Bergen im Regen

Rauchen ist verboten, trinken unbezahlbar

Von Jürgen Roth

“Rauchverbot“ allein reicht nicht, es muß schon “absolut“ sein

"Rauchverbot" allein reicht nicht, es muß schon "absolut" sein

14. November 2006 Wir sitzen vor dem Osloer Flughafen und rauchen. Zwei Bänke hat man den Rauchern zugestanden, mit Aussicht auf eine Stelzenstraße und den Busbahnhof. Seit dem 1. Juli 2004 herrscht in öffentlichen Gebäuden „absolutes Rauchverbot“, wie die Regierung auf ihrer Website mitteilt. „Verbot“ allein reicht nicht, es muß schon „absolut“ sein - als ob es ein relatives Verbot gäbe. „Also, im Grunde ist das Rauchen ja relativ verboten, deshalb machen wir bei Ihnen mal eine Ausnahme. Rauchen Sie ruhig eine, bei ermäßigter Strafe von zweitausend Kronen.“

Eine ungefähr fünfzigjährige Flughafenangestellte gesellt sich rauchend zu uns. Ob man sie ansprechen und sich mit ihr verbünden sollte? Gegen die Obrigkeiten des Königreiches Norwegen? Währenddessen geht an uns zum dritten Mal eine etwas untersetzte, schwarzhaarige Frau von höchstens einem Meter sechzig vorbei. Sie schleppt schwarze, prall gefüllte Müllsäcke durch die Drehtür, und zwar in die Flughafenhalle hinein.

Schönheit kann Anlaß für Schwermut sein

Euphorisierendes Unesco-Weltkulturerbe: Holzhäuser am Bryggen

Euphorisierendes Unesco-Weltkulturerbe: Holzhäuser am Bryggen

„Wenn die Frau noch einmal auftaucht, hat sie mein Bild von der norwegischen Frau für alle Zeiten geprägt“, meint unser Begleiter. Wir nicken und schweigen. Denn es gehört sich, die Landessitten zu respektieren. Der Norweger, sofern er nicht schamgebeugt vor irgendeinem Gebäude herumhängt und raucht - was selten zu beobachten ist -, wandelt skandinavisch gelassen durch die Gegend, schweigt ausgiebig und guckt irgendwie indifferent ins Dasein hinein. Mit Kierkegaards Weltsprödheit hat das wahrscheinlich vorderhand nichts zu tun. Im Osloer Flughafen wirkt alles wie in Watte, wie in den Schaumstoff eines bekannten Möbelherstellers gepackt: hell das Holz, gelackt die Bars, ein Laboratorium der Menschenzurichtung oder segensreichen Menschenkalmierung.

Norwegen, auf einen gewaltigen Felsblock mit, geologisch bedingt, unzähligen Gewässersensationen hingeklotzt, zerfließt vor ermüdend gleichförmiger Schönheit. Wie am Flughafen der Hauptstadt, dessen Innenarchitektur protestantische Kargheit und Introspektion in die Reinheit der Ernüchterung übersetzt, bietet sich die Welt auf dem Flug nach Bergen an einem der raren, nahezu wolkenfreien Herbsttage tadellos geordnet dar. Das Gewebe aus Seen, Fjorden, Gletschern, alles ist geraten. Als seien sie große umgedrehte Froschfüße, lugen vor Bergen, Europas regenreichster Stadt, die bemoosten und mickrig bewaldeten Kleininseln aus dem blauen, sacht gekräuselten Wasser, das anmutet wie eine von Christo angeregte Plastikplaneninstallation. Schönheit kann Anlaß für schwärende Schwermut sein.

„Richtiges norwegisches Lokal“

Bergen, mit etwa zweihunderttausendfünfzig Einwohnern Norwegens zweitgrößte Stadt, umstellt von sieben Bergen, ist proper. Ringnes-Bier dagegen „ist schlecht, ist aus Oslo“, gibt uns der Taxifahrer, der uns ins Zentrum chauffiert, zu verstehen. „Sie müssen unseren Aquavit trinken - und Hansa-Bier aus Bergen. Das ist klasse! Da schmeckst du die Gegend!“ Was ist das für eine Gegend? Was ist das für ein Land, das aufgrund der Öl- und Erdgasvorkommen vor Bergen ein recht vorbildliches staatliches Sozialversorgungs- und Pensionssystem aufzubauen vermochte?

Auf dem Olle Bulls plass in der Stadtmitte ragt, erläutert unsere Fremdenführerin, ein kubisches „Denkmal für das Volk“ in den düsteren Himmel. Ein „richtiges norwegisches Lokal“ sei, grad um die Ecke, das Restaurant Wessel Stuen, hatte der Kutscher geschwärmt, da müsse man rein, unbedingt.

Kein Aufhebens um Reichtum

Nach der Vorspeise steht man draußen und raucht. Sedierte Wesen schweben in Richtung Stadtpark. Bescheidenheit ist eine Zier, fällt einem angesichts der unaufgeregt klassizistischen Straßenzüge ein. Die angenehme Abwesenheit ästhetisierender Elemente im öffentlichen Raum erinnert daran, daß Norwegen einst ein bäuerliches Land war.

“Schamgebeugt vor irgendeinem Gebäude herumhängen und rauchen“

"Schamgebeugt vor irgendeinem Gebäude herumhängen und rauchen"

„In Norwegen macht man kein Aufhebens um den Reichtum“, sagt unsere Fremdenführerin, eine Germanistin, die es vor zehn Jahren als Lehrerin in den Westen eines der wohlhabendsten Länder der Welt verschlagen hat. „Das Problem ist“, fährt sie fort, „drinnen darfst du nicht rauchen. Draußen darfst du, wie in den Vereinigten Staaten, nicht trinken. Also rauchst du, mit deinem Bier in der Hand, im Gang.“ Sie lacht.

Im schummrigen Eingang des Wessel Stuen steht niemand, raucht niemand, trinkt niemand. „Fitnessfaschismus!“ denkt man, auch angesichts der Tatsache, daß in Norwegen ganze Schulzweige der Förderung künftiger Olympiasieger vorbehalten sind. „Es gibt viele blonde, blauäugige und sehr gesunde Frauen in Norwegen, die treiben alle unaufhörlich Sport“, sagt die Fremdenführerin.

Sehnsucht nach dem lieblichen Licht

Wenn das herbstliche Abendlicht auf die gelben, rötlichen, weißen, braunen Fassaden der zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Holzhäuser am Bryggen fällt, dem historischen Kai am Binnenhafen Vågen, weicht das Gefühl einer durch die gemeinhin über die Bergkämme gepappten Wolken ausgelösten Niedergeschlagenheit der kurzzeitigen Euphorie unbegründeten Lebensmutes. Wortlos indes flanieren die Einheimischen an den dreistöckigen, spitzgiebeligen, nach wiederholten Bränden - zuletzt 1955 - immer wieder in ihrer ursprünglichen Form aus dem zwölften Jahrhundert rekonstruierten Hansekontoren vorbei.

Das zwischenzeitliche Glücksempfinden verwandelt sich in eine kristalline Mattheit, gehüllt in scheinbar ewig währende Stille. Nicht von ungefähr sind im Museum „Rasmus Meyers Sammlungen“ Werke von Munch zu sehen. Und wem Edvard Griegs Haus in den Sinn kommt, das sechs Kilometer südlich in Troldhaugen hinter der Lärmschutzwand der Stadtautobahn hervorlinst, sehnt sich, wenngleich vergeblich, nach der lieblichen Lichte des ersten Satzes der „Peer Gynt“-Suite Nr. 1, „Morgenstimmung“.

In der Musik öffnet sich die Welt, sie weitet die Brust, in den grotesk verschachtelten, beinahe postmodern dünkenden Hinterhöfen des Bryggen-Ensembles beschleicht einen Beklemmung, nordische Seelentrübnis. Sinnlos verhaken sich Treppen, Balken und Erker ineinander, funzelige Kugellampen verströmen mattes Licht, die Bohlen knarzen unerfreulich.

Warm-Up mit billigem Dosenbier

Draußen, auf dem breiten, gepflasterten Bürgersteig, verharren vereinzelte Norweger auf Caféstühlen. Ein einziger, dem Augenschein nach ein Geschäftsmann aus der Werften- und Fischereiindustrie, gibt Laute von sich und brüllt in sein Handy, das er wie eine Mundharmonika quer vor den Mund hält, um seinen Redeschwall zu dämpfen.

Wir lassen uns zwei Tische weiter nieder und rauchen in der kühlen Abendbrise aus Trotz erst recht wie die Irren. Ein brotig-behäbiges Hanse-Bier kostet umgerechnet acht Euro. Über uns glühen die Heizstrahler, rechter Hand starren vier Jungmänner auf ihre Gläser. Sie dürften die übliche „Vorbereitung“ zu Hause, das billigere Warm-up mit Dosenbier, absolviert haben. In der Kneipe kann sich der Norweger auch nur noch ein bis zwei Schoppen leisten, und spätestens um elf ist deshalb Schicht.

Vom Erdensein nicht viel erhoffen

Vom Gipfel des im Osten aufragenden Fløyen aus betrachtet, des dreihundertzwanzig Meter hohen Ausflugsziels, das sich bequem mit der Standseilbahn erobern läßt, gewinnt Bergen weiter an Absurdität. Wieso siedeln hier seit dem zwölften Jahrhundert Menschen, zwischen steilen Bergen eingezwängt, von bleiernen Fjordfingern barsch umklammert? Nun obendrein und wie meist, nämlich an etwa dreihundert Tagen im Jahr, in eine diesige Soße getaucht, die bald bis in den Talkessel hinuntersuppt?

Da drunten, vor dem Engelen Nightclub, betrauern jetzt, um ein Uhr mittags, zwei Männer ihre Bierhumpen und stieren, von der Markise beschützt, ins Gepladder und Getröpfel. Wir fliehen die Impressionen der Daseinsdemut respektive der schlichten Lebensklugheit, vom Erdensein nicht allzuviel zu erhoffen, und hetzen in einen Supermarkt gegenüber der Mariakirche, dem ältesten Bauwerk Bergens, der einstigen Erbauungsstätte der deutschen Kaufleute.

Wir packen ein, was das Regal hergibt, das zu bestimmten Einkaufszeiten verhängt wird, auf daß der Norweger nicht dem vitalen Rausch anheimfalle: fünf Sorten Hansa- und vier Sorten Grans-Bier. Klitschnaß und mürbe wie die vom unablässigen Regen zerfurchten Gesteinsformationen rund um Bergen, erreichen wir das Grand Hotel Terminus direkt neben dem Hauptbahnhof, der mit exakt zwei Gleisen und einer einladend schwarzen Fassade aufwartet.

Übermannt vom Gewaltschlaf

Auf uns wartet neben einer gediegenen Lobby voller Korbsessel und Perserteppiche, die Wände dunkel holzvertäfelt, an den Decken feiste Lüster, eine Unterkunft, in der wir ungeniert paffen und Selbstversorgerbier zu zwei Euro wegdreschen können. Raucherzimmer bietet das 1928 als erstes Luxushotel Bergens eröffnete Haus zwar nicht an, doch der Norweger, nobel und zurückhaltend, wie er ist, hütet sich, die Intimsphäre seiner Gäste zu verletzen und deren verwerfliches Tun auszuspionieren.

So kippt man das Fenster, die Regentropfen rinnen übers Glas und plumpsen einer nach dem anderen hinab in den Hof, und gibt sich der heldenmütigen nachmittäglichen Probe fataler nordeuropäischer Brauereierzeugnisse hin, bis einen der Gewaltschlaf übermannt, aus dem man eineinhalb Stunden später erwacht, aufschreckend wegen des Geräusches wahrer Sturzfluten, die auf das verlorene Städtchen niedergehen.

Aus Protest trinken wir drei Dosen

Das ist das Ende, denkt man. Aber noch weiß man nicht, daß man während des Rückflugzwischenstopps in Oslo bei einem Anschluß ins Ausland das Flughafengebäude nicht verlassen und deshalb, um Norwegen in bester Erinnerung zu behalten, auch nicht mehr rauchen darf.

Aus Protest trinken wir anschließend drei Dosen Rignes auf einen Schlag. Davon wird sich der Gesundheitsfundamentalismus der westlichen Hemisphäre so schnell nicht erholen.

Jürgen Roth, Jahrgang 1968, lebt in Frankfurt. Er hat zwei Bierlexika und das Bierverherrlichungsbuch „Die Poesie des Biers“ veröffentlicht; und er ist Mitherausgeber der Buchreihe „Öde Orte - Ausgesuchte Stadtkritiken“.



Text: F.A.Z., 09.11.2006, Nr. 261 / Seite R5
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

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