Von Andreas Obst
02. Februar 2007 Wenn der letzte Elefant stirbt, wird die Erde verdorren, lautet ein afrikanischer Urmythos. In Kenia bestand diese Gefahr in den achtziger Jahren. Damals war die Zahl freilebender Elefanten auf ein Viertel des ursprünglichen Bestands zurückgegangen. Organisierte Wildererbanden hatten die Tiere zu Zehntausenden erschossen - ihrer Stoßzähne wegen. Da ernannte der damalige Präsident Daniel arap Moi seinen weißen Landsmann Richard Leakey zum Leiter der staatlichen Naturschutzbehörde. Leakey rüstete den Kenya Wildlife Service paramilitärisch auf und bereitete dem Unwesen der Wilderer ein gewaltsames Ende. Seine Initiative trug auch dazu bei, den Handel mit dem weißen Gold weltweit zu ächten. Man erinnert sich der spektakulären Bilder, als in Nairobi Berge von Elfenbein demonstrativ verbrannt wurden.
Moi und Leakey, selbst eigene Arten von Elefantenbullen, einander auch im Ringen um Macht verbunden, sind beide nicht mehr im Amt, und Kenia wird weiter von den alten Problemen gequält. Politik, Korruption und Naturschutz sind dort seit je unentwirrbar eins. Doch über den dumpfen Grautönen unter der Äquatorsonne leuchten umso heller einzelne Lichtgestalten. Fast wie eine Heilige wird Daphne Sheldrick verehrt. Die heute Zweiundsiebzigjährige ist die Witwe des Naturschützers David Sheldrick, der den Tsavo-Nationalpark mitbegründete, das größte und bis heute wildeste Naturschutzgebiet Kenias. Im vorigen Jahr verlieh die englische Königin Daphne Sheldrick den Ehrentitel Dame, zur Feier der Auszeichnung in der Residenz des High Commissioner in Nairobi versammelten sich alle, die im Lande Rang und Namen haben.
Dickhäutiges Kindermädchen
Am Rand des Nationalparks der Hauptstadt hat sich Daphne Sheldrick nach dem Tod ihres Mannes vor dreißig Jahren ein Haus errichtet. Die Räume sind durch die umstehenden Bäume verdunkelt, die Einrichtung bezeugt, dass die Bewohnerin wenig Wert auf repräsentative Auftritte legt. Eigentlicher Mittelpunkt des Anwesens sind Ställe und Gehege. Der David Sheldrick Wildlife Trust ist ein privates Tierasyl, in dem Dutzende Freiwilliger aus aller Welt hilflos in der Wildnis gefundene Jungtiere pflegen und aufziehen.
Derzeit hat Daphne Sheldrick zwei Dutzend Büffel, Antilopen und Zebras in Pension, doch ihre besondere Aufmerksamkeit gilt den Elefanten - perfekten Tieren, die in einer perfekten Welt keine Feinde haben. So doziert sie bei einer Tasse Tee auf der Terrasse ihres Hauses, von der man einen weiten Blick über die Savannenlandschaft hat. Lange philosophiert sie über die Eigenschaften, die Mensch und Elefant teilen, die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, das ausgeprägte Sozialverhalten. Schließlich kommt sie auf ihren Liebling Eleanor zu sprechen, eine Elefantendame, die unter der Obhut der Sheldricks als Waise aufwuchs und dann wie selbstverständlich die Rolle annahm, im Tsavo-Park für die ausgewilderten jungen Elefanten zu sorgen, die nach einigen Jahren aus den Gehegen von Nairobi zurück in die Freiheit gebracht werden.
Vom Souvernir-Laden ins Wohnzimmer
Eleanor führte gewissermaßen Daphne Sheldricks Arbeit im roten Staub von Tsavo fort. Bis die Elefantendame vor zehn Jahren schwanger wurde und sich von ihren Schutzbefohlenen zurückzog. Sie fürchtete, so hat man es sich erklärt, dass die Menschen, die ihr über Jahre fremde Elefantenbabys brachten, ihr nun den eigenen Nachwuchs wegnehmen würden. Zehn Jahre verstrichen, doch kürzlich ist Eleanor zurückgekehrt zu den jungen wilden Elefanten von Tsavo, um ihren Vertrag zu erneuern, wie Daphne Sheldrick sagt.
Die Uhr zeigt kurz vor elf, und Dame Daphne springt auf. Das Tierasyl ist auch eine Touristenattraktion. Gleich werden sich die Tore öffnen und Fremde auf das Grundstück strömen. Es ist die Zeit des Tages, da die jungen Elefantenwaisen mit ihren Betreuern spielen, was vor allem bedeutet, dass alle einander mit Wasser bespritzen. Dicht gereiht stehen die Zuschauer und fotografieren. Zwischen den Ställen ist ein kleiner Basar errichtet. Dort kann man Souvenirs kaufen und sich über die Stiftung informieren. Manchmal dringt ein Besucher bis in Dame Daphnes Wohnzimmer vor, die Grenzen zwischen Tierpark und Haus sind fließend, aber so hat Daphne Sheldrick ihr Leben immer geführt: zusammen mit Menschen und Tieren.
Information: David Sheldrick Wildlife Trust, P.O. Box 125555, 00503 Mbagathi, Nairobi, Kenia, Telefon: 00254/20/891996, im Internet: www.sheldrickwildlifetrust.org. Der Eingang befindet sich am Mbagathi Gate des Nairobi National Parks, Besucher haben täglich zwischen 11 und 12 Uhr freien Zutritt, eine Spende wird erwartet.
Text: F.A.Z., 01.02.2007, Nr. 27 / Seite R4
Bildmaterial: AP