Von Christian Tröster
18. April 2007 Essen, so hört man gelegentlich, rangiert in der chinesischen Kultur irgendwo zwischen Kulthandlung, Yin-und-Yang-Theorien und blanker Vorurteilslosigkeit. Letzteres ist keine gute Nachricht für Spezies wie die Frösche, die in den Seitengassen von Hongkong angeboten werden. Ziemlich übellaunig hocken die glitschigen Amphibien da in ihren Käfigen, so als wüssten sie schon, wie es mit ihnen endet. Die Schenkel - frischer geht's nicht - werden ihnen von den Markthändlern abgehackt, der zuckende Rest beiseite geworfen.
Die gute Nachricht daran ist, dass es das alte Hongkong noch gibt, das vitale und dicht gedrängte, das ruppige und das schmutzige - auch wenn seit der SARS-Epedemie überall Schilder kleben, wie sauber, kontrolliert und einheimisch alle Produkte seien. Dieses traditionelle Hongkong mit den waghalsig verlegten Elektroleitungen, den Marktständen und Garküchen, deren Mobiliar aus zwei kaputten Plastikstühlen besteht, hat sich in den Seitenstraßen des Finanzdistrikts Hongkong Central eingenistet. Die Hierarchie der Stadt lautet hier: Kleingewerbe, Suppenküchen, Obst, Fisch und Frösche in den winzigen Querstraßen. Dazu ein quirliges Nachtleben rund um die Lan Kwai Fong und D'Aguilar Street, Einzelhandel in den Geschäften der Boulevards und große Marken in den noch größeren Shopping Malls.
Welche Stadt ist das?
Denn auch in Hongkong sind die Einkaufszentren auf dem Vormarsch. Sie vertreiben nicht nur das Kleingewerbe und saugen das urbane Leben in sterile Innenräume, sondern vernichten auch jede Orientierung. In wirrer Wegführung taumelt man von Starbucks Coffee über Dolce & Gabbana zu Dries Van Noten - und weiß am Ende nicht, von wo man kommt, wohin man geht und in welcher Stadt man sich befindet. Manches deutet auf eine asiatische Metropole hin.
Aber wer dies, nachdem er es herausgefunden hat, auf der Straße überprüfen will, wird bitter bestraft. Hier wurde die autogerechte Stadt der siebziger Jahre eins zu eins umgesetzt. Fußwege sind durch Fahrbahnen, Mauern, Zäune blockiert und der Ausweg, elende Betonüberführungen im ersten Stock, führt wieder nur in die nächste Mall. Und wie sehr qualitätsvolle öffentliche Räume fehlen, kann man besonders sonntags erleben.
40.000 Filipinas arbeiten in Hongkong, vor allem als Hausmädchen. Mindestens 39.000 davon treffen sich an ihrem freien Tag in der Innenstadt zum Picknick. Mangels Grünflächen aber campieren zehntausende auf und unter Fußgängerbrücken, direkt an sechsspurigen Straßen und unter Bankgebäuden, deren Durchgänge in Architekturführern unter dem Stichwort Feng Shui geführt werden. Doch unter Norman Fosters Hongkong and Shanghai Bank fegen keine energetischen Drachen hindurch. Junge Frauen auf Pappkartons massieren sich gegenseitig die Füße, essen aus Plastikschalen und zeigen sich Fotos von Daheim - eine massivere und bescheidenere Aneignung von öffentlichem Raum hat es selten gegeben.
Gefahr droht dem Star Ferry Terminal
Und der Umbau der Innenstadt für noch mehr Autoverkehr und noch mehr Shopping Malls geht weiter. Trotz jahrelangen Protestes von Denkmalschützern ist nun sogar das legendäre Star Ferry Terminal abgerissen worden. Es musste einer Schnellstraße weichen. Zwar wurde den altmodischen Doppelstockschiffen, die seit 1888 Tag und Nacht verkehren, ein neuer Anleger in pseudo-edwarianischem Stil spendiert. Aber der liegt auf neu gewonnenem Land, geschätzte zweihundert Meter von der Innenstadt entfernt. Im immer eiligen Hongkong könnte das das Ende der Fähre bedeuten könnte.
13 Prozent der Fahrgäste haben bereits angekündigt, wegen des längeren Weges auf die U-Bahn auszuweichen, die seit 1972 in Betrieb ist. Die Passage in den Doppeldeckerschiffen droht zur Touristenattraktion zu verkommen - immerhin einer, die das amerikanische Magazin National Geographic zu jenen fünfzig Unternehmungen zählt, die ein passionierter Reisender einmal gemacht haben sollte. Tatsächlich bietet die Überfahrt für umgerechnet 25 Cent einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und taucht die Passagiere mitten hinein in das Gewimmel des Hafens und des städtischen Lebens.
Schlangen im Mandarin Oriental Hotel
So legendär wie die Star Ferry ist auch das Mandarin Oriental Hotel. Als es 1963 eröffnet wurde, lag der Anleger direkt vor seiner Tür. Anders aber als das Terminal steht das Hotel unter Denkmalschutz und wurde daher nicht niedergerissen, sondern komplett renoviert. Beeindruckend ist noch immer der Blick von hier auf den Hafen und Kowloon. 135 Köche arbeiten im Mandarin in mehreren Schichten und wer ihr Wirken hautnah erleben will, speist im neu installierten Krug-Raum - so benannt nach einer Champagner Marke. Herausragendes Merkmal des kargen Separees ist ein Schaufenster zur Küche, wo Menus zubereitet werden, die mit unterschiedlichen Jahrgängen und Sorten des Champagners korrespondieren sollen.
"Ja, auch Schlangen werden im Mandarin Oriental serviert", sagt Direktor Peter French, allerdings im chinesischen Restaurant Man Wah im 25. Stock und selbstverständlich nur in der Schlangen-Saison. Demnächst will French ein Imperial Dinner inszenieren - nach Rezepten vom Kaiserhof in Peking und mit genau der Speisenfolge, die dem Herrscher einst an hohen Festtagen serviert wurde. Das Dinner soll drei Tage dauern und die verschiedenen Zutaten dafür zu besorgen dauert ein Jahr. Unwillkürlich denkt man an ein märchenhaftes Gelage mit gedünsteten Nachtigallenzungen und gefüllten Seeigeln. Aber der Eindruck, dass nur die chinesische Küche mit überfeinerten Spezialitäten aufwartet, wird im Mandarin Oriental widerlegt.
Siebenstöckige Amuse Bouches
Durch eine weitere Shopping Mall erreicht man das das benachbarte Schwesterhotel Landmark Mandarin Oriental. Dessen Restaurant heißt Amber und dort serviert der Koch Richard Ekkebus ungefähr siebenstöckige Amuse Bouches auf der Grundfläche eines Fingernagels. Das die gestapelten Mini-Spezialitäten - mit etwas Phantasie kann man als Ingredienzien Aal und Fois Gras identifizieren - an den holländischen Expo Pavillon in Hannover erinnern, liegt womöglich daran, dass Ekkebus Niederländer ist.
Weil das holländische Design sich durch Innovationsgeist und Humor auszeichnet, steckt Ekkebus in seine Amuses Bouches eine Plastikkanüle mit Erdbeersaft. Und erst wenn man den Gaumenkitzler auf der Zunge hat, drückt man auf die Kanüle und spritzt sich den Erdbeersaft in den Mund. Dort treffen Aal und Entenleberpastete mit der Sauce zusammen. Und sorgen für sortenreinen Geschmackskitzel in einer Stadt, in der die Mischungsverhältnisse nicht immer so elegant ausbalanciert werden.
Anreise Alle großen Fluglinien Europas steuern Hongkong an. Der Flug dauert zehn bis elf Stunden. British Airways fliegt dreimal täglich ab London Heathrow und empfiehlt seine neu ausgestattete Business Class. Hier kann man die Sitze auf 1,80 Meter Länge ausziehen und völlig flach liegen (Infos: www.ba.com).
Einreise Der Reisepass muss bei Einreise noch mindestens vier Monate gültig sein. Für einen Aufenthalt unter einem Vierteljahr ist kein Visum nötig.
Unterkunft Das Mandarin Oriental Hotel in Hong Kong Central startete 1963 und erarbeitete sich schnell den Ruf als eines der Top-Hotels der Welt. Im Oktober 2006 wurde es nach neunmonatiger Schließung wiedereröffnet. Die Räume sind nun größer, weil die Balkons wegen des gestiegenen Verkehrslärms geschlossen und in die Räume integriert wurden. Das Hotel unterhält neun Restaurants und Bars, dazu eine Konditorei, die Handtaschen und Schuhe aus Schokolade herstellt sowie einen zweistöckigen Fitness- und Spa Bereich.
Noch üppiger ausgestattet ist das Schwesterhotel Landmark Mandarin Oriental, ein paar Schritte weiter. Als wichtigster Luxus hier gilt die Raumgröße: die durchschnittlich 50 Quadratmeter sind Rekord im eng bebauten Hong Kong. In den Zimmern fallen nicht nur die drei LCD-Bildschirme auf (einer davon über der Rundbadewanne), sondern die Yogamatte im Schrank. Die verweist auf den internationalen Wellness-Trend und auf die Fitness-Räume, in denen neben Yoga auch Pilates angeboten wird - und zwar mit allerlei seltsamen Streckbänken. Im Spa befinden sich altrömische Wärmebänke, ein Hamam und ein Amethyst Kristall Dampfraum. Wem das zuviel ist, der kann das Spa-Programm mit einigen Cocktails in der Mo Bar im Erdgeschoss konterkarieren. Mehr im Netz unter www.mandarinoriental.com.
Allgemeine Informationen erteilt das Hong Kong Tourism Board: Humboldtstraße 94, 60318 Frankfurt, Telefon 069/95 91 290, oder im Netz unter www.hktb.com
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15. April 2007
Bildmaterial: AFP