Himalaya

Das ist doch die Höhe!

Von Jochen Buchsteiner

15. Februar 2005 

Samstag

Der Grenzübergang nach Ladakh

Der Grenzübergang nach Ladakh

Trekker sind sonderbare Leute. Obwohl sie die frische Luft und das Abenteuer lieben und ihren Urlaub ganz freiwillig in Wanderstiefeln verbringen, sehen sie meistens ernst aus, fast bedrückt, so als zwinge sie jemand in Todesnähe. Um den Strapazen gewachsen zu sein, tragen die Frauen praktische Kurzhaarfrisuren und die Männer Sandalen mit Profilsohle. Im normalen Leben würde man wohl einen Bogen um sie machen, aber am Flughafen Delhi, morgens um fünf, machen sie einen guten Eindruck. Etwas Diszipliniertes, Umsichtiges umgibt sie, eine Art Mission, mit der sie sich von den Indern, die gewohnt übellaunig ihrem Flug nach Achmedabad oder Patna entgegendämmern, wohltuend abheben.

Warum um Himmels willen, fragen wir beim Einsteigen, fliegt Jet Airways mitten in der Nacht nach Leh? "Damit sie früh ankommen", antwortet die Stewardeß schnippisch. Nach einer Stunde werde ich von einem Knuff des Sextaners geweckt. "Papa, schau! Dagegen sind die Alpen gar nichts - oder das Siebengebirge!" Unter uns haben sich die Himalaja-Gipfel aufgebaut und berühren beinahe den Flugzeugrumpf. Die schöne Ärztin guckt aus dem Fenster und stammelt müde: "Das ist ... irgendwie ... wie soll ich sagen ... ich weiß auch nicht ..." - "Du redest wie eine schlechte Reporterin", sagt der Sextaner.

Die Luft in Leh ist fürchterlich dünn. Das angekündigte Sauerstoffzelt steht nicht an der Gangway, aber zum Kollabieren ist einem trotzdem zumute. Ringsum ragen die Berge empor und machen fast vergessen, daß wir in nur achtzig Flugminuten auf eine Höhe von 3500 Metern katapultiert worden sind. Immer wieder atme ich tief ein, und doch ist in den Lungen nicht der Hauch eines Widerstandes zu fühlen. Seltsam schwebend nähern wir uns dem Flughafengebäude, das einer Autobahnraststätte aus den fünfziger Jahren ähnelt.
In der Gepäckhalle wird erstmals deutlich, daß wir uns nur administrativ auf indischem Terrain befinden. Der Fußboden ist ungewohnt sauber, die Bilder an der holzgetäfelten Wand vermitteln fast so etwas wie Heimeligkeit. Frauen mit traditionellen Himalaja-Dirndls und freundlich-verwitterten Berggesichtern reichen "Registration Forms" herum. Vor der Tür wartet ein Mann von der Trekking-Agentur "Rimo" und bringt uns ins Hotel. Obwohl es erst acht Uhr morgens ist, verbringen wir den Rest des Tages im Bett. Alle machten das so, versichert man uns später. Die Höhenluft, sagen sie. Der Nachtflug, denken wir.

Sonntag

Leh ist ein Drecksnest. Es stinkt nach Urin und Dieselöl. In den Rinnsalen am Rand der Gassen staut sich braune Brühe, in der Müll schwimmt. Die Geschäfte bieten die üblichen Tücher feil, vor manchen hängen Lederjacken. In der "German Bakery" verkaufen zwei Sikhs Cashewnutkekse und Jak-Käse. Die Bergfreaks, die hauptsächlich aus Frankreich und Israel kommen, schlendern durch die staubige Stadt und verschwinden in Internet-Cafes, die sie schnell wieder verlassen, weil in Leh alle paar Minuten der Strom ausfällt.

Der ganze Unsinn begann, als mein Kollege Oliver, der stets vom entbehrungsreichen Leben in Delhi gezeichnet ist, zu einer Fernsehnacht erschien und so unverschämt gesund aussah, daß wir alle wie aus einem Mund fragten: Wo kommst du denn her? - "Ladakh!" hatte er gesagt, und es klang sehr stolz.

Ladakh. Allein der Klang läßt klare Bergluft heraufziehen. Leider liegt Ladakh in Indien, weshalb ich es als Urlaubsziel nie näher in Betracht gezogen hatte. Aber Oliver bestand darauf, daß Ladakh mit Indien nicht viel zu tun habe und eher an Tibet erinnere, und so ließ ich den ungeheuerlichen Gedanken zu. Noch am selben Abend hatte ich die E-Mail-Adresse der Trekking-Firma "Rimo" in Leh notiert.

Die Vorbereitungen begannen. Was nimmt ein Städter auf eine Expedition in den Himalaja mit? Alpenerfahrung hatte ich reichlich. Aber wie besteigt man einen Vier-, einen Fünf-, vielleicht sogar einen Sechstausender? Ich besorgte mir eine Khakiweste mit vielen Taschen für ein Messer, einen Kompaß, Bonbons für den Druckausgleich, Sunblocker und Aspirin, dazu eine Auswahl von Sonnenkappen und einen Polarschlafsack.
Den Rucksack lassen wir im Hotel, als wir losfahren, um das buddhistische Kloster in Thikse anzuschauen. Die Nacht war nicht sehr erholsam und endete mit rasenden Kopfschmerzen, die sich erst auf dem Weg aus der Stadt verflüchtigten. Die Ärztin hat eine Monsterpackung Aspirin eingepackt, die nie in meiner Khakiweste Platz gefunden hätte. Aus dem Kloster gibt es einen grandiosen Blick auf die Berge. Als wir aufbrechen wollen, müssen wir dem Obermönch den Weg freimachen, der, begleitet von traditionell gewandeten Mädchen und männlichen Trommlern, den Berg hinabsteigt und dabei sehr zufrieden aussieht.

Lesestunde im Himalaya

Lesestunde im Himalaya

Der zweite Tag ist fast überstanden. Wir lassen den Abend im Hotelgarten herandämmern. In der einen Ecke unterhalten sich ein paar Franzosen, in der anderen sitzt eine alte Dame und liest "Jesus lived in India". Es ist friedlich und ein bißchen frisch, und ohne mich wehren zu können, überwältigt mich ein reichlich deplaziertes Deutschlandgefühl. Der Apfelbaum vor uns, die Pappeln, die sich im Wind biegen, die Hecke, hinter der Kartoffeln wachsen. Zum Frühstück gab es "Müsli".

Montag

Wir fühlen uns wie nach einer durchzechten Nacht. Nominell haben wir zwölf Stunden geschlafen, aber die Ärztin lag stundenlang wach, und der Sextaner "torkelte" nach eigenen Angaben mehrfach aufs Klo. Erstmals fällt vorsichtig das Wort von der "Höhenkrankheit". Dabei sind wir doch noch im "Tal"!
Heute fahren wir den Indus stromabwärts, die Berge, auf die wir bald hochsteigen wollen, fest im Blick. Die Berater von "Rimo Expeditions" hatten "eine Woche Akklimatisierung" vor dem Trek empfohlen, aber wir haben sie auf drei Tage heruntergehandelt. So viel Klöster gibt es auch nicht anzuschauen, und irgendwann müssen wir auch wieder arbeiten.

Hinauf, hinauf, hinauf: auch über aufsteigende Steinwüsten

Hinauf, hinauf, hinauf: auch über aufsteigende Steinwüsten

Der Weg nach Basgo und Alchi führt an Klippen entlang, die streckenweise dem Grand Canyon ähneln. Oft fahren wie haarscharf am Abgrund vorbei, dann wird es ganz still im Jeep. Draußen ist es unerträglich heiß. Wir spannen unsere Sonnenschirme auf, die wir gestern im Bazar gekauft haben. Die Klöster bieten besseren Schutz. Sie sind voller Wandmalereien, manche tausend Jahre alt, und wir rätseln, wie sie dieses Klima zwischen brütender Hitze und Polarkälte wohl überlebt haben.

Am Abend, im Hotelgarten, singt der Muezzin. Selbst wenn die Muslime, wie in Leh, in der Minderheit sind, tun sie immer so, als gehöre ihnen die ganze Stadt. Morgen werden wir so tun, als seien wir Bergsteiger. Morgen beginnt der Trek.

Dienstag

Immer tiefer stößt der Jeep ins Tal hinein, bis er vor einer kleinen Ponyherde stehenbleibt. Es sind unsere Pferde, schwer beladen mit zusammengerollten Zelten und Alukisten, aus denen bald Gabeln, Messer, Löffel, Tassen, Teller und Nahrungsmittel ausgepackt werden sollen. Viele Menschen schütteln uns mit sorgenvollen Mienen die Hand, ein Bergführer aus Nepal, unser Guide aus Ladakh, ein Koch, ein Helfer des Kochs und ein Ponyaufseher. Dann wandern wir los.

Nach fünf Stunden steilem Aufstieg bricht der Sextaner die angestrengte Stille: "Hatten die nicht gesagt, der erste Tag ist was für Kinder?" Mir fehlt der Atem zum Antworten, aber ich hatte mir den "Eingewöhnungstag" auch anders vorgestellt. Die Ärztin läuft weit entfernt, sie schmollt schon den ganzen Tag. Etwas hat ihre Augen angegriffen, die Höhenluft oder der "Lehberry Juice", abgepackt in Kaschmir, den sie seit Tagen literweise in sich hineinschüttet. Jetzt findet sie sich häßlich, und meine gutgemeinte Feststellung, daß rote Augen in den Bergen doch egal seien, hatte alles nur noch schlimmer gemacht.

Als es immer dunkler wird und sich hinter jedem Felsen ein neues, unendlich weites Tal öffnet, bricht der tapfere Sextaner in einen Weinkrampf aus, worauf er sich wieder fängt und gestärkt vorausläuft. Mit letzter Kraft erreichen wir Shang Poo, den eigens für uns hergerichteten Campingplatz, und kriechen wortlos in unser Zelt.
Als Kumar, unser Führer aus Nepal, zum späten Abendessen ruft, sagt die Ärztin leise: "Ich bin zu müde zum Essen. Ich bin auch zu müde zum Lesen, und ich bin zu müde zum Reden. Das ist doch nicht schön."
"Nein", sage ich, "das ist nicht schön."

Trinken will sie auch nichts, weil sie Angst hat, über einen Jak zu stolpern, wenn sie nachts aufs Klozelt muß.
Erstaunlich, was ein Koch auf 4500 Metern alles zubereiten kann. Wir registrieren das respektvoll, nicht hungrig. Jeder hängt seinen Gedanken nach, meist düsteren.

Kumar versucht uns bei Kerzenschein aufzumuntern. Er erzählt von Engländern, die an der Höhenkrankheit gestorben sind, und von einer dicken Dänin, die sich letzte Woche auf 5000 Metern den Fuß gebrochen hat und die er zwei Tage lang auf den Schultern ins Tal tragen mußte. Nach Kumars Geschichte von den sechzehn Koreanern, die im Schlaf von einer Steinlawine überrascht wurden, verabschieden wir uns höflich und gehen zurück ins Zelt.

Wenn es für den Kleinen zu hart werde, flüstert die Ärztin vor dem Einschlafen, könnten wir morgen auch umkehren. Ich sage nichts und hoffe still, daß er morgen früh meutert.

Mittwoch

Kein schlechter Tod, von einem Jak zerfleischt zu werden. Drei Stunden steil aufsteigende Steinwüste liegen hinter uns. Die anderen sind weit vorausgeeilt, der Sextaner an der Spitze. Ich laufe in Serpentinen, weil ich die Steigung nicht mehr ertragen kann. Ganz oben wartet nur der Jak. Bedrohlich steht er da und verfolgt meinen Aufstieg. Seelenruhig fixiert er mich, als wolle er sagen: Ob du dich beeilst oder nicht, ich bin hier, und ich werde dich fressen.

Ob der Sextaner und die Ärztin den Trek auch ohne mich schaffen? Ob sie vielleicht klammheimlich erleichtert sind, wenn sie nicht mehr auf den Serpentinen-Nachzügler warten müssen? Aber ich bin immer noch der Organisator, ohne mich geht es nicht. Ich fasse Mut. Als ich auf einer Höhe mit dem Jak bin, sehe ich ihn verächtlich an, worauf er sich träge von mir abwendet und langsam in der Weite verschwindet.

Unsere Wasserflaschen aus Leh sind alle. Kumar hat Wasser aus dem Bach abgekocht und neu abgefüllt. Es schmeckt erdig und ein bißchen nussig. Mir fällt auf, daß ich seit vier Tagen nicht mehr an Bier gedacht habe. Und nicht an Zigaretten. Wir laufen einen schmalen Pfad entlang, einer nach dem anderen, eine kleine Karawane in der Ödnis. Die Berge um uns herum fangen an zu leben. Höhnisch grinsen sie herab, verwandeln sich in riesige Füße, die kommen, um uns zu zermalmen.

Langsam steigt Wut in mir hoch. Warum sind wir hier? Warum kann man Berge in einer solchen Höhe nicht einfach in Frieden lassen? Kein Wunder, daß sie böse werden und sich etwas einfallen lassen, um uns Angst zu machen. Fordern wir das Schicksal nicht mutwillig heraus? Ich bin ein stolzer Städter. Ich liebe das Menschengemachte, die Zivilisation und die Kultur. Will man als Berliner oder als Frankfurter, daß die Berge plötzlich hinabsteigen, mit Führern und Zelten, und sich in unseren Fußgängerzonen breitmachen? Ich verspreche, den Bergen nie wieder so nah zu kommen.

Unvermittelt stehen wir vor unserem Zelt. Kumar hat für heute wirklich eine einfachere Route ausgewählt. Wir legen unsere Schlafmatten an einen Bach und erleben den ersten glücklichen Moment. Die Ärztin träumt vor sich hin, der Sextaner liest, ich rasiere mich. Die Ponys grasen vor einem Rosenstrauch, der Koch legt schon das Tischtuch auf. Heute abend werden wir etwas essen.

Donnerstag

Es geht bergab. Kilometer für Kilometer. Wir haben beschlossen, daß dies unser letzter Wandertag ist. Kumar ist geknickt, aber unsere Stimmung ist beträchtlich gestiegen. Der Sextaner erzählt unentwegt Witze, die Ärztin hat kein Wort mehr über ihre roten Augen verloren. Heute abend werden wir eine Pizza essen und morgen den ganzen Tag im Hotelgarten lesen, wie in einem richtigen Urlaub.

Dann kommen wir an einer kleinen Schule vorbei. Sechs Schüler sitzen im Halbkreis, die jüngste fünf, die älteste dreizehn, und begrüßen scheu die Besucher. Der freundliche Lehrer versucht, ihnen Deutschland auf der Weltkarte zu zeigen, findet es aber nicht. Warum müssen seine Schüler das auch wissen? Vielleicht wäre es ja auch gut gewesen, wir hätten vorher nie etwas von Ladakh gehört.

Weil wir vorzeitig zurückkommen, müssen wir in ein anderes Hotel umziehen. Abends treten wieder Volkstänzer auf. "Die tanzen genau wie die anderen", stellt der Sextaner enttäuscht fest. Wir verraten ihm nicht, daß es die vom ersten Abend sind.

Freitag

Als alle Bücher ausgelesen sind, besuchen wir das Militärmuseum in Leh, das die Inder "Hall of Fame" genannt haben. Der Sextaner soll verstehen, warum in Ladakh überall Soldaten patrouillieren und selbst die Flughafenkontrolleure Maschinengewehre tragen. In den Vitrinen sind die Habseligkeiten der pakistanischen Kämpfer ausgestellt, die erschossen oder gefangengenommen wurden, Pässe, Briefe, Fotos von Frauen und Kindern. Wann und warum welche Armee in welchen Teil Kaschmirs einmarschiert sind, wissen wir auch nicht, als wir das Museum verlassen. Aber die Fotografien, auf denen die frierenden, blutenden Soldaten im Schnee zu sehen sind, gehen uns nach. Sie zeigen, daß in dieser Berggegend sehr ungemütliche Kriege ausgefochten wurden und daß daran gemessen unser Urlaub wirklich schön war.

Wer Ladakh ganz im Sinne des Autors bequemer erleben möchte, dem bieten die Veranstalter Gebeco und Studiosus Expeditionsreisen an.

Gebeco hat "Ladakh - das andere Tibet" im Programm, eine 20tägige Studienreise: von Delhi über Dharamsala zum Rothaar-Paß, von dort nach Keylong und Leh und zu den Klöstern drum herum. Pro Person im DZ samt Flügen, Übernachtungen in Hotels, Bungalows und Zelten für 2495 Euro (Gebeco, Holzkoppelweg 19, 24118 Kiel, Tel. 0431/54460, www.gebeco.de).

"Ladakh - Land der Klöster" heißt die 19tägige Reise mit Studiosus: von Delhi im Flugzeug nach Leh, von dort aus Touren zu Klöstern und ins Nubratal. Pro Person im DZ samt Flügen, Transfers, Übernachtungen in Hotels und Zelten und einer Jeepexkursion ab 2640 Euro (Studiosus, Postfach 500609, 80 976 München, Tel. 089/ 500600, www.studiosus.com).

Wer aber wie der Autor doch Trekking versuchen will: Dessen örtlicher Veranstalter heißt "Rimo Expeditions", 229, DLF Galleria, DLF Phase IV, Gurgaon, Haryana 122002, Indien, Tel. 0091/ 124/6806027, E-Mail rimo@atrav. com, www.rimotrekks.com. tob

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.02.2005, Nr. 6 / Seite V1
Bildmaterial: F.A.Z., Jochen Buchsteiner

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