Kambodscha

Wer Ziffern schrieb, der mußte sterben

Von Andreas Obst

13. August 2003 Geradezu reflexartig rühmen Kambodscha-Reisende die stille natürliche Schönheit des Landes und die anrührende Freundlichkeit der Menschen. Und oft sind die Worte der Fremden grundiert mit jenem nachmitfühlenden Unterton des Wissens um das Leid dieses südostasiatischen Volks während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer. Von gewieften Kambodscha-Kennern kommt gelegentlich noch das Erschrecken darüber, wie eine Kultur, die das steingewordene Imperium Angkor schuf, auch die Barbarei des Regimes Pol Pot hervorbringen konnte - tausend Jahre später.

Alle Gutmenschphrasen verstummen beim Gang durch das Tuol-Sleng-Museum, mitten in einem dichtbesiedelten Stadtviertel im Süden der Hauptstadt Phnom Penh. Auf dem Gelände einer ehemaligen Schule ist die Geschichte der Terrorjahre von 1975 bis 1979 wie unter dem Brennspiegel gebündelt. Das ist wörtlich zu nehmen, denn die Sonne brennt auf den Rasen, wo unter Palmen und irritierend blühenden Frangipani-Bäumen die schmucklosen Gräber jener vierzehn Gefangenen gereiht sind, denen ihre Peiniger noch im Moment der Befreiung durch die Truppen aus dem Nachbarland Vietnam die Kehlen durchschnitten hatten. Die Sonne brennt in die vier sandfarbenen, zweistöckigen Gebäudekomplexe, deren gleichförmige Klassenzimmer in unterschiedliche Vorhöfe der Hölle verwandelt wurden: Massen- und Isolationszellen für Männer, Frauen, Kinder, Folterkammern, Verhörräume. Die Sonne verfolgt den Besucher sogar hinein in den dunklen Saal im ehemaligen Gebäude der Wärter, wo heute die Klimaanlage röchelt und grobkörnige Schwarzweiß-Filmbilder von der Passion des Volks in den Jahren des Schreckens über eine Leinwand zittern.

Die Vernichtung der Intelligenz

Der Film, in dem zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen - Greise, die ihre Kinder verloren, alte Frauen, die den Tod der ganzen Familie beklagen -, ergänzt die banalen Relikte des Grauens in den ehemaligen Klassenräumen: die durch grobe Bretterwände getrennten Einzelzellen, die rostenden Fußketten, den Stapel Blechgeschirr in einer Ecke des Treppenhauses, die Folter- und Tötungswerkzeuge - Axt, Schaufel und sogar den Stock eines Schirms. Und da ist jene Wand, an die Verhaftete Ziffern schreiben mußten. Wer Striche in den Putz ritzte, bewies in den Augen der Peiniger seine Unschuld, denn er war offenbar ungebildet - wer arabische Zahlen schrieb, galt als Intellektueller. Die Intelligenz im Staat physisch zu vernichten war von Anfang an Hauptziel der Roten Khmer.

Nicht viele ausländische Touristen finden den Weg in dieses Museum, das schon 1980 eröffnet wurde; für kambodschanische Schulkinder hingegen ist der Besuch obligatorisch. Ihre Rufe schallen durch die Anlage. Die wenigen Fremden tasten sich wortlos durch das hitzeglühende Halbdunkel, von einem Gebäude zum nächsten. Die Wände mehrerer Räume im "Gebäude B" sind vollständig mit Fotos von Gefangenen bedeckt, aufgenommen unmittelbar nach ihrer Einlieferung. Zwanzigtausend sollen hier insgesamt eingesperrt gewesen sein. Nicht mehr als drei bis sechs Monate verbrachte ein Häftling im Tuol-Sleng-Gefängnis, dann wurde er getötet. Die meisten transportierte man dazu an den Stadtrand, in das Vernichtungslager Choeung Ek. Die stumpfen Blicke der Frauen und Männer auf den vergilbenden Fotos bohren sich in den Rücken des Betrachters. Der letzte Raum im "Gebäude D" wurde erst unlängst eingerichtet. Zwei Schränke stehen da, randvoll mit Schädeln. Man fand sie beim Bau eines Hauses auf dem Nachbargrundstück.

Information: Das Tuol-Sleng-Museum in Phnom Penh befindet sich in der 103. Straße, die gelegentlich auch als 113. Straße bezeichnet wird. Es ist täglich zwischen 7.30 und 11.30 Uhr sowie 14 und 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Ausländer zwei Dollar.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2003, Nr. 187

 
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