Motorradreise

Auch harte Biker haben einen weichen Po

Von Dietrich Hub

08. April 2008 Einen Motorradurlaub mit dem Autoreisezug zu beginnen erscheint auf den ersten Blick etwas seltsam. Doch jeder Biker weiß, dass stundenlange Fahrten im Sattel erheblich anstrengender sind als dieselbe Strecke im Autositz. Wer also nicht nur Zeit und an den Reifen Profil sparen will, sondern dazu noch seinen Rücken schonen möchte, nutzt gerne die Möglichkeiten der Bahn für eine stressfreie Anreise, um dann umso mehr Spaß am Ziel zu haben. Etwa ein Drittel der Kapazität von Autoreisezügen wird inzwischen von Motorradfahrern belegt. Die Deutsche Bahn wirbt gezielt um diese Kundschaft und legt immer wieder Sonderangebote auf - für 99 Euro etwa kommt man dann samt seinem Motorrad im Liegewagen nach Südfrankreich, Österreich oder Italien, für vierzig Euro mehr sind auch Sozius oder Sozia mit dabei.

Den neuesten Stand der Technik sollte allerdings niemand erwarten. Es sind oft altertümliche Züge, die eingesetzt werden, dieselben Waggons, mit denen man Neuwagen vom Werk oder vom Hafen zu Händlern transportiert. Die meisten dieser Waggons stammen aus den siebziger Jahren. Damals war es sehr modern, dass man zehn VW-Käfer in einem einzigen Eisenbahnwagen unterbringen konnte. Der Spurweite und der Höhe der unteren Ladeebene merkt man es an, dass die Waggons für kleinere Autos gebaut wurden als für die heute üblichen Fahrzeugtypen. Die Motorradfahrer - für sie waren die Wagen ursprünglich gar nicht vorgesehen - stört das nicht, abgesehen davon, dass sie beim Vorfahren bis zum zugewiesenen Stellplatz wegen der geringen Höhe der unteren Ebene den Kopf einziehen müssen.

In einem Abteil mit anderen Motorradliebhabern

Autoreisezüge bestehen aus den Autotransportwagen, Liege- und Schlafwagen sowie Bistro- oder Restaurantwagen. Einige der Speisewagen sind sogar noch die legendären „Streifenhörnchen“ mit ihren charakteristischen orange-braunen Polsterbezügen und dem Charme vergangener Zeiten. Die Qualität der Speisen ist überdurchschnittlich, die Preise sind es auch. Die Kleiderordnung im Speisewagen des Autozugs unterscheidet sich deutlich vom Business-Stil der ICE-Klientel. Die Bandbreite reicht von der Freizeitkleidung der Autotouristen bis zu schwarzer Lederlatzhose samt Motorradstiefeln der Zweiradfraktion. Einem Harley-Davidson-Club in Leder mit Jeansweste samt der üblichen Totenkopfaufnäher darauf, „Kutte“ genannt, kann man ohne weiteres begegnen und dabei feststellen, dass auch Rocker älter werden. Wesentlich braver als ihr Hells-Angel-Image sind sie sowieso.

Die Sitzplätze eines Liegewagens sehen in „Tagposition“ aus wie ein normales Zugabteil, nur dass man im Mittelgang parallel zu den Sitzen einen Tisch im Format eines Bügelbrettes einhängen kann. Davon machen viele Reisende Gebrauch und packen reichlich Vesper und Weinflaschen aus. Kein Schild verbietet das. Die gemütliche Stimmung aus vielen Abteilen ist manchmal noch draußen auf dem Gang zu hören. Gegen Abend wird es dann ruhig, entweder aufgrund eigener Einsicht im Abteil oder nach dem freundlichen Hinweis eines Schaffners ins Abteil hinein. Mit den Zugbegleitern sollten es sich die Reisenden schon deswegen nicht verscherzen, weil sie für das Umklappen der Polster benötigt werden - eine Prozedur für Fachleute.

In der „Nachtposition“ wird das Sitzpolster zur Schlaffläche, darüber werden zwei weitere Liegen von der Wand ins Abteil geklappt. Üblicherweise wird ein Abteil trotz seiner sechs Sitz- und Liegeplätze nur mit vier Personen belegt. Als alleinreisender Motorradfahrer kann man bei der Buchung den Wunsch äußern, in einem Abteil mit anderen Motorradliebhabern untergebracht zu werden. Die DB AutoZug GmbH vertraut offensichtlich auf die Solidarität der Biker untereinander, auch wenn sie auf der Schiene unterwegs sind.

Abfahr nur an wenigen Bahnhöfen

Mit Hilfe einer Leiter gelangen die oberen Schläfer in ihre Betten. Im Jugendherbergsambiente dämmert man mit dem beruhigenden „Klack-Klack“ der Schienengeräusche in die Nacht hinein. Ein Leselämpchen gibt es auch noch. Bequemer als die Liegewagen sind die Schlafwagenabteile, die fast schon an eine Kabine auf einem Kreuzfahrtschiff erinnern. Sie haben drei Sitze beziehungsweise Betten, dazu ein Waschbecken, in der De-Luxe-Version sogar einen Sanitärraum mit Toilette. Für die Liegewagenpassagiere gibt es pro Wagen zwei dürftige „Waschgelegenheiten“ sowie zwei Toiletten. Immerhin hat die Bahn auch in den alten Zügen inzwischen das alte Donnerbalkenprinzip abgeschafft. Morgens bringen die Zugbegleiter ein Frühstückspaket ins Abteil, wobei die Eisenbahner dabei offensichtlich den Appetit kräftiger Biker gewaltig unterschätzen.

Vom übrigen Zugverkehr unterscheiden sich die Autozüge auch dadurch, dass sie nur von wenigen Bahnhöfen aus starten. Der Grund dafür sind die Rampen, die zur Auf- und Abfahrt der zu transportierenden Fahrzeuge nötig sind. In einem normalen Bahnhof kann kein Autozug beladen werden. Deshalb gibt es spezielle Autozugterminals in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, Hildesheim, Lörrach, München, Neu-Isenburg, Niebüll, Rostock, Sassnitz, Troisdorf und Westerland. Das Terminal Kornwestheim bei Stuttgart wurde zum Ende der Sommersaison 2007 geschlossen. Herkömmliche Reisende werden im Autozug nicht mitgenommen. Einmal an den Verladeterminals bepackt, fährt der Autozug bis zum Zielort durch. Die „betriebsbedingten Stoppstellen“ werden per Lautsprecherdurchsage inzwischen als „Raucherpause“ angesagt. Denn geraucht werden darf in Zügen grundsätzlich nicht mehr.

Wie bei einem modernen Fährschiff

Die Zielorte sind Avignon, Fréjus und Narbonne in Frankreich, Bozen, Verona, Livorno und Neapel in Italien sowie Salzburg und Villach in Österreich. Allerdings verkehren keineswegs alle Autozüge von jedem Terminal aus dorthin. Nach Südfrankreich etwa starten die Züge nur von Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Hildesheim und Neu-Isenburg aus. Je nach Heimatort muss ein Motorradfahrer also zuerst eine längere Strecke auf eigenen Rädern zurücklegen, bevor er in den Autozug umsteigen kann. Am Reiseziel angekommen, wird der Eisenbahnwagen in umgekehrter Richtung an die Auffahrt rangiert, so dass die Auto- und Motorradfahrer in Fahrtrichtung hinausfahren können - wie bei einem modernen Fährschiff mit „Roll on-roll off“-Beladung.

Ganz reibungslos funktioniert das indes nicht immer. In Düsseldorf und Neu-Isenburg zum Beispiel sind die Auffahrrampen so konzipiert, dass die obere und die untere Ebene der Waggons gleichzeitig beladen werden können. In Narbonne wird stattdessen für beide Ebenen eine höhenverstellbare Rampe verwendet, dementsprechend länger dauert die Verladeprozedur. Noch unverständlicher ist die Rückfahrt. Es vergehen zweieinhalb Stunden, bis die beladenen Autotransportwaggons an die Personenwagen angekoppelt sind und der Zug endlich abfahren kann. So lange dauere das Rangieren zwischen Verladeterminal und Bahnhof, sagt das französische Zugpersonal. Der Motorradbahnfahrer wundert sich und hängt noch einen Stadtbummel durch Narbonne dran.

Mit dem Motorrad im Autoreisezug

Informationen: Über Preise, Strecken, Abfahrtszeiten und spezielle Sonderangebote für Motorradfahrer kann man sich im Internet unter www.dbautozug.de oder beim Autozug-Telefon (01805/ 241224) informieren.

Preisbeispiele: Die Fahrt von Neu-Isenburg nach Narbonne kostet ab 209 Euro pro Strecke (ein Motorrad, eine Person im Liegewagen), zwei Personen zahlen ab 418 Euro. Schlafwagenabteile sind nur komplett buchbar, die Fahrt von Neu-Isenburg nach Narbonne kostet dann ab 449 Euro pro Strecke. Die Preise für die Verbindung Berlin-Villach beginnen bei 179 Euro (eine Person im Liegewagen, ein Motorrad), Düsseldorf-Verona kostet ab 199 Euro pro Strecke.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt

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