Reisen

Alles in Bhutan

Von Fabian von Poser

Der Buddhismus ist in Bhutan allgegenwärtig

Der Buddhismus ist in Bhutan allgegenwärtig

22. August 2005 Es scheint, als sei Padmasambhava an diesem Morgen persönlich aus seinem Himmelreich herabgestiegen, um den Besuchern die verschwenderische Pracht des Irdischen zu demonstrieren. Am Firmament über dem Paro-Tal hängen weiße Wattewolken, der Himmel strahlt kobaltblau. Ein Bächlein plätschert, Vögel zwitschern, Dutzende bunter Fahnen wehen im Wind. Behutsam drehen sich die Gebetsmühlen, die die Mönche in Bewegung setzen, um ihr Karma zu verbessern. Bei jeder Umdrehung klingelt ein Glöckchen. Dazwischen mischt sich das dumpfe Brummen eines Dungchen, eines Langhorns, und hallt von den Felswänden wieder.

„Es ist dort oben passiert“, sagt Wangdi ehrfurchtsvoll und fuchtelt mit den Armen. „Dort zwischen den Felsen, siehst du?“ Mit einem kurzen Handgriff rückt der junge Bhutaner seinen Gho, das traditionelle Gewand, zurecht, und deutet mit den Händen in den Berg. Mitten in den Felsen soll der Religionsstifter Padmasambhava im 8. Jahrhundert nach seinem Flug über den Himalaja auf dem Rücken einer Tigerin gelandet sein, um Bhutans aufgebrachte Geister zu besänftigen. Der Legende nach erlöste der Heilige nach monatelanger Meditation die Gegend vom Fluch der Berg-, Wald- und Wassergeister und bekehrte sie zum Buddhismus. Heute steht an dieser Stelle das Taktsang-Kloster, das Tigernest. Waghalsig kleben die weißen Mauern in einer senkrechten Felswand, 800 Meter über dem Tal.

Bis vor wenigen Jahren komplett abgeschnitten

Man muß kein Buddhist sein, um die Bedeutung des Orts zu ahnen. Bis heute gilt das Kloster als einer der heiligsten Orte Bhutans. Doch es ist nur eine von vielen jahrhundertelang vollkommen unzugänglichen religiösen Stätten. Eingebettet in die Falten des östlichen Himalaja, war Bhutan bis vor wenigen Jahren von der Außenwelt komplett abgeschnitten. Erst Mitte der sechziger Jahre, nach dem Einmarsch Chinas in Tibet und einer drohenden Isolation, öffnete sich das Land vorsichtig. Heute sucht das letzte buddhistische Königreich im Himalaja seinen Weg zwischen Tradition und Moderne. Dabei spielt auch der Tourismus eine wachsende Rolle.

„Das Bruttosozialprodukt soll niemals schneller wachsen als das Bruttonationalglück“, hatte König Jigme Singye Wangchuk bei seiner Krönungszeremonie 1974 gesagt. Seitdem ist die „Gross National Happiness“, das Bruttonationalglück, die Maxime des Monarchen. Hehres Ziel ist die Glückseligkeit der Untertanen auf Grundlage der alten bhutanischen Traditionen und Werte, erst an zweiter Stelle kommt das wirtschaftliche Wachstum. Welche Prioritäten gesetzt werden, wird in Fünfjahresplänen festgelegt. Unter der Ägide Wangchuks wurden Dutzende Schulen und Krankenhäuser gebaut und das Telefonnetz ausgebaut; das Tragen der Nationaltracht wurde zur Pflicht. Erst im Frühjahr erließ der König ein striktes Tabakverbot - und das, obwohl sich der Monarch auch selbst allzu gerne mal eine Zigarette ansteckt.

Der Potentat hütet seine Ressourcen

Nicht nur die eigene Kultur, auch die natürlichen Ressourcen hütet der Potentat wie einen Schatz: Etliche Tierarten wurden unter Schutz gestellt, Jagen ist im ganzen Land verboten. Selbst Holzschlagen wurde streng limitiert: sechzig Prozent Bhutans sollen für immer mit Wald bedeckt bleiben, so sieht es das Gesetz vor. Derzeit liegt die Quote bei 72 Prozent. Bis vor zwanzig Jahren gab es in Bhutan nicht einmal Privatautos. Die erste befestigte Straße wurde 1962 gebaut, die wichtige Ost-West-Verbindung erst 1982. Heute sieht man vor allem im fruchtbaren Paro-Tal und in der Hauptstadt Thimphu viele Privatwagen. Trotzdem gibt es im ganzen Land noch immer keine Ampel. Die einzigen beiden wurden kurz nach ihrer Errichtung wieder abgebaut. Weil sie zu häßlich waren, so das Votum der Einwohner Thimphus.

Vor einigen Monaten ließ der König aus den Verfassungen fünfzig verschiedener Staaten den Entwurf einer Konstitution für sein eigenes Land ausarbeiten. Seine eigene Macht wird dadurch erheblich eingeschränkt, der Bevölkerung mehr Mitsprache eingeräumt.

Doch so ganz traut man dem Frieden nicht, wenn man weiß, daß die Bhutaner ihre feinen Trachten nur tragen, weil das Gesetz es so will, Häuser nur im alten Stil bauen, weil es Vorschrift ist, und daß der Staat fast den zwanzigfachen Monatslohn kassiert, wenn er doch einmal jemanden beim Zigarettenverkauf erwischt. Als großer Fauxpas stellte sich auch die Ethnisierungskampagne Anfang der Neunziger heraus, als der König 130000 in den Jahrzehnten zuvor aus Nepal eingewanderte Bauern ausweisen ließ. „Ein Staat, ein Volk“, hieß damals der Leitspruch, die Bhutaner sollten nicht zur Minderheit im eigenen Land werden. Bis heute warten die Staatenlosen in Flüchtlingslagern an der nepalesischen Grenze darauf, daß eines der beiden Länder sie als Staatsbürger anerkennt.

Segen der langen Isolation

Man mag es das Glück der späten Geburt nennen, den Segen der langen Isolation, daß Bhutan sich eine so eigenwillige Politik leisten kann. Die Regierung jedenfalls hat von den Nachbarn gelernt. „Wir sind gerade dabei, auszutesten, wie viele Touristen unser Land verträgt“, sagt Lhatu Wangchuk, Direktor der staatlichen Tourismusbehörde. „Unser Ziel ist es, durch den Mindestumsatz von 200 US-Dollar pro Tourist und Tag die Zahl so niedrig wie möglich zu halten und damit so viel Geld wie möglich einzuspielen.“ Neben der Wasserkraft gehört der Tourismus zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren. Und das, obwohl im Boomjahr 2004 gerade mal 9249 Touristen das Land bereisten.

Nach den Amerikanern belegten die Deutschen den zweiten Rang. Dieses Jahr rechnet die Regierung mit 12000 ausländischen Gästen. Erst im vergangenen Jahr eröffnete Amanresorts als erste internationale Hotelkette ein sündhaft teures Haus im Paro-Tal; Oberoi plant den Bau eines Luxusresorts in Thimphu.

Wer nach Bhutan fährt, findet vor allem stolze Menschen. Wir sitzen im Haus des Bauern Gyeltsen bei Punakha. In kleinen Schalen hat er Reisschnaps serviert. Gyeltsen erzählt von seinem Vieh, seinen Kartoffeln, dem Reis, den Tomaten und natürlich den Chilis, die er anbaut. In Bhutan gehören sie in fast jedes Gericht. 200 Ngultrum bringt ein Kilo getrocknete Schoten, knapp drei Euro. Das ist nicht viel, denn Gyeltsen muß die Ware bis ins drei Autostunden entfernte Thimphu bringen. „Das Leben auf dem Feld ist tagein, tagaus dasselbe“, sagt Gyeltsen, „trotzdem sind wir glücklich.“

Mittelalterliche Anmutung

Die Zivilisation, die seit neuestem in Bhutan Einzug hält, ist bis zu Gyeltsens Haus noch nicht vorgedrungen. Telefon gäbe es zwar, sagt der Bauer, doch das sei zu teuer. Einen Fernseher hat die Familie, nur noch keinen Anschluß. Zwar gibt es seit 1999 auch Fernsehen in Bhutan - der König schenkte es seinen Untertanen zu seinem 25. Thronjubiläum -, nur dringt die moderne Technik nicht bis in die letzten Winkel des Landes vor. Statt dessen hilft sich die Familie mit einem Videorecorder aus. Videotheken gibt es in Bhutan seit den Achtzigern fast in jedem Dorf.

Nur ein paar Kilometer weiter sieht die Welt aus wie im Mittelalter. Am Zusammenfluß von Mo Chu und Pho Chu, von Mutter- und Vaterfluß, erhebt sich der mächtige Punakha-Dzong. An den Hügeln hängen Wolkenfetzen, die Ketten der alten Hängebrücke rasseln im Wind. Die Klosterburgen, Zentren geistlicher wie weltlicher Macht, überziehen Bhutan wie ein Teppich. Der mächtige Punakha-Dzong mit der riesigen Versammlungshalle, seinen 54 vergoldeten Säulen und den filigranen Wandgemälden ist heute das Winterquartier des bhutanischen Staatsklerus und Ort eines der schönsten Klosterfeste. Jedes Jahr im Frühjahr kommen die Bewohner der Umgebung zusammen, um böse Geister zu vertreiben und die Ernte zu feiern. Im Hof werden bunte Masken- und Schwerttänze aufgeführt. Die meisten sind mehrere hundert Jahre alt.

Je weiter die Fahrt nach Osten führt, desto höher werden die Berge, desto dichter die Vegetation. Weiß leuchten die sternförmigen Blüten der Magnolien, ab und an blitzt das rote Antlitz eines Rhododendronbuschs aus dem Unterholz. Lärchen, Tränenkiefern, Eichen und Himalaja-Zypressen säumen den Weg. In den hochalpinen Regionen Bhutans leben Yaks, Blauschafe und das seltene Takin, das Nationaltier Bhutans, eine seltsame Mixtur aus Ziege und Kuh. Selbst Schneeleoparden soll es hier noch geben.

Der höchste unbezwungene Gipfel der Erde

Touristen sieht man dagegen kaum. Das liegt vielleicht auch daran, daß Bergsteigen - anders als in Nepal - untersagt ist. Als 1993 eine österreichische Gruppe versuchte, den 8400 Meter hohen Lhotse Shar zu bezwingen, suchten Hagelstürme und Unwetter die Region heim. Offenbar waren die Schutzgötter beleidigt worden. Der Distriktvorsteher reichte eine erfolgreiche Petition beim König ein, das Bergsteigen zu verbieten. Bis heute gibt es in Bhutan zwanzig unbestiegene Gipfel über 7000 Meter, darunter der 7541 Meter hohe Ganghar Phuensum, zugleich der größte Berg Bhutans und der höchste unbezwungene Gipfel der Erde.

Wir sind auf der Rückreise nach Paro, dem einzigen Ort im Land, der genügend Platz für eine Flugzeuglandebahn bietet. In der Ortschaft Wangdi Phrodang haben in bunte Trachten gehüllte Bhutanesen Zielscheiben aufgebaut. Betelnußkauend gehen sie dem Nationalsport nach: dem Bogenschießen. Unglaubliche 150 Meter sind die Scheiben entfernt, trotzdem ist die Trefferquote erstaunlich hoch. Manchen Zuschauer sieht man aufgeregt mit dem Handy telefonieren, in T-Shirts und Jeans. Erlaubt ist solche Kleidung nicht, Sorgen um ihr Bruttosozialglück machen sich die Bhutaner trotzdem nicht. „Wir müssen unsere Traditionen wahren und die modernen Errungenschaften behutsam einführen“, sagt unser Reisebegleiter Wangdi stolz. „Den Fortschritt können wir nicht aufhalten, aber wir können aus den Fehlern der anderen lernen.“ Sein König hätte die Vision des winzigen Himalaja-Staats nicht besser formulieren können.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.08.2005, Nr. 33 / Seite V1
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Fabian von Poser, Fabian von Poser

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