Tunesien

Der Skorpion schläft nicht auf der Düne

Von Georg Weindl

23. Februar 2008 Es ist nicht gerade das, was man auf einem unscheinbaren Provinzflughafen am Rande der Wüste erwartet. Irritiert schauen die Neuankömmlinge während des kurzen Marsches vom Flugzeug zum Terminal hinüber zur Südseite des Rollfelds, an der zwei Boeing 747 in den Himmel ragen. Tozeur ist ein kleiner Urlaubsort im Süden Tunesiens, so etwas wie das Tor zur Sahara. Hier landen schmächtige Propellerflugzeuge und gut gefüllte Kurzstreckenmaschinen. Das Terminal ist klein und ziemlich neu und hat eine Kaffeebar. Ein internationaler Flughafen sieht anders aus, weshalb die beiden Jumbo-Jets so passend erscheinen wie ein Ozeandampfer in einem Baggersee. Seit 1991 stehen sie in Tozeur. Die Iraker haben die beiden Flugzeuge während des ersten Golfkriegs hier sicherheitshalber geparkt. Seitdem warten sie in der Wüste, neutral weiß lackiert und alle sechs Monate von irakischen Mechanikern gewartet.

Drei bis vier Autostunden südlich von Tozeur ist die Oase Ksar Ghilane die erste große Sammelstelle für Wüstenexpeditionen. Unter den hochgewachsenen Palmen tummeln sich längst nicht mehr nur Kamelkarawanen. Die Oase wirkt wie ein großer Parkplatz voller weißer Toyota Landcruiser mit ihren einheimischen Chauffeuren. Sie karren die Urlaubsgäste von den Strandhotels in Djerba zum Pauschalwüstenausflug, zu dem traditionell auch der Kamelritt hinüber zur Ruine des alten französischen Forts gehört. Daneben gibt es in der Oase Hundertschaften laut knatternder Quads, etliche Motorräder und Horden von Geländewagen - rustikale Toyotas und Nissans, flinke Jeep Wrangler und Mitsubishi Pajero, dazwischen Exoten wie ein kriegerisch anmutender Hummer H1, das monströse Vehikel, das man sonst nur aus Kriegsberichten kennt.

Durch Wüsten und andere unwirtliche Regionen

Ksar Ghilane boomt. Jedes Jahr wird der Trubel größer. Das sieht auch Martin Breuninger so. Der kräftige Schwabe mit dem Lockenkopf und Vollbart ist das, was man einen Wüstenfuchs nennen würde. Seit Jahrzehnten führt er Gäste durch die Wüste und das ausschließlich mit teuren Geländewagen der Marke Mercedes. Denn er leitet die Offroad-Aktivitäten des Stuttgarter Konzerns, und dazu gehören vor allem Touren durch Wüsten und andere unwirtliche Regionen, in denen Geländewagen ihren eigentlichen Daseinszweck ausleben dürfen. Eine Gruppe von sechs Autos führt Breuninger dieses Mal durch die Dünen rund um Ksar Ghilane. Am Steuer sitzen Kunden, die zu Hause teure SUV schwäbischer Bauart in der Garage stehen haben und nun erleben wollen, wie es ist, wenn man mit dem Geländewagen ins Gelände fährt, was zu Hause so gut wie unmöglich und außerdem verpönt ist.

Abhilfe schafft eine einwöchige Tour in die nördliche Sahara. Sie ist zwar mit knapp dreitausend Euro nicht ganz billig, bietet dafür aber Komplettservice vom bereitgestellten Luxus-Offroader inklusive Benzin und Service bis zu geführten Touren, Vollverpflegung und Logis im Fünfsternehotel, wenn man nicht gerade im Wüstenzelt campiert. Letzteres gibt es in Ksar Ghilane auch in einer Nobelversion. Das Hotel Pansea in der Oase ist eine Siedlung von Komfortzelten mit betonierter Nasszelle und Klimaanlage, mit Restaurant, Pool und Souvenirladen. Gewisse Abstriche an die archaische Umgebung muss man allerdings doch machen, wenn sich der Wüstensand in den Ecken und Ritzen im Zeltinneren einnistet, wenn die Klimaanlage streikt oder der Strom mal wieder ausfällt.

Wie ein Wegweiser zwischen dicken Sandhügeln

Ksar Ghilane ist die Einstiegsversion für den Wüsten-Offroader. Ideal für Novizen, weil man hier rund um die Oase in die Dünenlandschaft eintauchen kann, ohne gleich Gefahr zu laufen, als Gerippe zu versanden, sollte der Motor streiken oder das Benzin zur Neige gehen. Zur Not kann man auch zu Fuß zurückwandern oder mit dem überall tadellos funktionierenden Mobiltelefon Hilfe herbeirufen. Für die Hardcore-Offroader ist die Oase nur Durchgangsstation auf dem Weg weiter nach Süden. Ihr Ziel ist die Gegend der Ölfelder im Dreiländereck mit Algerien und Libyen, für die man eine Genehmigung benötigt und in der man weder Handyempfang noch Komfortzelte mit Klimaanlagen findet.

Martin Breuninger und seine Schützlinge drehen ihre Runden rund um die Oase, schrauben sich mit ihren Autos durch die Dünenfelder, pflügen den Hang hinauf zum französischen Fort, dessen Ruinen wie ein Wegweiser zwischen dicken Sandhügeln stehen und bei dem spätnachmittags, wenn die tiefe Sonne die Wüstenlandschaft in ein mildes, ockergelbes Licht taucht, die Parkplätze schnell knapp werden. Besonders romantisch wird es dann, wenn man unterwegs die Wege einer Kamelkarawane kreuzt. Die Reaktion der Einheimischen auf die noble SUV-Kolonne ist freilich alles andere als folkloristisch und für den einen oder anderen Piloten eher ernüchternd. Zuerst winken die Kamelreiter freundlich, doch dann kommt gleich die unverblümte Frage nach Alkoholika oder Zigaretten.

Bis der schwere Wagen aufsetzt

Land und Leute kennenzulernen ist allerdings nicht der vornehmste Zweck der Reise, weshalb man sich lieber wieder ans Volant schwingt und den nächsten Sandhügel ansteuert. Doch die Kletterpartien durch die Dünen sind gewöhnungsbedürftig und verlangen einen feinfühligen Umgang mit Lenkrad und Gaspedal. So ziemlich jeder Teilnehmer zahlt Lehrgeld, wühlt sich mit zu hoher Drehzahl in den feinen Sand, bis der schwere Wagen aufsetzt, stürzt mit zu heftigem Schwung in die Grube, bohrt sich in die nächste Düne. Geschaufelt und angeschleppt wird den halben Tag lang, aber allmählich bekommt man ein Händchen für die ganz spezielle Wüstenfahrdynamik, auch wenn kleinere Unpässlichkeiten nicht ausbleiben. Wer etwa glaubt, dass viel Gas auch gleichzeitig viel Vortrieb bedeutet, der wird schnell eines Besseren belehrt.

Gröbere Unpässlichkeiten sind bei den organisierten Mercedes-Touren indes selten. Doch sie kommen vor, so wie an diesem Nachmittag, als ein schwerer Mercedes GL 500 auf einer Dünenkuppe mit gebrochener Antriebswelle bis auf weiteres das Zeitliche segnet. Für einen privaten Wüstenausflügler wäre dies das abrupte Ende seines Ausflugs - nicht aber bei den mit schwäbischer Gründlichkeit organisierten Touren. Während sich die Gruppe in die Oase zum Abendessen zurückzieht, wird der GL von einem Expeditionslastwagen aus den Dünen gezogen, dann ins mehr als zweihundert Kilometer entfernte Tozeur geschleppt, wo gleich ein Ersatzfahrzeug mitgenommen wird, das pünktlich am nächsten Morgen auf dem Parkplatz wartet. Es ist zwar nur eine M-Klasse, aber kürzere Autos tun sich in den Dünen leichter. In der Gruppe erzeugen solche Erlebnisse keine nachhaltigen Stresssituationen.

Viele andere Spielwiesen in aller Welt

Mit der Zeit verinnerlicht man die Feinheiten des erfolgreichen Wüstenfahrens: Man lernt, dass man bei extremem Traktionsmangel Luft aus den Reifen lässt, was bei besser ausgestatteten Fahrzeugen der Kompressor macht; dass ESP und ABS in den Dünen eher überflüssig sind; oder dass man bei einem Kippwinkel von 38 Grad mit Untersetzung und Sperre auch dann gut hinunterkommt, wenn man als Fahrer so gut wie gar nichts mehr vom Untergrund erkennen kann. Und dann, wenn man glaubt, den Bogen endlich herauszuhaben, sitzt man wieder fest. „Früher hatten wir den Brauch des Bergebiers, das jemand zu spendieren hatte, wenn er aus dem Sand herausgezogen wurde“, sagt Breuninger. „Aber das haben wir aus gesundheitlichen Gründen abgeschafft.“ Auch angesichts der prohibitiven Bierpreise, die derzeit bei drei Euro für ein Hundertfünfzigmilliliterdöschen rangieren, ist das keine schlechte Idee.

Seit Geländewagen in Mitteleuropa von Miniaturlastwagen zu Statussymbolen mutiert sind, brummt das Geschäft in der tunesischen Wüste mehr denn je. Die beiden Campingplätze und das Zelthotel sind ständig gut ausgelastet, und im Badetümpel mit der heißen Quelle drängeln sich jeden Tag die Urlauber unter den Augen der Souvenirverkäufer. Einige hundert Meter außerhalb der Oase teilen sich zwei Tankstellen das Geschäft mit den Offroadern. Dahinter stehen die schlichten Hütten der Einheimischen, die in der Oase im Service arbeiten. Viele von ihnen sind eigens dafür aus Kebili hierhergezogen, einem kleinen Dorf am Rande der Salzwüste, in dem es bis 1840 noch einen Sklavenmarkt gegeben haben soll. Im nächsten Jahr werden in der Oase zwei Hotels eröffnet, richtige gemauerte Gebäude. „Dann wird es wohl hier ganz vorbei sein mit der Romantik“, vermutet Martin Breuninger. Für ihn ist das nicht so schlimm, denn die Mercedes-Offroader haben dank ihrer zwanzigjährigen Erfahrung noch viele andere Spielwiesen in aller Welt.

Schlangenbisse und ähnliche Unpässlichkeiten

Vier Wochen quer durch Australien von Sydney bis Adelaide oder in fünf Wochen von Deutschland über Polen durch Russland in die Mongolei mit der Rückreise in der Transsibirischen Eisenbahn: Solche Exkursionen kosten leicht einige zehntausend Euro und werden vor allem von betuchten Pensionären gebucht. Luxuriöse Offroad-Reisen haben längst auch die anderen deutschen Oberklassehersteller im Angebot. Bei BMW hat man vor einigen Jahren in kleinem Umfang mit Touren in die Wüsten von Namibia angefangen und freut sich über eine wachsende Nachfrage. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Zahl der Teilnehmer vervierfacht. Auch sie suchen die Kombination aus Abenteuer und Komfort. Man will viel erleben und dabei kein Risiko eingehen. Satellitentelefon und Sprechfunk sind Standard bei jeder Tour. Und wenn es wirklich einmal brenzlig werden sollte, bei Schlangenbissen oder ähnlichen Unpässlichkeiten, dann wird der Hubschrauber bestellt.

Für die Teilnehmer verliert die Wildnis zwar ihren Schrecken, nicht aber ihren Reiz. Dafür sorgen die abendlichen Gespräche an der Hotelbar, wenn die altgedienten Guides ihre Erlebnisse zum Besten geben, wenn sie davon erzählen, dass man mittags nicht mehr über die Dünen fahren soll, weil wegen des starken Sonnenlichts Konturen im Sand nicht erkennbar sind, oder dass man nachts oben auf den Hügeln campieren muss, weil Schlangen und Skorpione angeblich immer den leichteren Weg um die Düne herum suchen. Und alle schwärmen von dem intensiven Naturerlebnis und von dem speziellen Glücksgefühl, wenn man nach einer erfolgreich absolvierten Exkursion in Ksar Ghilane eine frische Dusche und ein kaltes Bier lieben lernt wie nie zuvor im Leben.

Mit dem Geländewagen durch die Wildnis

Autokonzerne: BMW schickt seine Kunden nach Namibia und dort mit dem X5 ins Gelände. Eine Woche mit Auto und Vollpension, aber ohne Flug gibt es für 3850 Euro (Telefon: 01805/324737, www.bmw-fahrertraining.de). Bei Porsche geht es nach Südafrika, und zwar von Kapstadt mit dem Cayenne in das Naturschutzgebiet Baviaanskloof. Für die siebentägige Erlebnistour zahlt man ab 9550 Euro pro Person. Günstiger ist das fünftägige Wüstencamp in Dubai ab 4490 Euro (Porsche Travel Club, Telefon: 0711/91178155, www.porsche.com). Die Reisen von Mercedes sind zu buchen bei: Mercedes-Benz, Telefon: 07732/970147, www.offroad.mercedes-benz.de.

Weitere Anbieter: Es gibt auch weitaus billigere Möglichkeiten, an organisierten Geländeexkursionen teilzunehmen. Zahlreiche kleinere Reiseveranstalter haben sich auf dieses Segment spezialisiert. Allerdings muss man oft seinen eigenen Geländewagen mitbringen und deutliche Zugeständnisse beim Komfort machen. Zwei Wochen durch Tunesien kosten zum Beispiel bei Ventura Tours 1740 Euro (Telefon: 0271/356862, www.ventura-tours.de). Die Trans-Tunesia-Tour von TC Offroad Trekking (Telefon: 04434/ 1345, www.tc-offroad-trekking.de) führt von Ksar Ghilane weiter Richtung Süden bis zur libyschen Grenze und besitzt schon intensiveren Expeditionscharakter. Für Visa und Einreisegenehmigungen sorgt der Veranstalter ebenso wie für die Wüstenausrüstung. Unterwegs wird in Zeltcamps geschlafen. Der Preis für die Fünfzehn-Tages-Tour liegt für einen Geländewagen mit zwei Personen Besatzung bei 2590 Euro.

Transafrika: Mit den Luxus-SUV-Ausflügen nichts mehr zu tun haben Touren wie die siebenwöchige Afrika-Durchquerung von Offroad Kangaroo (Telefon: 040/52679634, www.offroad-kangaroo.de). Es geht von Tunis über Libyen, Sudan, Kenia und Sambia bis Namibia. Die Strecke ist zwölftausend Kilometer lang, die Preise beginnen bei 13.900 Euro pro Person.



Text: F.A.Z., 21.02.2008, Nr. 44 / Seite R7
Bildmaterial: F.A.Z., Georg Weindl

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