Australien

Die Brücken-Bezwinger

Von Andreas Obst

04. Mai 2005 Weil es ihn gibt. Mit diesen Worten soll George Mallory einen Journalisten beschieden haben, der ihn nach dem Grund fragte, den Everest bezwingen zu wollen. Der Versuch endete nicht gut für den englischen Bergsteiger-Pionier. Seine Spur verlor sich im Juni 1924 in den eisigen Flanken des höchsten Bergs der Welt. Doch warum würde man die Harbour Bridge besteigen wollen, seit ihrer Eröffnung 1932 das Wahrzeichen Sydneys und mehr noch ein Monument für die auch technische Leistungskraft des Kontinents down under?

Die Frage führt mitten hinein in Hirn und Herz der Nation, die sich seit ihren Anfängen von der übrigen Welt abzusetzen sucht durch den zur Schau getragenen Charme des Ungehobelten und Unkomplizierten der Menschen und den unwiderstehlichen Appeal des Weiten und Wilden der Natur. Dazu zählt man dort auch Monumente aus Menschenhand, zumal wenn sie so ikonographisch sind wie die Hafenbrücke von Sydney. Längst sind die Australier davon überzeugt, daß ihr Kontinent es sei, der wahrhaftig unbegrenzte Möglichkeiten biete, und nicht etwa Amerika, das Land der Vorschriften und Versicherungsfälle.

The Climb of your life

Tatsächlich mag es heute verwundern, warum die Idee vom Aufstieg für alle auf den Scheitel des Stahlkolosses, 134 Meter über dem Meeresspiegel, erst nach fast siebzig Jahren Möglichkeit und Ereignis zugleich wurde. Den Einfall hatte der Geschäftsmann Paul Cave. Dessen Schwiegervater war es, der die als Familienkostbarkeit aufbewahrte erste Fahrkarte für die erste Überquerung der Brücke mit der Eisenbahn, am 20. März 1932, erstanden hatte.

Am 1. Oktober 1998 wurde der Stahlbogen des "Kleiderbügels", wie die Sydneysiders ihre Hafenbrücke nennen, für jedermann geöffnet, der klettern kann. Der Begriff freilich führt in die Irre. Mit Bergsteigen hat "The Climb of Your Life", den Caves eigens gegründete Firma BridgeClimb anpreist, nichts zu tun. Die Übung ist weniger sportlich als pure Sensation des Ungewöhnlichen - eben des Umstands, eine Brücke nicht über den dafür vorgesehenen Fußweg, sondern auf ihrem Rahmen zu überqueren. Es ist heute die größte Touristenattraktion Sydneys, ein spektakuläres Massenereignis, pragmatisch organisiert.

Bückenbesteigung im Zehn-Minuten-Takt

Dreihundertzwanzig Angestellte zählt BridgeClimb inzwischen, ein Drittel sind Führer. Die Brückenbesteigung findet in Gruppen alle zehn Minuten zwischen dem frühen Morgen und der Abenddämmerung statt, bis zu eintausendvierhundert Kletterer werden pro Tag gezählt. Bald anderthalb Millionen Menschen, vom Teenager bis zum Greis, haben sich bislang auf den Weg zum Stahlgipfel über der Stadt gemacht, deren Schönheit sich tatsächlich am vollkommendsten aus der Vogelperspektive erschließt.

Fotoapparate sind verboten

Ausgangspunkt des Unternehmens ist die BridgeClimb-Zentrale im Stadtteil The Rocks, einige hundert Meter östlich der Brücke. Dort muß man einen langen Fragebogen ausfüllen und sich in einen lilagrauen Bridge-climb-Overall aus hauchdünnem Polyester zwängen. Haare werden unter Kappen gebändigt, die mit einem Haken am Kragen befestigt sind, Brillen an Bändern um den Hals gesichert. Fotoapparate wie überhaupt alle losen Gegenstände sind verboten - damit nichts aus der Höhe hinabfallen kann. Die Teilnehmer selbst sind vor Stürzen durch ein kugelförmiges Schloß am Bauchgurt gesichert, das entlang der gesamten Strecke mit einem Führungsdrahtseil verbunden ist. Das schwierigste Stück sind die ersten Meter. Sie führen auf einem schmalen Drahtgittersteg unterhalb der Brückenzufahrt zum östlichen Pylon, zwei Dutzend Meter über dem Boden.

Hier dreht man um, wenn einen Schwindelgefühle überwältigen, und wer hier nicht kehrtmacht, schafft es gewöhnlich bis zum Gipfel. Im Pylon sind mehrere steile schmale Leitern zu bewältigen, dann befindet man sich auf der Höhe der achtspurigen Fahrbahn, dreiundfünfzig Meter über dem Wasser. Autos rasen vorbei, ein Zug rattert, Fußgänger blicken nicht einmal hinüber zu den Kletterern, so alltäglich ist ihr Bild mittlerweile. Von wo auch immer man in Sydney auf die Brücke schaut, man wird dort die Gruppen der Brückentouristen entdecken - auf ihrem Ameisengang 1439 Stufen hinauf oder hinunter.

Mit jedem Schritt geht man sicherer

Einige Meter höher beginnt der eigentliche Weg auf die Brücke, über breite Stufen den geschwungenen Bogen hinauf. Mit jedem Schritt geht man sicherer, der Rundumblick über Stahl und Stadt ist grandios. Auf dem Scheitel bleiben zwanzig Minuten Zeit. Dann wird die Brücke auf einem fünfzig Meter lange Verbindungsstück zwischen den Bögen überquert. Hinunter geht es auf der anderen Seite. Der Abstieg ist ein Spaziergang.

Der "Bridge Climb" in Sydney dauert dreieinhalb Stunden und kostet ab 160 australische Dollar (knapp 100 Euro) je nach Tageszeit. Im Preis eingeschlossen sind die Führung in Gruppen bis zu zwölf Personen auf den Scheitelpunkt der Brücke und zurück sowie ein Gruppenfoto und ein Zertifikat. Wer mitgehen will, muß älter als zwölf Jahre sein und sich vor der Tour einem Alkoholtest unterziehen. Die komplette Ausrüstung wird von den Veranstaltern gestellt. Informationen und Buchungen unter der Telefonnummer 0061/2/82 74 7777 und im Internet: www.bridgeclimb.com

"Harbour Bridge Experience" nennt der Veranstalter AJ Hackett Bungy die Besteigung der Hafenbrücke in Neuseelands Metropole Auckland. Der Preis beträgt 65 neuseeländische Dollar (37 Euro), 140 Dollar (80 Euro) kostet ein Kombinationspaket aus Brückenbesteigung und Bungy-Sprung von der Brücke in die Tiefe. Der Unternehmer AJ Hackett, der 1988 die weltweit erste kommerzielle Bungy-Station in Queenstown auf der neuseeländischen Südinsel eröffnete, unterhält heute Sprungzentren in sechs Ländern. Informationen unter der Telefonnummer 0064/9/3612000 und im Internet: www.aj-hackett.com

"Skywalk X" ist der jüngste Nervenkitzel von AJ Hackett: Eine Runde auf der äußeren Plattform des vor vier Jahren eröffneten Fernsehturms in der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau, angeseilt 233 Meter über dem Boden, kostet ab 190 Hongkong-Dollar (19 Euro), die Besteigung der Spitze des 338 Meter hohen Sendemasts 1000 Dollar (100 Euro). Informationen unter der Telefonnummer 00853/9888656 und im Internet: www.macautower.com.mo



Text: F.A.Z., 04.05.2005, Nr. 103 / Seite R2
Bildmaterial: Andreas Lesti, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

 
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