Von Andreas Obst
09. März 2007 Es war das zweite Spiel am ersten Tag des Turniers. Trotz der frühen Stunde lag die Hitze schwer über dem staubigen Spielfeld direkt unter den Mauern der mächtigen Befestigungsanlage von Galle, dem Provinzstädtchen im Süden Sri Lankas. Die bunten Fahnen am Spielfeldrand wehten im Wind, doch die Brise vom nahen Meer brachte keine Kühlung. Pavillons mit Sonnendächern rahmten die Längsseiten des Spielfelds, auf den bereitgestellten Stühlen verlor sich an diesem Vormittag eine Handvoll Neugieriger.
Eine Schulklasse aus der Nachbargemeinde verteilte Zettel an die europäischen Zuschauer: Und was halten Sie von Elefantenpolo? Die Mädchen und Jungen strahlten aber auch schon, wenn man als Antwort nur seinen Namen und sein Heimatland daraufschrieb. Auf dem Feld stand die Mannschaft Spaniens dem Team aus Washington, D.C. gegenüber. Die spanischen Spieler trugen weiße Hosen und rote Hemden mit gelben Ärmeln, die Amerikaner hatten sich für blutrote Trikots entschieden.
Als Schnapsidee entstanden
Die Farben machten sich gut über den dunkelgrauen Tierkörpermassen. Beim Elefantenpolo bestehen die Mannschaften aus jeweils drei Spielern, die einander vor dem Anpfiff paarweise gegenüberstehen, wie Figuren beim Schach. Vor den beiden Toren haben sich jeweils Verteidiger und Stürmer postiert, am Anstoßkreis die beiden übrigen Spieler. Die Tiere werden von Mahouts gelenkt, den traditionellen einheimischen Elefantenführern. Hinter dem Mahout nimmt der Polospieler Platz. Seine Beine sind fest mit einem Riemen an den Sattel gebunden. So wird die Körpermitte zum Scharnier, und der Reiter kann sich weit an der Seite des Tieres in die Tiefe neigen, um den Radius seines zwei Meter langen Schlägers zu vergrößern.
Für die Spanier ist es das erste Elefantenpoloturnier, aber alle drei sind erfahrene Pferdepolospieler. Das haben sie mit ihren Gegnern aus Washington gemeinsam, die schon im vorigen Herbst in Thailand bei einem Wettkampf mit Elefanten mitwirkten. Elefantenpolo wird heute in Thailand, Nepal und Sri Lanka gespielt, entstanden ist der Wettbewerb erst vor fünfundzwanzig Jahren: in einer Bar in St. Moritz als Schnapsidee eines schottischen Abenteurers und eines englischen Hoteliers aus Nepal. Inzwischen hat sich das Elefantenpolo seine eigenen Legenden erfunden. Es geht die Rede, englische Offiziere und Kolonialbeamte hätten das Spiel einst in Afghanistan erprobt.
Das Spiel kennt nicht viele Regeln
So mutmaßt jedenfalls der umtriebige Hotelier Geoffrey Dobbs, der die junge Sportart nach Sri Lanka gebracht hat - und Spieler aus seinem weltweiten Bekanntenkreis dazu. Mit ihrer Entourage bilden sie einen Zirkel ansteckend gutgelaunter Exzentriker, die einmal im Jahr für eine Woche eine Art freundliches Neukolonialflair über Galle bringen: tagsüber beim Elefantenpolo auf dem Feld vor dem Fort, abends bei festlichen Dinnereinladungen, informellen Strandpartys und einer abschließenden, rauschenden Ballnacht im ersten Haus am Platz mitten in der pittoresk verfallenden Altstadt.
Elefantenpolo zu spielen sei wie auf dem Dach eines Autobusses mit platten Reifen zu sitzen und während der Schlingerfahrt zu versuchen, mit einer Lanze einen Golfball zu treffen. So hatte der Stadionsprecher zu Beginn des Turniers die Kunst und Tücken des Spiels beschrieben. Auch als Zuschauer hat man das Prinzip schnell begriffen: Elefantenpolo kennt nicht viele Verbindlichkeiten. Nicht im Regelwerk und schon gar nicht in seiner Auslegung.
Kein Sport für Ungeduldige
Eher ist Elefantenpolo ein Kuriositäten- ballett, eine Art Riesenrasenschach, bei dem die Figuren aus eigenem Antrieb eigenartige Züge und Pirouetten beschreiben - die Tonnage eines Elefanten etwa lässt den apfelsinengroßen Ball im Sand noch kleiner erscheinen, als er ohnehin ist. Verzögerung ist Teil der Strategie: Geschickten Spielern gelingt es, den Ball vor dem Gegner in Sicherheit zu bringen, indem sie ihn unter den Körper des eigenen Reittiers lenken. Ein ums andere Mal tritt der Elefant auch einfach auf den Ball - dann bleibt er mitunter für längere Zeit verschwunden.
Ein Spiel besteht aus zwei Halbzeiten, die Chukkas genannt werden und auf sieben Minuten festgelegt sind. Da aber die eigentliche Spielzeit gezählt wird, kann eine Partie viel länger dauern. Elefantenpolo ist kein Sport für Ungeduldige, vielmehr für Ästheten und Bildersammler. Ein Schlag über das gesamte Spielfeld, durch zahlreiche Elefantenbeine hindurch ins gegnerische Tor wird gefeiert wie seinerzeit ein Golden Goal beim Fußball. Herren dürfen den Poloschläger nur mit der rechten Hand führen, Damen mit beiden Händen. Im Zweifelsfall entscheidet der Schiedsrichter über das Geschlecht des Spielers.
Gemeinsame Sprache, die auch die Tiere verstehen
So steht es in den Regeln der Ceylon Elephant Polo Association, die auch bei ihrem sechsten Turnier in Galle keinen Zweifel daran ließ, dass Elefantenpolo vor allem von den Schauwerten seiner Großdarsteller lebt - auch wenn die Spieler gelegentlich davon träumen, ihre Disziplin in den Kanon der Asien-Spiele aufzunehmen, der im Vier-Jahres-Turnus veranstalteten Wettkämpfe asiatischer Staaten. Dass die Kenntnis des Elefantenpolospiels nicht Voraussetzung ist für die Teilnahme an einem Turnier, hatten Spieler und Zuschauer schon früher am Morgen erkennen können.
Da unterlagen die Taprobane Tuskers, das nach seiner Privatinsel vor der Südküste benannte Team von Dobbs, einer Mannschaft einheimischer Polizisten mit zehn zu vier Toren. Die Tuskers, Sieger des Vorjahresturniers, hatten im Bewusstsein ihrer Überlegenheit den Gegnern drei Tore vorgegeben. Noch Tage später lieferte die Niederlage den Anlass für manche Sottise in der Elefantenpolo-Gemeinde. Schließlich einigte man sich darauf, das Debakel sei vor allem dem Umstand geschuldet, dass sich die srilankischen Polizisten mit ihren Mahouts in einer gemeinsamen Sprache verständigen können, die auch die Tiere verstehen.
Fütterung mit riesigen Milchflaschen
Die asiatische Art der Elefanten gilt als besonders gelehrig. Seit viertausend Jahren dienen Elefanten den Menschen als Reit- und Arbeitstiere, in Sri Lanka werden bis heute noch einige Dutzend gezähmte Tiere in Plantagen eingesetzt. Etwa dreieinhalbtausend Elefanten leben frei im Lande - von dreißigtausend, die man um das Jahr 1900 zählte. Das Nebeneinander von Mensch und Elefant führt immer wieder zu Konflikten. In dem Maße, wie sich die Felderwirtschaft ausbreitet, verringert sich der natürliche Lebensraum der Tiere. Elefanten trampeln die Ernte nieder und werden von den Bauern gejagt, manchmal trampeln die Tiere in ihrem Zorn auch Menschen nieder.
Aber auch Sri Lankas größte touristische Attraktionen sind mit dem Elefanten verbunden, dem Symboltier des Landes. Da ist, an der Straße von der Hauptstadt Colombo in die alte Königsstadt Kandy, das Elefantenwaisenhaus von Pinnawela. Dort kann man jungen Elefanten beim Bad im Fluss zuschauen und der Fütterung mit riesigen Milchflaschen, die ihnen von ihren Betreuern routiniert ans Maul gesetzt werden.
Das Brüllen des Mahouts ignoriert
In Kandy selbst ist gleich neben dem Zahntempel Dalada Maligawa, dem wichtigsten Heiligtum des Landes, ein kleines Museum für den Elefanten Raja entstanden. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang führte das Tier die alljährliche religiöse Prozession durch die Stadt an, eines der größten Feste im buddhistischen Kalender. Heute steht Raja, der 1988 starb, ausgestopft in einer Vitrine, die den kleinen Raum beherrscht. Und schließlich gibt es auf dem Weg vom Hochland zur Südküste den Uda-Walawe-Nationalpark, ein Naturparadies abseits der touristischen Hauptrouten, wo man im Sonnenuntergang große Herden wilder Elefanten beim Bad im Überschwemmungsgebiet des Stausees beobachten kann: ein Schauspiel von stiller ewiger Schönheit.
An jenem ersten Morgen des Elefantenpoloturniers in Galle jedoch, im zweiten Spiel zwischen Spanien und den Capitol Pachyderms aus Washington, versagten die Erklärungsmodelle über den Elefanten und seine Bedeutung für Sri Lanka. Man hätte die Warnzeichen deuten müssen. Dass sich einer der Elefanten unvermittelt auf dem Feld niederkniete und den Kopf gegen den rauhen Sandboden stieß und lange das Brüllen des Mahouts in seinem Nacken und die Schläge mit der Gerte auf den Rüssel ignorierte, bevor er sich unwillig wieder aufrappelte. Kurz darauf trompetete es ärgerlich von einer Ecke des Platzes.
Ein Haufen schwankendes Blech
Ein Tier hob den Rüssel wie zur Warnung. Und dann brach das Inferno los. In einer Staubwolke schoss ein anderer Riese, der Turnierelefant 15 C, gegen die Fortmauer, seine Reiter rutschten aus dem Sattel und stürzten zu Boden. Das vier Tonnen schwere Tier brach zur Seite aus und schoss über das Spielfeld, dann stand es plötzlich still und stierte in Richtung Zuschauer. Es lief ein paar Schritte, um neuerlich anzuhalten.
In Sekunden waren die Zuschauerreihen geräumt, das Publikum wurde von Helfern aus dem Stadion gedrängt. Dann ging der Elefant auf einen Kleinbus los, der am Rand des Spielfelds geparkt stand. Immer wieder stieß er seinen Kopf gegen das Fahrzeug, ließ den Rüssel auf das Dach krachen, bis sich der Bus in einen Haufen schwankendes Blech verwandelt hatte. Das Turnier wurde abgebrochen. Doch am nächsten Tag nahm es seinen Verlauf, als sei nichts geschehen. Nur Elefant 15 C sah man nicht wieder.
Text: F.A.Z., 08.03.2007, Nr. 57 / Seite R1
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb, Reuters
