen. Das gelingt ihr im großen und ganzen auch gut, was sich nicht zuletzt in der Fülle an Forschungsarbeiten zeigt, die sie aufgenommen hat.
Trotzdem oder vielmehr gerade deswegen scheint das Ziel einer allgemeinen Theorie eher in weitere Ferne gerückt zu sein. Insgesamt ergeben sich mehr offene Fragen als gesicherte Erkenntnisse. So bleiben die Kriterien für die Auswahl des Handlungsmodells für eine konkrete Anwendungssituation unklar. Dasselbe gilt für das Verhältnis zwischen dem Verstehen der handelnden Akteure und der Vorhersage konkreter Interaktionsergebnisse als Zielen der angestrebten Theorie. Sinnvollerweise wird man wohl nicht beides gleichzeitig erwarten können. Im Ergebnis ist damit Elinor Ostrom zuzustimmen, die selbst sagt, das Buch sei als Fortschrittsbericht eines sehr langfristigen Projekts zu verstehen. Hinzuzufügen ist lediglich, daß zwar erste vielversprechende Ansätze vorhanden sind - daß der Weg aber noch weit ist.
ARNDT CHRISTIANSEN.
Elinor Ostrom: Understanding Institutional Diversity. Princeton University Press, Princeton 2005, 376 Seiten, 27,95 Dollar.
Buchtitel: Understanding Institutional Diversity
Buchautor: Ostrom, Elinor
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2006, Nr. 118 / Seite 14
Markus Friesacher: Der Billigbenzin-![]()
Kommentar: Die Rückkehr des Plus
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 4.630,07 | +1,26% |
| Eurostoxx 50 | 2.313,87 | +0,98% |
| Dow Jones | 8.183,17 | +0,06% |
| MDAX | 5.550,00 | +1,05% |
| Nasdaq 100 | 1.414,98 | +0,24% |
| Nikkei225 | 9.291,06 | −1,38% |
| REX | 366,08 | +0,06% |
| SDAX | 2.794,49 | +0,43% |
| S&P500 | 882,68 | +0,35% |
| TecDAX | 613,19 | +0,97% |
| Bund Future | 121,94 € | −0,35% |
| EUR/USD | 1,4017 | −0,07% |
| Gold | 911,75 $ | −0,68% |
| Rohöl Brent Crude | 61,10 $ | +1,11% |