Kanada

Der Duft der Dosenerbsen

Von Inka Wichmann

Wo haben sich hier die Biber versteckt?

Wo haben sich hier die Biber versteckt?

27. September 2008 Stoßstange klebt an Stoßstange, Auto drängt sich an Auto. Alle verlassen Toronto, die Männer mit Chipstüten am Steuer, die Kinder mit Colaflaschen auf der Rückbank. Alle wollen nach Norden, in die Wildnis, dorthin, wo früher Pelzhändler Bohnen mit Pökelfleisch verschlangen, Holzfäller Kiefernstämme auf Pferdeschlitten wuchteten und bestimmt auch jetzt noch Elche Blaubeerreisig zermalmen. Kanadas berühmteste Schriftstellerin Margaret Atwood hat einmal geschrieben: "Der Norden ist in unserem Kopf, immer." Und: "Jede Provinz und jede Stadt in Kanada hat ihre Straße, die nach Norden führt. Von Toronto ist es die 400." Auf deren zwölf Spuren stauen sich nun Geländewagen, Kleinlaster und Überlandbusse.

Die einen wollen in die Welt der Kindheit, die anderen in die Welt der Bücher. Die einen wollen zu den Landhäusern, in denen sie die Sommerferien verbrachten, so wie Margaret Atwood. Die anderen wollen zu den Seengebieten, von denen sie in Historienschmökern lasen, so wie wir. In einem Kanadaroman erfuhren wir von Fellhändlern, die aus Weidenzweigen Zeltgerüste und Hundeschlitten bauen, die trotz Schneedecken Tierfährten und Menschenspuren folgen können. Die Handlung spielt zwar im Ontario des Jahres 1867. Unsere Vorstellungen vom Norden sind seit der Lektüre trotzdem recht konkret: Während wir in den Wäldern lagern und Büffelfleisch kauen, werden wir hören, wie die Wölfe heulen und die Eistaucher schreien. Vielleicht rüttelt auch der Wind an unserem Weidenzweigzelt.

Liegestühle mit Plastikmaserung

Herbstlich buntes Kanada

Herbstlich buntes Kanada

Wo beginnt der Norden eigentlich? Dort, wo sich Bären Flussforellen schnappen, Elche auf Wasserlilien kauen und Biber an Rindenstücken nagen? Margaret Atwood wusste, dass sie im Norden angekommen war, wenn sie die Holzstapel eines Sägewerks sah und dann Rindfleisch auf Toast mit Dosenerbsen aß. Unsere erste Pause machen wir an der Georgian Bay im Blue Mountain Village, dem Schauplatz eines alljährlichen Apfelkuchenwettbackens. Auf dem Dorfplatz stehen Liegestühle mit Plastikmaserung, ein Tretboot dümpelt im Schilf des künstlichen Sees. Die Vogelhäuschen an den Laternenmasten sehen so aus wie die Restaurants, besitzen ebenfalls Sprossenfenster und Erkertürme, haben auch ockergelbe und lindgrüne Holzverkleidungen. Rindfleischtoast verkaufen diese Restaurants nicht. Eher Ben & Jerry's-Eis und Starbucks-Kaffee. Das ist noch nicht der Norden. Wir wollen in die Wälder, die im Herbst lichterloh leuchten.

Sarah will uns durch die nahe gelegenen Wälder von Collingwood lotsen. Zunächst zeigt sie uns jedoch, wie man einen Brustgurt anschnallt, einen Karabinerhaken einklinkt und einen Schutzhelm festzurrt. Für Waldwege braucht man eine solche Ausrüstung nicht, für Baumwipfel schon. Hängebrücken schaukeln zwischen zweihundert Jahre alten Eichen in fast zwanzig Metern Höhe. Die Füße tasten sich auf den Holzbrettern voran, die Hände klammern sich an die Stahlseile. Bei jedem Schritt knarzen, quietschen und knacken die Bohlen. Dass sie in Toronto studiert habe, nun aber nach Collingwood zurückgekehrt sei, erzählt die junge Frau in der Fleecejacke. Herbstlaub weht in die Ritzen zwischen den Brettern. Eine furchtlose Gruppe habe sie diesmal erwischt, ruft Sarah durch das Funkgerät einer Kollegin zu, so laut, dass alle das Lob hören können. Eine furchtlose Gruppe, fast so wagemutig wie die richtigen Waldläufer aus den Büchern. Fast. Doch wo sind die Bären, die Elche, die Biber? Wir müssen weiter, in nördlichere Gefilde.

Heimstatt des Weihnachtsmannes

Zurück auf der Straße, diesmal auf der "11", nicht auf der "400". Durch die Windschutzscheibe sehen wir Reklametafeln, die für frische Kranichbeeren und wuchtige Blockhäuser werben. Hier könnten Familien ein Wochenenddomizil und Pensionäre einen Altersruhesitz finden, behaupten ortsansässige Makler auf ihren Werbepostern. Hawkestone, Forest Home und Huntsville heißen die Ortschaften, an denen die "11" entlangführt. Am Straßenrand parkt ungefähr ein Dutzend Traktoren, sie stehen zum Verkauf, daneben stapeln sich Holzpaletten, in der Ferne ragen Getreidesilos auf. Außerdem lacht ein bärtiges Gesicht von einem Verkehrsschild herab, das die Heimstatt des Weihnachtsmannes ankündigt. Der Mischwald scheint dichter zu werden; herbstbunte Birken, Espen, Kiefern, Eichen und Ahorne reihen sich aneinander. Das könnte der Norden sein, mit all seinen Reichtümern, denen wir seit Jahrhunderten nicht widerstehen können.

Alles fing mit dem Filzhut an. Als modebewusste Europäer ihn gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts für sich entdeckten, begann die Jagd auf den besten Haarlieferanten, den Biber. Von den Irokesen, Huroren und Algonkins hatten die Weißen nicht nur gelernt, wie man Mais und Tabak anbaut, sondern auch, wie man Schneeschuhe und Kanus benutzt. Im Herbst machten sich die Pelzhändler auf den Weg zu den Jagdgründen der Indianer, in Booten, deren Außenwände aus dünner Birkenrinde bestanden. Jeden Tag paddelten sie sechzehn, achtzehn Stunden lang über eine Kette von Seen und Flüssen; sie mussten ankommen, bevor der Schnee fiel. Den Winter über blieben sie dort oben, tauschten gegen die Biberfelle Messer, Nadeln, Töpfe. Und Branntwein. Im Frühjahr, als das Eis schmolz, traten sie die Rückreise an. Beladen mit den begehrten Pelzen, kämpften sie sich wieder zurück zu den Tausende Kilometer entfernten großen Häfen.

Schmackhafte Eichhörnchen

Wir haben unser Ziel erreicht, den Lake Opeongo im Algonquin Provincial Park. Am Ufer liegen Kanus; sie sind für diejenigen bestimmt, die es den Händlern und Jägern nachtun und auf den Flüssen und Seen paddeln wollen. Im Gemischtwarenladen nebenan können wir zwar noch immer kein Rindfleisch auf Toast mit Dosenerbsen bestellen, aber dafür Schokoladenkuchen, Hähnchencurry und Käsesoße in Form von verschiedenen Pülverchen finden. Die soll man in Blechpfannen schütten, jeweils mit fünf, sechs Tassen Quellwasser verrühren und eine Weile auf dem Campingkocher erhitzen. Margaret Atwood erwähnt in ihrem Text bittere Rentierflechten, die sich in den Wäldern essen ließen, auch von schmackhaften Eichhörnchen ist die Rede. Wir stopfen vorsichtshalber den Schokoladenkuchen, das Hähnchencurry und die Käsesoße in unseren Rucksack und stapfen nach draußen zu einem signalroten Kanu.

Dort wartet Gordon. Graue Locken ringeln sich unter der umgedrehten Schirmmütze hervor, blaue Augen verstecken sich hinter der verspiegelten Sonnenbrille. Eigentlich kommt er aus der Großstadt, aus Montreal. Vor sechzehn Jahren ist er von dort fortgezogen, nach Norden, all der Sümpfe und Moore, Flüsse und Seen wegen, die der siebeneinhalbtausend Quadratkilometer große Park umfasst. Wer dort arbeitet, bekommt jedes Jahr vielleicht drei Wölfe und bestimmt dreihundert Elche zu Gesicht, sagen die Waldhüter. Wer dort Urlaub macht, sieht eventuell einen Elch und sicher einen Biber, meint Gordon. Dazu müssen die Kanuten allerdings erst einmal tiefer in die Wildnis vordringen. Also wuchtet Gordon drei Kanus auf den Aluminiumträger eines Motorbootes. Mit dreißig, vierzig Stundenkilometern jagt er über das Wasser. Hinter jeder Biegung erstreckt sich ein weiterer See. An dem Ufer, an dem Gordon anlegt, ist zwischen den Granitfelsen und den Holzblöcken niemand zu entdecken. Bloß eine rostige Grillzange lugt zwischen den Kiefernnadeln hervor.

Orangefarbene Ahornbäume

Signalrot heißt: Anfänger. Wer noch nicht allzu oft ein Paddel in den Händen gehalten und im Gemischtwarenladen außerdem heimlich die Ein-Dollar-Broschüre "The Canoeist's Manual" gekauft hat, klettert in die roten Drei-Personen-Boote. Weil kein Wind bläst, bewegt sich das teerschwarze Wasser kaum. Auch kein Strudeln oder Gurgeln, keine Stromschnellen oder Wasserwirbel. Am Ufer leuchten grüne Kiefern und orangefarbene Ahornbäume und gelbe Birken. Irgendwo müssen sich Waldpfade entlangwinden und Zeltplätze breitmachen, doch zu erkennen sind sie nicht. Das Wasser ist nicht tiefer, als das Paddel lang ist. Auf dem Grund stochern wir in Schlamm und Gestrüpp. Das Boot pflügt durch ein Seerosenbett, an Schilfgürteln vorbei. Es ist so still. Wir hören, wie bei jedem Paddelschlag der Baumwollärmel an der Polyesterweste reibt und das Holzblatt in das Seewasser taucht. Sonst nichts. So wollen wir ewig dahingleiten. Können wir aber nicht. Ein Hindernis ragt aus dem Wasser. Ein Biberdamm, ein Geflecht aus Wurzeln, Ästen und Rindestreifen, trennt einen See vom anderen. Auch "The Canoeist's Manual" weiß keinen Rat. Siebziger-Jahre-Fotos zeigen bloß in vier Schritten, wie sich ein gekenterter Kanufahrer am Haarschopf aus den Fluten ziehen und bergen ließe. Das ist vielleicht auch eine nützliche Information. Als wir uns noch das zweite Bild einprägen, stößt der Bug gegen das Zweiggeflecht. Aussteigen. Erst zum kleinen Vorschiff tasten, dann über die niedrige Reling klettern, schließlich das schmale Boot festhalten, damit die Mitfahrer auch auf den Damm wanken können. Der ist weder allzu breit noch allzu robust. Während Wasser über die Wanderschuhe schwappt, rudern wir, um Gleichgewicht ringend, mit den Armen. Endlich ein fester Halt. Die Füße gegen die Zweige gestemmt, zerren alle, bis die Kanuspitze wieder ins Wasser taucht. Geschafft. Rasch zurück ins Boot.

Während wir später im Hotelzimmer Kranichbeeren aus einen Kristallschälchen picken, überlegen wir: War das nun der Norden? Wir haben keinen Rindfleischtoast gegessen und sind keinen Sägemehlberg hinuntergerutscht wie Margaret Atwood. Wir haben kein Weidenzweigzelt aufgebaut und sind keiner Biberfährte gefolgt wie die Pelzhändler. Wir huschen aus der Hotelanlage, vorbei an einem menschenleeren Golfplatz, vorbei an einer verwaisten Jugendherberge, zu einem stillen See. Auf dem Sandstreifen stehen ein paar Holzbänke und Plastikliegen, dazwischen hat jemand einen Grillrost gestellt. Es ist so ruhig, dass das Brummen eines Getränkeautomaten bis zum Uferstrand dringt. Wir waten durch das Seewasser. Als Schlick an den Füßen saugt, beginnen wir zu schwimmen. Wir schwimmen den gelbrotgrünen Wäldern auf der anderen Seite entgegen, bis die Bojenlinie hinter uns liegt. Jetzt ist der Norden auch in unserem Kopf.

Anreise und Arrangements: Toronto wird von Deutschland aus von mehreren Fluggesellschaften direkt angeflogen, darunter von Lufthansa und Air Canada. Eine Kanutour im Algonquin Provincial Park hat zum Beispiel der Reiseveranstalter Dertour (Telefon: 069/ 958800, im Internet: www.dertour.de) im Programm. Die Kanutour dauert vier Tage und kostet pro Person 311 Euro. Im Preis enthalten sind Verpflegung und Zeltübernachtungen. Denjenigen, die ein Hotelbett vorziehen, vermittelt der Reiseveranstalter das Deerhurst Resort in Huntsville; ein Doppelzimmer kostet dort pro Person 51 Euro.

Information: Canadian Tourism Commission, c/o Lange Touristik-Dienst, Eichenheege 1 bis 5, 63477 Maintal, Hotline: 01805/526232 (0,14 Euro pro Minute), im Internet unter: www. explore.canada.travel/ctc/ke.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Inka Wichmann

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Raus aus dem Alltag! Lassen Sie sich im exklusiven Wellnesshotel verwöhnen und bringen Sie Körper und Geist wieder in Schwung - reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche